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Bundesliga-Datenbank: Die Fußballflüsterer

Die Fußballberichterstattung strotzt vor Statistiken. Woher kommen diese Daten? Steht da wirklich an jedem Spieltag einer im Stadion und schreibt alle Ballkontakte mit? Nein, es sind immer zwei.

Von Björn Erichsen

Die drei großen Fenster der Sprecherkabine bieten ideale Sicht auf den Rasen der AOL-Arena. Sven und Andreas haben ihre Stühle dicht an die Fensterscheibe heran gerückt und starren hinunter auf das Spielfeld. Anpfiff zum Nordderby zwischen dem Hamburger SV und Hannover 96. Andreas beginnt zunächst langsam, dann schneller werdend, einen kryptischen Code aus Spielernamen in sein Mikrofon zu murmeln. Er spricht mit gedämpfter Stimme und klingt ähnlich monoton ein Auktionator auf einem nordamerikanischen Viehmarkt. Es ist der Auftakt zu einem 90-minütigen Fußball-Singsang.

Sven Meyer-Hansen und Andreas Wurl sind "Scouts", unterwegs im Dienste der Statistik. Ihr Job ist es, Fußballspiele in ihre Einzelteile zu zerlegen. Ballkontakte, Zweikämpfe, Pässe, Fouls, Freistöße, Abseitsstellungen, Torschüsse, Tore und eine ganze Reihe weiterer „Ereignisse“ werden von ihnen erfasst und unverzüglich vermeldet. Am anderen Ende der Leitung, in der Zentrale des Sportdatenanbieters IMP in Ismaning bei München, meißeln flinke Finger die hereinströmenden Daten auf die Festplatten der offiziellen Bundesliga-Datenbank. Rund 2000 mal werden Sven und Andreas in den nächsten 90 Minuten aus Hamburg gen Süden flüstern, im Durchschnitt alle 2,7 Sekunden ein Ereignis.

Wer ist Henrik Großöhmichen?

Der Arbeitstag von Sven und Andreas beginnt um 13.30 Uhr, zwei Stunden vor dem Spiel. Viel zu tun gibt es zunächst nicht, das nötige Equipment trägt sich in der Plastiktüte: Telefon, ISDN-Splitter und Kopfhörer sind in einer Minute eingestöpselt und funktionsbereit. Es bleibt Zeit für einen kleinen Imbiss im angrenzenden Pressebereich. "Früher waren wir mit großen Holzkisten unterwegs, die Übermittlungsgeräte waren riesig. Manchmal mussten wir sogar noch selbst Kabel verlegen", erzählt Andreas aus der Pionierzeit der professionellen Fußballzählerei. Andreas und Sven, beide 35, sind seit rund zehn Jahren dabei. Während ihres Studiums haben sie als Scouts bei der IMP angeheuert. Sven ist gleich ganz dabei geblieben, Andreas arbeitet wochentags im Vertrieb eines großen Kaugummiherstellers und ist nur noch manchmal als Fußballflüsterer unterwegs.

"Wer um alles in der Welt ist Henrik Großöhmichen?", rätseln die beiden Scouts als sie die Aufstellung durchgehen und bei den Ersatzspielern von Hannover 96 angekommen sind. Andreas blickt leicht besorgt hinunter auf den Rasen, ob er den Unbekannten vielleicht beim Aufwärmtraining ausmachen kann. „Es ist wichtig, dass wir immer sofort wissen, welcher Spieler grad an den Ball gekommen ist. Wenn das Spiel erst mal läuft, bleibt keine Zeit lange zu überlegen“, erzählt Andreas. „Schwierig wird es bei den Spielen der Aufsteiger, da man von denen ja zunächst kaum jemanden kennt.“ Hier beim Nordderby haben die beiden Hamburger damit keine Schwierigkeiten. Das Problem Großöhmichen löst sich jedenfalls von selbst, da Hannovers Trainer Ewald Lienen den jungen Mittelfeldspieler am heutigen Tage auf der Ersatzbank lassen wird.

