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Champions-League-Halbfinale: Black Power dominiert Europa

Europa baut auf den Schwarzen Kontinent: Bei den Champions-League-Halbfinalisten Barcelona, Chelsea und Arsenal werden die Schlüsselpositionen von afrikanischen Weltklasse-Spielern besetzt. Afrika scheint, zumindest im Vereinsfußball, auf der allerhöchsten Ebene angekommen zu sein.

Von Daniel Theweleit

Man muss schon sehr genau hinsehen, um Yaya Touré wahrzunehmen, wenn der FC Barcelona spielt. Zu grell strahlt der Glanz der Offensivkünstler bei den Spaniern. Zuerst waren es die Stürmer Lionel Messi, Thierry Henry und Samuel Eto'o, von denen die Welt sich hinreißen ließ, dann standen die Passkünstler Xavi Hernández und Andrés Iniesta im Mittelpunkt der europaweit verfassten Hymnen. Derjenige aber, der diese rasante Kombinationsmaschine absichert, ist Touré. Vor dem Rückspiel im Champions-League-Halbfinale am Mittwoch beim robusten FC Chelsea sagt der Ivorer: "Ich fürchte, dass sie uns in den Zweikämpfen fressen werden." Er sagt das mit diesem gutmütigen Lächeln, das typisch ist für ihn. Der 25-Jährige weiß genau, dass auch er einige Londoner fressen wird.

Afrika dominiert die Königsklasse

Touré steht für eine Entwicklung. Er ist einer von neun Fußballern aus Westafrika, die in den Hinspielen der Königsklasse in den vier Startformationen von Manchester United, FC Arsenal, FC Chelsea und FC Barcelona standen. Die Fußballweltmacht Brasilien war dagegen nur mit zwei Profis vertreten (Alex und Anderson), ebenso Argentinien (Carlos Tevez, Lionel Messi). Nimmt man die acht Franzosen aus der Vorschlussrunde der Champions League hinzu, die sämtlich afrikanische Wurzeln haben, lässt sich die These formulieren, dass der Schwarze Kontinent diese Saison in der Fußballkönigsklasse dominiert wie nie zuvor.

Wenn man Otto Pfister die Namen der vielen Fußballspieler aus Togo, Kamerun, Nigeria, der Elfenbeinküste und Ghana vorliest, die in der Vorwoche aufgelaufen sind, entfährt dem erfahrenen Fußballlehrer ein zufriedenes Glucksen. "Ja, das ist ein Trend, diese Spieler explodieren im Moment", sagt der deutsche Weltenbummler, der zurzeit als Trainer der Nationalmannschaft von Kamerun arbeitet. Ein wenig Vorsicht ist immer geboten, wenn Pfister beim Reden über afrikanischen Fußball ins Schwärmen verfällt, doch diesmal sind die Fakten erstaunlich. "Afrika ist angekommen auf dieser allerhöchsten Ebene", sagt der 71-Jährige, denn es sind nicht mehr nur die Topstürmer wie Emmanuel Adebayor (Arsenal), Didier Drogba (Chelsea) und Samuel Eto'o (Barcelona), die den Kontinent in der Königsklasse vertreten. Auch die strategisch wichtigen Positionen in der defensiven Mittelfeldzentrale befinden sich bei den führenden Klubs derzeit fest in afrikanischer Hand.

Touré, Essien und Obi Mikel ziehen die Fäden

Beim FC Barcelona zieht Touré die Fäden, das Spiel des FC Chelsea wird von Michael Essien und John Obi Mikel gelenkt, und beim FC Arsenal agiert der Kameruner Alexander Song an dieser zentralen Schaltstelle. Außerdem standen Kolo Touré und Emmanuel Eboué (beide Arsenal) auf dem Platz, als die Champions-League-Melodie in der vergangenen Woche erklang. Sieht man einmal von Barcelonas Wunderstürmer Lionel Messi ab, sind es in diesem Jahr nicht die südamerikanischen Filigrantechniker, die der Endphase des Wettbewerbs ein Gesicht verleihen, sondern die afrikanischen Dynamiker.

Steffen Freund wundert das nicht. Der frisch ausgebildete Fußballlehrer war im vorigen Jahr Assistent von Berti Vogts bei der nigerianischen Nationalmannschaft und sagt: "Viele Impulse, die früher von der Zehnerposition ausgingen, müssen im modernen Fußball von der Sechs kommen. Und weil auf der Sechs eine viel größere Robustheit erforderlich ist, sind die kraftvollen Spieler aus Westafrika mit ihren enormen individuellen Fähigkeiten prädestiniert für diese Position." Pfister sieht das ähnlich. "Nehmen Sie mal einen Torsten Frings", sagt er, "wenn der den Ball im Zweikampf verliert, dann ist der sofort überspielt - ein Essien aber hat die Kapazität, den Ball in so einem Fall selbst wieder zurückzuholen."

Der Bremer Nationalspieler wird das nicht gern hören, aber Tatsache ist: Vor allem in England hat man den Wert dieser Qualitäten, die viel mit den biometrischen Vorteilen zu tun haben, schätzen gelernt. Und nicht nur dort. Auch Hoffenheims Trainer Ralf Rangnick, der vier Afrikaner in seinem Kader hat, sagt: "Diese Laufstärke und die starke Physis sind sehr interessant, das sind ja Fähigkeiten, die man nur bedingt trainieren kann."

Bundesliga verehrt weiterhin die Südamerikaner

Die meisten Vereine der Bundesliga scheuen dennoch davor zurück, afrikanische Fußballer zuverpflichten. "Was die Pflege der Spieler angeht, ist das nicht so einfach", nennt Rangnick als Grund, vor allem deshalb haben die Scoutingabteilungen der hiesigen Klubs diesen Markt in den vergangenen Jahren anderen europäischen Vereinen überlassen.

In der Bundesliga werden weiterhin die Südamerikaner verehrt, Mittelfeldstars wie Bremens Diego, Bayerns Zé Roberto oder Leverkusens Renato Augusto. "Der englische Tempofußball ist dagegen weniger das Spiel für Brasilianer, hier finden sich Afrikaner schneller zurecht", sagt Freund, der sich in der Premier League gut auskennt.

Nur Champions-League-Titelverteidiger Manchester United kommt bislang ohne Spieler vom Schwarzen Kontinent aus, während eine Mischung der Kontinente Europa, Südamerika und Afrika beim FC Barcelona zu finden ist. Vielleicht ist auch das ein Grund dafür, dass diese Mannschaft derzeit die größte Faszination ausübt. "Wir sind das beste Team Europas in dieser Saison", sagt Touré, "und jetzt ist es Zeit, dies zu demonstrieren." Für Barça und für Afrika.

FTD

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