David Odonkor Verloren im Paradies


Er war ein Held des Sommermärchens 2006. Dann ging er nach Sevilla. Seitdem spielt er wenig, kämpft mit Verletzungen und Heimweh. David Odonkor steht vor der Frage, ob es mit Mitte 20 ums Glück geht oder ums Geld.
Von Wigbert Löer

Darf er jetzt hoffen? Josep Nogués, der neue Trainer, schreitet über den trockenen Rasenplatz in Sevilla, dirigiert, gestikuliert, redet. Es ist Mitte April, Nogués spricht viel beim ersten Training, auch mit David Odonkor. Dessen alter Trainer hatte nie was zu ihm gesagt.

Sechs Tage später steht Odonkor in der Startelf von Real Betis. Er hofft. Doch für Wochen wird es in der Primera División sein einziger Einsatz von Beginn an bleiben.

David Odonkor war einer der Welpen des WM-Wurfes, das Gesicht des Sommermärchens, kein Techniker und kein Stratege, aber eine Waffe auf der rechten Außenbahn. Unermüdlich und uneinholbar sprintete er im WM-Spiel gegen Polen am 14. Juni 2006 die Linie runter, es lief schon die Nachspielzeit, als Odonkor in den Strafraum flankte - und Oliver Neuville das 1 : 0 für Deutschland schoss. Das Achtelfinale war erreicht und Odonkor ein Held. Einer wie Schweini und Poldi.

An diesem Freitag spielt die Nationalelf gegen China, am Dienstag darauf gegen die Vereinigten Arabischen Emirate. Odonkor ist nicht dabei. Er wird bei Betis auf der Bank sitzen, wieder mal, auch im letzten Saisonspiel der spanischen Liga, und selbst wenn er seinem Klub nicht verpflichtet wäre: Der Bundestrainer braucht ihn nicht. Bei der Europameisterschaft 2008 durfte er noch eine Halbzeit spielen, seitdem nicht mehr. David Odonkor aus Bünde bei Bielefeld ist tief gefallen. Nicht nur sportlich.

Glück oder Gehalt

Was macht ein Fußballprofi, der nicht zurechtkommt, nicht beim Verein, nicht in der Stadt, nicht in dem Land, in dem er lebt? Die Klappe halten und kämpfen? Und an Millionen Menschen denken, die sofort mit ihm tauschen würden? Wie viel Leid muss man aushalten? Geht es mit Anfang 20 ums Glück oder ums Gehalt? Es waren Fragen wie diese, die sich David Odonkor, nach der WM 2006 für 6,5 Millionen Euro aus Dortmund gekommen, plötzlich stellte.

Er lenkt seinen schwarzen Porsche über den breiten Paseo de la Palmera, als er von seinen ersten Wochen in Spaniens Süden spricht. "Zuerst bist du froh, dass ein großer Verein dich haben und auch noch viel bezahlen will. Und dann stehen für das erste Saisonspiel 18 Leute im Kader. Ich war die Nummer 19." Blühende Vorgärten fliegen vorbei, dahinter Stadthäuser und hohe Palmen, Odonkor schaut geradeaus und klingt, als berichtete er vom Beginn eines Horrorurlaubs. "So fing das hier an."

Er war 22, seine Freundin Suzan, eine Ostwestfälin mit italienisch-türkischen Wurzeln, 19 Jahre alt, als sie in Sevilla landeten und gleich auf sich allein gestellt waren. Betis half nicht mal bei der Haussuche. Zwei verlorene, weitgehend orientierungslose Deutsche ohne Spanischkenntnisse begaben sich nun auf den Immobilienmarkt der 700.000-Einwohner-Stadt - leichte Opfer für gewiefte Makler. Zweimal mieteten sie ein Haus, das sich nach Einzug als dauerfeuchte Bleibe erwies.

Schwarze Tage

Das junge Paar fühlte sich einsam und fremd. Betis trainiert in der Regel nur einmal pro Tag, den Spielern bleibt viel freie Zeit. Odonkor aber ist niemand, der sich eine Stadt erobert. Den Alcázar, die berühmte maurische Burganlage neben der Kathedrale, kennt er bis heute nicht. Sevilla mit seinen lauten, lebensfrohen und stolzen Bewohnern hat ihn nie interessiert. Nichts konnte ersetzen, was ihm so sehr fehlte: Freunde, Familie, Bekannte. Die eigene Sprache. "Ich habe mir nicht vorgestellt, was das heißt, im Ausland zu leben", sagt Odonkor, stadtauswärts steuernd. Fernweh hatte er nie verspürt.