Was halten Sie von der Statistikflut in der Fußball-Berichterstattung

Zweikämpfe und Rituale

Zur Sicherheit malt sich Andreas die taktischen Aufstellungen der beiden Mannschaften auf ein Blatt Papier. "Eigentlich bräuchte ich diese Übersicht nicht, es ist eher Ritual", sagt er, während er sich sorgfältig ein Brillenputztuch und eine Packung Zahnpflegekaugummis zurechtlegt. Kurz vor dem Anpfiff ist ihm die Anspannung anzumerken. Er wir heute um einiges mehr einzusprechen haben als Sven. Die beiden Scouts haben sich die Arbeit aufgeteilt, Sven ist für die Zweikämpfe zuständig, Andreas hat alle übrigen Ereignisse auf dem Spielfeld zu vermelden.

"Zweikämpfe sind die schwierigere Disziplin. Wenn es richtig zur Sache geht, hat kommt es schon mal schnell zu drei Zweikämpfen direkt nacheinander." Dann muss Sven innerhalb kürzester Zeit sechs Spielernamen in der richtigen Reihenfolge einsprechen, inklusive der Information, ob es sich um einen Boden- oder Luftkampf handelte. Nicht immer lässt sich der Sieger eines Zweikampfes eindeutig ermitteln. "Wir haben dafür feste Definitionen", sagt Sven, "aber sicherlich lässt sich manchmal darüber streiten, welcher Spieler bei einem Gewühl im Strafraum den Zweikampf gewonnen hat. Wenn wir mitbekommen, dass wir falsch gelegen haben, können wir uns immer noch mit dem Befehl 'Rück' korrigieren."

Das Gedächtnis der Bundesliga

Diesen Befehl hört man in Ismaning freilich nicht so gern. Wenn die Datenmassen aus den Stadien einströmen, herrscht dort Hektik. Die Informationen müssen umgehend in die Datenbank eingespielt, bearbeitet und an die Kunden in Medien und Vereinen übermittelt werden. Neben den Scouts im Stadion und den Erfassern am Computer, kümmern sich Redakteure um die Aufbereitung der Daten, Grafiker erstellen Sendegrafiken für die Fernsehberichterstattung. Nach Abpfiff wird jedes Spiel noch einmal anhand von Videoaufzeichnungen im Detail analysiert und ausgewertet. Pro Spieltag sind rund 70 Leute im Einsatz, um der Bundesliga-Datenbank neue Nahrung zu geben.

Die ist seit ihrer Einführung als "ran-Datenbank" in der Saison 1992/93 auf fast 35 Gigabyte angewachsen. Sie ist das Gedächtnis der Liga: Neben den aktuellen Spieldaten werden in ihr Informationen zu rund 32.000 Spielern, Trainern, Schiedsrichtern und Offiziellen für die Nachwelt festgehalten . "Mit Ausnahme von Urgesteinen wie etwa Oliver Kahn oder Michael Tarnat liegen uns von allen Spielern detaillierte Arbeitsnachweise aus deren gesamter Bundesligakarriere vor", sagt Holger Rahlfs, Leiter der Abteilung Sportdaten bei der IMP. "Keine andere Sportdatenbank in Deutschland wird so aufwendig betrieben und gepflegt wie die Bundesliga-Datenbank."

Barbarez kurz - Atouba lang - Kopf van der Vaart - Enke kurz - Kopf Mahdavikia - Torschuss - Tor. Derart emotionslos übermitteln Sven und Andreas, was soeben 40.000 Hamburger Fans in Ekstase versetzt hat: HSV-Stürmer Sergej Barbarez hatte den Ball auf den linken Flügel auf Timothée Atouba abgelegt, der mit einer weiten Flanke Rafael van der Vaart am Fünfmeterraum bediente. Den Kopfball des Holländers konnte Hannovers Torwart Robert Enke noch parieren, nicht aber den von Mehdi Mahdavikia. So in etwa wird der 1:1-Ausgleich des Hamburger SV in die Bundesliga-Annalen eingehen. Statistisch nicht erfasst bleiben allerdings die enormen Sympathiebekundungen der Hamburger Fans, die ein langgezogenes "Meeehdi" intonieren, um ihrem Publikumsliebling für sein Tor zu danken. Ausgerechnet Mahdavikia, der so unglücklich darüber war, dass er lange Zeit nicht mehr zum Einsatz kam und schon abgeschoben werden sollte. "Eine Geschichte wie sie nur der Fußball schreibt", sagen Reporter gern in solchen Fällen.

