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Kolumne

Rot-weiß - die Bayern-Fan-Kolumne: Lehre aus den Länderspielen: Joachim Löw muss so spielen wie der FC Bayern

Die Erkenntnisse der Länderspiele sind schnell zusammengefasst: Bundes-Jogi holt sich Tipps in dieser Fan-Kolumne und setzt auf die Bayern. Das ist der richtige Weg, doch Löw muss den FCB noch radikaler kopieren, um weitere Titel zu holen. So wie früher.

Von Stefan Johannesberg

Joachim Löw beim Training der DFB-Elf

Joachim Löw beim Training der DFB-Elf

Getty Images

"Der einzige, echte Sechser rudiesker Prägung wäre Joshua Kimmich, aber den hat das Schicksal ja auf Außen geweht" - so stand es vor ein paar Wochen messerscharf analysiert in dieser FC-Bayern-Fan-Kolumne zum Abgang von Sebastian Rudy. Bundestrainer Jogi Löw sah das genauso und stellte Kimmich in Abwesenheit des Neu-Schalkers Rudy als Spielmacher vor der Abwehr ins defensive Mittelfeld. Der 23-Jährige zeigte vor allem gegen Frankreich, dass dies seine Position war und ist. Zweikampfstark und passsicher gab er Kroos, Gündogan und Goretzka die offensiven Freiheiten. Bei den Bayern übernimmt das zwar momentan der famos aufgelegte Thiago, doch das System ist Kimmich bekannt und er intelligent genug - trotz geringer Spielpraxis in der Mitte – seinen Part abzuliefern. 

Gegen Peru, eine tiefstehende, aber schnell konternde Mannschaft, verfielen Löw und so auch seine Mannschaft inklusive Kimmich zu oft in alte Ballbesitz-Muster. Das Spiel erinnerte an die erste Halbzeit gegen Schweden (immerhin die einzig wirklich brauchbaren 25 Minuten der WM 2018), als das vertikal-schnelle Spiel durch die Mitte ab und an funktionierte und man nur wegen mangelhafter Chancenverwertung den Kroos-Freistoß in der 96. Minute brauchte. Das Risiko dieses Stils, wenn Kroos und Gündogan als Achter den Ball laufen lassen und Brandt und Reus sich ebenfalls durch die Mitte zaubern, liegt auf der Hand: Konteranfälligkeit und fehlende einfache Mittel aka Flanken oder Standards. Löw sollte sich daher noch viel radikaler den FCB als Vorbild nehmen, will er mit feinem Offensiv-Fußball weitere Titel erringen. Blicken wir kurz auf den WM-Titel und das Jahr 2014 zurück. 

WM-Titel 2014 nur dank Bayern München

Die Bayern um Lahm, Schweinsteiger, Neuer, Müller, Boateng, Kroos und Götze hatten mit den Ex-Münchnern Hummels, Klose, Co-Trainer Hansi Flick und Doc Müller-Wohlfahrt gerade den vierten Weltmeistertitel geholt. Nur leicht unterstützt von ein paar Schwaben und "Saupreußen". Trainer-Gott Pep Guardiola zelebrierte mit seinem FCB einen dominanten, aber fairen Offensiv-Wirbel, den man in Deutschland seit der legendären Fohlen-Elf Anfang der 70er nicht mehr gesehen hatte, und schuf so die Grundlage für Joachim Löws Adaption des Ballbesitzfußballs. Löw selbst bezeichnet das 5:0 von Peps FC Barcelona im Clasico gegen Real Madrid 2010 noch heute als das beste Spiel, das er jemals gesehen hat. Daher ergänzten sich der FC Bayern und Deutschland 2014 perfekt.

Ab 2018 muss diese Strategie, die Bayern als Basis des eigenen Systems zu nehmen, wieder intensiviert werden. Immerhin konnte man am Wochenende erste Tendenzen erkennen. Was könnte Löw noch tun?

Niko Kovac als Vorbild 

Erst hatte Ex-Nationalmannschaftskapitän Philipp Lahm mehrmals Löws Führungsstil für unpassend erklärt. Jetzt ging Rekordnationalspieler und Beinahe-Greenkeeper Lothar Matthäus in seiner Sky-Kolumne einen Schritt weiter: "So wie es Kovac aktuell bei den Bayern moderiert, so muss es auch Löw tun. Keine Belohnungen mehr für vergangene Leistungen. Schluss mit der Nibelungentreue." Niko Kovac steigt mal eben in zwei Monaten von der fünften Trainerwahl als vermeintlicher Taktikanalphabet zur Blaupause für den Welttrainer 2014 auf. So schnell kann es gehen. Kovac' Mittel: Leistungsprinzip, Klarheit, autoritäre Nähe und Taktikideen wie enges Gegenpressing, Standards und die torgefährlichen Doppel-Schleicher Müller und Goretzka als Antwort auf tiefstehende Teams. Einfach und effektiv.