Suzan war schwanger, ein Grund zum Glücklichsein, doch im dritten Monat verlor sie das Kind. Odonkor suchte gerade in einem Elektromarkt ein Ladegerät für sein Handy, als der Anruf seiner Freundin kam. "Es war der schwärzeste Tag in meinem Leben", sagt er. Noch Monate später hing ein Ultraschallbild des Ungeborenen neben ihrem Bett.

Wenige Tage nach der schlimmen Nachricht erlitt Odonkor einen Knorpelschaden im Knie. Operation, Gehversuche, Reha in Deutschland. Einzeltraining, Mannschaftstraining. Ein halbes Jahr Pause. Geduld, Geduld, Geduld. Und keine Chance zu tun, wozu er hergekommen war: es zu packen in der neben England stärksten Liga der Welt.

Vaterglück

Die Verletzung brach noch zwei weitere Male auf. In jeder seiner drei Spielzeiten bei Betis stoppte ihn das Knie für mehrere Monate. Für Odonkor ging es um nicht weniger als seine Existenz als Fußballprofi - zwischenzeitlich sah es so aus, als könnte er nie wieder spielen.

Er erreicht die umzäunte Wohnanlage am Rande eines Golfplatzes, in die er schließlich gezogen ist, sieht seinen Mitspieler Edú Schmidt, einen Brasilianer, flachst kurz auf Englisch mit ihm und erreicht dann das rot gestrichene Haus. Oben im ersten Stock hält gerade jemand eine ausgiebige Siesta: Adriana Odonkor, das Töchterchen, im vergangenen November zur Welt gekommen.

Ihr Vater taucht gleich nach Ankunft ein in seine Familie, die an diesem Tag eine Großfamilie ist. Suzans Eltern Turan, 49, und Rita Barka, 46, sind zu Besuch, auch ihre beiden kleinen Brüder Roberto und Leon. Sie hocken am Holztisch und essen. Sie gucken deutsches Fernsehen. Sie kicken im Garten. Als Adriana aufgewacht ist, nimmt Odonkor sie auf den Arm, kommt auf die Terrasse, stemmt sie hoch in den blauen Himmel und lacht sie an, wie junge Väter das so tun, immer wieder, bis Adriana lächelt.

"Ins Paradies vertrieben"

Die Familie ist sein Rückzugsort. Odonkor steht hier nicht im Mittelpunkt, und genau das gefällt ihm: Er ist ein Mensch, der gern einfach nur dabei ist. Zu seinem eigenen Vater, einem Ghanaer, der seine Frau und die vier Kinder früh verließ, hat Odonkor kaum Kontakt. Seinem Schwiegervater hat er zu Weihnachten ein Tattoo geschenkt. Am Abend wollen sie ins Zentrum fahren, Turan Barka wird sich einen Falken stechen lassen.

Fünf Jahre läuft Odonkors Vertrag, drei hat er hinter sich. "Mallorca wäre praktischer gewesen", sagt er, "da gibt es Direktflüge nach Deutschland." Die lange, für das spanische Fußballgeschäft aber nicht ungewöhnliche Laufzeit hatte noch sein erster Berater Kon Schramm ausgehandelt. Trägt er die Schuld daran, dass Odonkor "ins Paradies vertrieben" wurde, wie eine Zeitung damals schrieb?

Schramm, 51, hatte Odonkor kennengelernt, als der noch Jugendspieler von Borussia Dortmund war. Er ahnte, dass sein Klient in Südspanien scheitern könnte. "Ich habe dem David klargemacht, dass es extrem schwierig ist, sich da durchzusetzen", sagt Schramm. "David ist keiner fürs Ausland. Aber er wollte ja unbedingt." Und Betis bot eben diese stattlichen 6,5 Millionen Euro. Odonkor war nach der WM euphorisch. Das war die Situation im Sommer 2006.

