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Bayerns Champions-League-Gegner FC Chelsea: Zu cool für diese Welt

Nur noch wenige Stunden bis zum großen Finale zwischen den Bayern und Chelsea. Besonders angespannt scheinen die Engländer nicht. Ihre Schlüsselspieler wirken beängstigend cool.

Von Klaus Bellstedt, München

Noch in der Nacht herrschten in München abenteuerlich-kalte Temperaturen für Mitte Mai. Jetzt, 24 Stunden vor dem großen Finale in der Champions League zwischen dem FC Bayern und Chelsea London, ist der Sommer ausgebrochen. Am Freitagabend ermöglicht der Föhnwind den Blick zu den schneebedeckten Bergen. Von der Allianz-Arena ist das Alpenpanorama gut zu erkennen. Es ist eine atemberaubende Fernsicht, die einen vor Glück verrückt machen könnte. Apropos verrückt: Es heißt ja, dass der Föhn wetterfühligen Menschen aufs Gemüt schlagen würde. Die beiden wichtigsten Spieler des FC Chelsea, die beiden Routiniers Frank Lampard und Didier Drogba, gehören definitiv nicht zu dieser Gruppe. Auf der Abschlusspressekonferenz der Engländer im Bauch des Stadions konnte man sich davon eindrucksvoll überzeugen.

Es ist stickig im Presseraum, ein Vertreter der allgegenwärtigen Uefa hat auf dem Podium schnell noch Wasserflaschen verteilt. Rund 100 vor allem englische Journalisten warten auf den Auftritt der beiden schillerndsten Persönlichkeiten im Kader der Londoner – in Abwesenheit des gesperrten Kapitäns John Terry. Dann kommen Frank Lampard (33) und Didier Drogba (34) durch eine Seitentür und begleitet vom Pressechef der "Blues" auf das Podium. Was soll man sagen? Das Duo strahlt eine fast schon erschreckende Entspanntheit aus. Die beiden abgezockten Profis, denen beide noch der Gewinn eines internationalen Titels in ihrer Sammlung fehlt, beherrschen nicht nur die Fußballkunst perfekt, sondern verfügen auch über die Fähigkeit, viel zu sagen und dabei nichts preiszugeben.

Heynckes-Zitat sorgt für "Knistern" im Saal

Während Lampard leicht desinteressiert und gelangweilt das übliche Frage-Antwort-Spiel über sich ergehen lässt, macht Drogba neben ihm schon mehr Spaß. Der Blick des Ivorers kann töten. Der 34-Jährige schaut kurioserweise mit halbgeöffneten Augen und von unten nach oben in den Saal, seine Augenfarbe mutet aus der Ferne wie pechschwarzer italienischer Espresso an. Er amüsiert sich sichtlich, scherzt mal hier mal da. Aber wehe, es kommt die falsche Frage. Dann fasst sich Drogba an sein funkelndes neon-oranges Armband und versprüht Gift. Ein Mal ist das am Freitagabend der Fall. Ein Journalist bezieht sich bei seiner Frage auf eine Äußerung von Jupp Heynckes.

Der Bayern-Trainer hatte wenige Stunden zuvor Folgendes über Drogba gesagt: "Manchmal übertreibt er es vielleicht ein bisschen mit seiner Schauspielerei." Ein englischer Pressevertreter will nun wissen: "Didier, bist du ein Schauspieler?" Leichtes Knistern im Saal. Lampard schaut seinen Teamkollegen neben sich verschmitzt an. Aber dem ist nicht nach Scherzen zu Mute: "No I am not an actor!" Schließlich muss der Pressemann der Uefa eingreifen. Er versucht hektisch, das Zitat von Heynckes zu relativieren. Was ihm eindrucksvoll misslingt. Drogba fühlt sich weiter angriffen und posaunt nun zum zweiten Mal hinaus, dass er auf dem Platz keinesfalls ein Schauspieler sei. "Definitely not!" Stille. Danach geht wieder alles seinen geregelten Gang.

"Nur genießen"

Adjektive wie "fokussiert", "hochkonzentriert" und "stolz" fallen. Chelsea-Ikone Lampard, der mit Drogba an seiner Seite vor vier Jahren nach einem Drama gegen Manchester United das Endspiel in der Königsklasse verlor, ist längst im Tunnel: "Moskau 2008 ist aus unseren Köpfen heraus, die Vergangenheit interessiert mich nicht. Sie interessiert uns alle nicht mehr." Man glaubt ihm das. Lampards Worte klingen überzeugend. Vielleicht auch deshalb, weil er sie so weich und eher leise über die Lippen bringt. Der Routinier wird den FC Chelsea am Samstagabend in Vertretung von John Terry als Kapitän auf das Feld führen. Das erfülle ihn mit "sehr viel Ehre", sagt er noch und schüttet kurz danach die nächste Halbliter-Wasserflasche in sich hinein.

Sein Teamkollege hat mittlerweile auch die Lockerheit wiedergefunden. "Ich will dieses Spiel einfach nur genießen", sagt Drogba. "Keiner hat uns doch hier erwartet. Und doch ist es verdient, dass Chelsea im Finale steht." Auch dieses Statement steht für Sekunden im Raum. Wer sich in zwei Spielen gegen den FC Barcelona durchgesetzt hat, dem wird Respekt entgegengebracht – sogar von Journalisten. Als sich Drogba zum Schluss, gefühlt zum hundertsten Mal, über den Heimvorteil der Bayern äußern soll, setzt der ivorische Stiernacken noch einmal diese gefährliche Lächeln auf. "Wir sind gern die Underdogs", sagt er. Und: "Es ist uns eine besondere Herausforderung, hier zu gewinnen."

Die Bayern sollten gewarnt sein

Wie zwei Schuljungen lachen sich Lampard und Drogba daraufhin an, bedanken sich artig und werden in ihren Trainingsklamotten aus dem Saal geführt. Noch Stunden später wird man das Gefühl nicht los, dass das ein sehr gelungener Auftritt der beiden Schlüsselspieler des FC Chelsea war. Unverkrampft, sympathisch, charmant, cool, bestimmend und auch ein bisschen giftig. Der Münchener Föhn wird Lampard und Drogba in dieser Nacht im feinen "Mandarin Oriental" sicher nicht den Schlaf rauben – und auch die Bayern sollten gewarnt sein.

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