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Der FC Bayern in der Champions League: Die Gefahren des Systems Guardiola

Der FC Bayern verschafft sich mit einem 1:1-Remis bei Manchester United eine gute Ausgangsposition im Viertelfinale. Trainer Pep Guardiola musste aber erleben, wie sein Zauber-Fußball bezwingbar ist.

Von Nils Kemter

Würden Fußballspiele nach Ballbesitz entschieden, so gewänne seine Mannschaft in jeder Partie, hatte Pep Guardiola den Journalisten in die Blöcke diktiert. Mehr als Dreiviertel der Kontakte gingen auf das Konto seiner Elf, ein feines Passspiel hatte sie aufgezogen und Chance um Chance kreiert. Doch nach 90 Minuten bejubelte an der Stamford Bridge in London der FC Chelsea einen 1:0-Erfolg über den spanischen Favoriten FC Barcelona. Das System Guardiola war geknackt, der Top-Anwärter auf den Pokal besiegt worden. Es war der 18. April 2012, das Hinspiel im Champions-League-Halbfinale.

Möglicherweise erinnerte sich Guardiola in der 58. Minute am Dienstagabend im Viertelfinale 2014 an dieses Spiel zurück. Manchester United hatte da einen Eckball bekommen, Verteidiger Nemanja Vidic sich von Philipp Lahm weggestohlen und zum vielumjubelten 1:0-Führungstreffer für die Hausherren gegen Guardiolas FC Bayern eingeköpft.

78 Prozent Ballbesitz für Bayern

Der frisch gekürte deutsche Meister hatte im Old Trafford die Partie klar dominiert, im Mittelfeld nach Belieben schalten und walten können und 78 Prozent Ballbesitz verzeichnet. Weil Bastian Schweinsteiger nach 67. Minuten noch zum 1:1-Endstand ausgleichen konnte, blieb Guardiolas Horror-Szenario zwar aus. Die Parallelen zu seinem Ex-Club Barcelona jedoch waren unübersehbar. Es schien, als hätte sich Trainer David Moyes beim Landesrivalen Chelsea und Trainerfuchs José Mourinho abgeschaut, wie der guardiolasche Fußball zu bezwingen ist.

Dem kriselnden United, in der Premier League mit 17 Punkten Rückstand auf Platz sieben abgeschlagen, hatte man im Vorfeld keine Chance gegen die Über-Bayern eingeräumt. Doch der ruhmreiche englische Rekordchampion war erst gar nicht darauf aus gewesen, den Münchner offensiv Paroli zu bieten, besann sich stattdessen auf einfachste Mittel: die Verteidigung und lange Bälle. Mit mindestens acht Spielern hatten sie das gesamte Spiel über Verteidigungsketten vor dem eigenen Strafraum aufgezogen.

"Die eine Mannschaft wollte Fußball spielen, die andere hat dagegen gehalten."

Bayerns starkes Gegenpressing, der Hochgeschwindigkeitsfußball – all dies beeindruckte Manchester wenig, sie ließen es vielmehr über sich ergehen. Denn vor dem Tor blieben die Gäste über weite Strecken harmlos, konnten selten Gefahr entwickeln. Die Brechstange, der Abschluss aus der zweiten Reihe ist bei Guardiola ebenso verpöhnt wie hohe Bälle in den Strafraum. So rieben sich die Münchner Stars vielfach in Ballstafetten ohne Torschüsse auf. "Eins haben sie nach wie vor drauf", hatte auch Sportdirektor Matthias Sammer erkannt, "Manchesters Innenverteidigung ist taktisch extrem klug. Sie haben das exzellent gemacht und wir uns schwer getan."

Das Publikum im Old Trafford, das den Alex-Ferguson-Nachfolger Moyes zuletzt harsch kritisiert hatte, honorierte jeden erkämpften Einwurf, jede Grätsche. Manchester United sei nie der Underdog, hatte Vereinslegende Ryan Giggs zuvor verlauten lassen, doch sie schienen sich mit dieser Rolle während der Partie angefreundet zu haben. Angreifer Danny Welbeck (3./39. Minute) hätte gar vor Vidics Treffer für die Führung sorgen können. Die Bayern schienen da in der Schönheit ihres Passspiels zu sterben. "Wir haben versucht, die Lücke zu finden, aber es ist nicht einfach, wenn der Gegner so tief hinten drin steht", sagte Arjen Robben: "Die eine Mannschaft wollte Fußball spielen, die andere hat dagegen gehalten." Robben hatte nach 90 Minuten sechs mehr oder minder gefährliche Torschüsse abgegeben, Manchester kam auf die selbige Anzahl – allerdings mit dem gesamten Team.

Dass Schweinsteiger den stringenten Plan des Gegners mit einem satten Schuss aus 13 Metern dennoch durchkreuzte, verschaffte dem Titelverteidiger für das Rückspiel in einer Woche noch eine gute Ausgangsposition. Wenngleich die Münchner dann in der heimischen Arena auf ihre strategische Mittelfeldachse verzichten müssen. Während der verletzte Thiago (Teilriss des Innenbandes) ohnehin fehlen wird, handelten sich Schweinsteiger und Javi Martinez in Manchester Sperren ein. Der Spanier hatte seine dritte Gelbe Karte im Wettbewerb gesehen, Torschütze Schweinsteiger holte sich in der 90 Minute nach einer Grätsche gegen Wayne Rooney die Gelb-Rote Karte ab.

Historische Chance zur Titelverteidigung

Von einer verpassten Chance wollte Guardiola, der mit Barcelona 2009 und 2011 jeweils gegen Manchester die Königsklasse gewonnen hatte, nichts wissen. "Ich bin ganz zufrieden, United ist eine der besten Mannschaften der Welt", sagte der Trainer, "das Auswärtstor war sehr wichtig".

Jener Treffer in der Fremde war seinem Team damals, 2012 in London, nicht gelungen. Im Rückspiel schied Barcelona durch ein 2:2-Remis gar aus dem Wettbewerb aus und verpasste die Titelverteidigung. Ein Ergebnis, das auch Manchester in München reichen würde. "Auch wenn wir 2:1 gewonnen hätten, wäre es immer noch gefährlich, aber ich bin mir sicher, dass meine Mannschaft das Rückspiel gewinnen wird", sagte Guardiola.

Die historische Chance auf eine noch nie erreichte Titelverteidigung in der Champions League will sich der Erfolgstrainer nicht noch einmal nehmen lassen. Dass Fußballspiele nicht nach Ballbesitz entschieden werden, musste er in Manchester dennoch erneut erleben.

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