Ansprechpartner und Freund

Wahrscheinlich muss man von Schicksal sprechen und nicht von Schuld. Damals schien es ja nur Gewinner zu geben: Borussia Dortmund, das Millionen einstrich, dann den Berater Schramm, der eine üppige Provision kassierte. Auch Real Betis, das einen WM-Helden verpflichtete. Und Odonkor, der sein Gehalt vervielfachte und in fünf Jahren fünf Millionen Euro netto verdient.

Zurück nach Deutschland konnte Kon Schramm ihn dann nicht vermitteln. Odonkor warf seinem Berater vor, dass er keinen anderen Verein für ihn finde. Das Verhältnis war zerrüttet. "Der David hat von Offerten in die Türkei geträumt, die ihm irgendein Kumpel in Bünde in den Kopf gesetzt hatte", sagt Schramm.

Odonkor kam nicht weg von seinem Klub, der, an Leidenschaft und Chaos gemessen, ein spanisches Schalke ist, eine teure Mannschaft unterhielt - aber wieder mal gegen den Abstieg kämpfte. Irgendwann vertraute er sich Cristobal Guzman an. Guzman, 35, ist ein geschäftiger und zugleich bodenständiger Typ, der daheim in Schwaben für den Kreisligisten GSV Eibensbach kickt und in Andalusien Zaziki und andere Soßen produziert. Nun ist er Odonkors Ansprechpartner für beinahe alles, hält Kontakt zu Sevillas Sportreportern und macht sich bei den Betis- Bossen für ihn stark. Die beiden wirken vertraut miteinander, wie großer und kleiner Bruder. "Cristobal ist ein Freund", sagt Odonkor. "Mit ihm ist es hier leichter."

Sprint zum Sieg

Ende März 2008 im Heimspiel gegen den FC Barcelona wurde Odonkor beim Stand von 0 : 2 eingewechselt, bereitete ein Tor vor und holte einen Elfmeter heraus. Er rannte Betis zum Sieg. Das Trikot von Barcas Außenverteidiger Abidal, gegen den er spielte, hängt über seiner Treppe.

Für Auftritte wie diesen, als er 37 Minuten Zeit hatte und das Spiel im Alleingang drehte, hat Betis ihn geholt. Sie gelingen ihm zu selten. Oft wird er nur kurz eingesetzt, im Training schafft er es nicht, sich aufzudrängen.

Odonkor geht durch seinen Garten, drinnen auf dem weißen Wohnzimmersofa gibt Schwiegermutter Rita seiner Tochter Adriana das Fläschchen. Alle wuseln umeinander, es ist ein glückliches Bild, die Auswechselbank scheint jetzt weit weg. "Darauf kommt es doch an, darauf!", sagt David Odonkor, der im Gespräch oft von einem zum nächsten Thema sprintet. Worauf? "Nicht nur auf viele Meisterschaften, sondern dass man das Leben weiterführen kann." Ein Leben in materieller Sicherheit meint er, das ist sein Wunsch für die Zeit nach der Karriere: genug Geld verdient und nicht wieder ausgegeben zu haben. Nicht jeder Profi mit Millionengehalt kann sich diesen Wunsch erfüllen.

Sehnsucht nach der Heimat

Mit 14 Jahren haben sie ihn nach Dortmund geholt, fünfmal die Woche zum Training gefahren, 131 Kilometer hin und 131 Kilometer zurück. Später zog er nach Dortmund, spielte weiter für Borussia, vor manchmal 80.000 Fans. Nun sitzt er in Sevilla, ein Gastarbeiter, der sich seinem Schicksal fügt, schon deutlich mehr vom abgebrochenen Spanisch der Andalusier versteht, der sich auch gar nicht mehr so unwohl fühlt und trotzdem voller Sehnsucht an seine Heimat denkt. Er würde so gerne zurückkommen und wieder in der Bundesliga spielen.

"Odonkó", ruft ihm am Parkplatz des Trainingsgeländes ein vielleicht zehnjähriger Junge ins Auto, verschluckt dabei wie alle Sevillaner das R und betont das letzte O - "Odonkó! Unterschreib mal hier! Und dann sieh zu, dass du nicht immer nur die Linie runterläufst." David Odonkor verzieht keine Miene und unterschreibt.

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