Das Rückgrat der Berichterstattung

Dabei könnten die durchaus anderes vermelden. Etwa, dass dies erst das dritte Kopfballtor von Mehdi Mahdavikia in der Bundesliga war, sein erstes seit über zwei Jahren. Oder dass der kleine Iraner ansonsten eher Tore vorbereitet, anstatt selbst welche zu schießen: Nie erzielte er mehr als fünf Saisontreffer, mit 50 Torvorlagen ist er aber der beste Vorbereiter des HSV im letzten Jahrzehnt. Diese Informationen stehen den TV-Kommentatoren des Spiels bereits kurz nach dem Ausgleichstor zu Verfügung. Der zuständige Redakteur der IMP hat der Bundesliga-Datenbank dieses Wissen entlockt und mundgerecht für den Mann am Mikrofon aufbereitet.

"Statistiken sind längst zum Standard in der Fußballberichterstattung geworden", sagt Holger Rahlfs, "ein Trend, der in Zukunft eher noch zunehmen wird." Zu den Kunden der IMP zählen vor allem Fernsehsender wie Premiere, die ARD, SAT1 oder das DSF, aber auch Zeitungen, Sportzeitschriften und Online-Magazine. Kaum eine Redaktion verzichtet noch auf Spieler-Saisonvergleiche, historische Spielstatistiken oder Einzelspieler-Auswertungen, um Zuschauern und Lesern den Ausgang eines Spiels zu erklären. Die Fußballberichterstattung ist zur Quasi-Wissenschaft mutiert, die Datenkolonnen aus der Bundesliga-Datenbank ihr statistisches Rückgrat.

Keine Zauberformel für Erfolgsfußball

Die Vereine haben ebenfalls großes Interesse an den Daten. Wo Millionen auf dem Spiel stehen und Arbeitsplätze an Sieg oder Niederlage hängen, will keiner der Verantwortlichen allzu viel dem Zufall überlassen. Im Profifußball kein Transfer mehr getätigt ohne vorherigen Blick auf die Spielerstatistik, kein Bundesliga-Spiel angepfiffen, ohne dass beide Trainer Stärken und Schwächen des anderen ausführlich analysiert haben. Über den tatsächlichen Nutzwert wird indes leidlich gestritten, eine Zauberformel für erfolgreichen Fußball ist aus den Datenkolonnen bisher jedenfalls nicht hervorgegangen.

Auch HSV-Trainer Thomas Doll liest Statistiken, setzt jedoch mehr auf Teamgeist, Motivation und den Ehrgeiz seiner Spieler. Dieser Umstand könnte das Glück von Mehdi Mahdavikia durchaus noch verlängern. Denn die Scouts Sven und Andreas haben genau mitgezählt: Abgesehen von seinem Tor und vier Torschüssen war es ein eher mittelmäßiges Spiel des kleinen Iraners: Magere 52 Ballkontakte, eine durchwachsene Zweikampfbilanz, nur 71% seiner Pässe kamen auch beim Mitspieler an. Der mit Abstand schlechteste Wert eines Hamburger Mittelfeldspielers an diesem Tag. Seine Chancen stehen dennoch recht gut, dass er auch beim nächsten Spiel von Beginn an aufläuft. Wie sollte Doll den Fans erklären, dass er ihren "Meeeeehdi" wieder auf der Bank lässt? Die Statistik wird sie kaum überzeugen. Manches im Fußball lässt sich nicht so recht beziffern. Eher fühlen.

Der andere Blickwinkel

Um 17.18 Uhr nehmen Sven und Andreas erschöpft ihre Kopfhörer ab. Ein letztes Servus an die Kollegen nach München. Nach 1221 Ballkontakten, 749 Pässen, 214 Zweikämpfen, 28 Torschüssen, 36 Fouls 13 Ecken und nur zwei Toren ist Schluss für heute. "Ein eher laues Spiel, nicht außergewöhnlich schwer zu beobachten", resümiert Sven. Die beiden bleiben noch eine Weile in ihrer Kabine, um sich die Zusammenfassung der anderen Spiele anzuschauen. Natürlich sind beide Fußballfans, doch der Job zeigt Wirkung: "Seit ich Scout bin, schaue ich mir die Spiele nicht mehr an wie früher", sagt Andreas, "irgendwie fallen mir immer andere Dinge auf als meinen Freunden."

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