Der Co-Trainer als Achillesferse

Bayern-Fans können ein Lied von der Wichtigkeit des Co-Trainers singen. Klinsmann, der Innovator und Motivator, scheiterte 2008 trotz Buddha-Figuren an der Säbener Straße auch an der Fehlbesetzung seines unerfahrenen Co-Trainers Martin Vasquez. Denn: Taktisch war der ehemalige Tonnentreter so limitiert wie sein Passspiel. Joachim Löw hatte bei der WM 2006 als Klinsis Assistent die Konzepte und Spielsysteme orchestriert, bei Bayern kam nun Vasquez diese Rolle zu - und Klinsi war schnell Geschichte. Auch Carlo Ancelotti verschlechterte selbstverschuldet seine Situation beim FCB, als er zur Winterpause 2016 den Taktiker Paul Clement in die Premier League gehen ließ und keinen Ersatz holte. 

Löw hat sich nun von Thomas Schneider getrennt und Marcus Sorg sitzt neben ihm auf der Bank. Besser wäre es jedoch, Löw würde sich einen gestandenen Trainer wie Hannes Wolf holen, der ihm auf Augenhöhe begegnet und bei dem Löw selbst nicht auf Taktik-Maestro machen muss. Auch hier ist Kovac ein smartes Vorbild, weil er den klugen Heynckes-Intimus Peter Hermann zurückholte. 

Ein Müller spielt immer - aber bitte nicht auf Außen

Wir hatten als Experten-Argument schon Lotto-Loddar, da darf natürlich Super-Mario nicht fehlen. "Ich hätte mir eher gewünscht, dass Thomas Müller mal sagt: 'Der flankt ja im Moment die Bälle in Richtung NASA, zur ISS'", so Ex-Flankengott Mario Basler im Sport-1-Doppelpass. Ausnahmsweise richtig erkannt, Mario, auch ein blinder Proll findet mal ein Korn. Thomas Müller war, ist und wird – in Monty- Python-Sprache - nie, nie, nie ein Außenstürmer sein. Bei Bayern spielt er dies seit Van Gaal nicht mehr ernsthaft und bei den Weltmeisterschaften 2010 und 2014 konnte er sich noch auf eine gewisse Schnelligkeit und vor allem Hinterläufer Lahm verlassen.  

Die große, einzigartige Stärke von Thomas Müller ist jedoch die des Raumschleichers und zweiter Spitze. Dafür nahm Pep gar die fehlende Passstärke in Kauf. Kovac und Löw haben mit Goretzka sogar einen jüngeren Spielertyp mit ähnlichen Eigenschaften. Wie oben bereits beschrieben: Gegen tiefstehende Mannschaften wie Stuttgart bewegten sich mit Lewy, Müller und Goretzka gleich drei kopfball- und torgefährliche Spieler in und um den Sechzehner. Wenn also Schweden, Mexiko oder eben Peru wieder mal den Bus vorm Tor parken, sollte Löw den Spanier in sich kurz zur Seite schieben. Immerhin fiel das Tor nach der Einwechslung Müllers für Gündogan.

Das Gleiche, wie für Müller, gilt übrigens auch für den überschätzten Draxler. Großgewachsen, torgefährlich und technisch gut wäre er eigentlich prädestiniert für die Achter-Position, auf Außen fehlt ihm die Schnelligkeit im Antritt. Vor allem gegen tiefstehende Gegner und enge Räume. 

 
Die Bayern-Fan-Kolumne

Koan Stoßstürmer, koane Party

Wie gefährlich der momentan einzige Stoßstürmer Nils Petersen in seinen Minuten gegen Peru war, hätte selbst Pep Guardiola gesehen. Das Rezept ist so einfach wie effektiv: Po raus und Bälle festmachen oder abtropfen lassen, Kopfballduelle gewinnen und im Strafraum präsent sein. Es hat schon seine Gründe, warum Bayern mit Mario Mandzukic und später Lewandowski angriff, warum Giroud gerade gestern wieder Frankreich retten musste und die Löw-Jahre vor allem dank eines Klose als spielender Stoßstürmer so gut funktionierten. Fazit: Werner sollte dank seiner Schnelligkeit mittelfristig zum Außenstürmer umschulen und Kruse begnadigt werden.  

Butter bei die Fische: 4-3-3 – so viel Klasse hatten wir noch nie

Hier mal  - auf Grundlage eines 4-3-3 oder wahlweise 4-1-4-1 – mehrere mögliche Teams:

Team 1: Neuer – Hector, Süle, Hummels, Kehrer – Kimmich – Kroos, Müller – Reus, Werner – Petersen

Team 2: Ter Stegen – Schulz, Rüdiger, Boateng, Ginter – Rudy – Gündogan, Goretzka – Sane, Brandt – Gnabry    

Weitere Spieler: Fährmann, Plattenhardt, Can, Havertz, Draxler, Kruse, Eggestein, Amri, Weiser, Weigl etc. 

Ganz ehrlich: so viel Klasse hatten wir in Deutschland noch nie. Wir müssen nur wie die Bayern spielen und Löw die Kolumne weiterlesen, dann klappt das schon. 

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