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Götze-Aus beim BVB: Der traurige Abschied vom einstigen Supertalent

Mario Götze war einst das größte Versprechen des deutschen Fußballs. Beim deutschen Clásico wird er wieder nur auf der Bank sitzen und sich nach Saisonende einen neuen Klub suchen müssen. Wie konnte es soweit kommen?

Im "deutschen Classico" treffen Borussia Dortmund und Bayern München aufeinander

Wenn der BVB und Bayern München am Dienstagabend aufeinandertreffen, wird Mario Götze seinen gewohnten Platz auf der Ersatzbank einnehmen. Der 27-Jährige wird im weitgehend leeren Signal Iduna Park verfolgen, wie die beiden besten Mannschaften der Bundesliga sich einen Kampf um die Poleposition im Titelkampf liefern. Götze wird zusehen müssen, wie Lewandowski, Müller, Alaba oder Neuer für die Bayern auflaufen. Es sind Spieler, mit denen er in den Jahren 2013 bis 2016 bei den Bayern zusammengespielt hat. Und beim BVB haben ihn Jüngere verdrängt. Vermutlich werden Erling Haaland, Thorgan Hazard und Julian Brandt die Offensivreihe bilden, auf den Außenbahnen unterstützt von Hakimi und Guerreiro.

Vielleicht wird ihn Trainer Lucien Favre irgendwann in der zweiten Halbzeit einwechseln. Aber es kann genauso gut sein, dass es aus Götzes Sicht so deprimierend läuft wie am vergangenen Samstag im Spiel gegen den VfL Wolfsburg. Favre nutzte die neue Regel, fünf Spieler einzuwechseln – Götze war nicht darunter. Stattdessen musste er bis zum Ende auf der Ersatzbank schmoren. Der ehemalige BVB- und Bayern-Profi Thomas Helmer war eine der zahlreichen Stimmen, die Mitleid mit Götze zeigten. "Das ist schon sehr tragisch. Dass Favre für Götze in seinem System keinen Platz mehr sieht - okay. Aber als er am Samstag gegen Wolfsburg nach fünf Auswechslungen als einziger Ersatzspieler noch oben saß und nicht zum Einsatz kam, habe ich mit Götze gelitten."

Mario Götze ist an einem Wendepunkt

Solche Sätze hat Götze seit Samstag häufig hören müssen. In ihnen schwang oft Bewunderung für den Hochbegabten mit, aber auch Mitleid und Unverständnis über die Entwicklung. Es war der Tag, an dem BVB-Manager Michael Zorc offiziell verkündete, was vorher schon längst klar war. Götzes Vertrag wird nicht verlängert, er darf sich im Sommer einen neuen Verein suchen, obwohl er angeblich bereit war, auf 20 Prozent seines Gehaltes zu verzichten. Beim BVB haben sie keine Verwendung mehr für das einstige Supertalent. Er passe nicht mehr in das neue 3-4-3-System, das der Trainer seit dem vergangenen Dezember spielen lässt, lautet die offizielle Begründung. Das ist die freundliche Umschreibung für die Tatsache, dass Götze zu langsam ist für den Tempo- und Kombinationsfußball der Dortmunder.

Götze ist damit einmal mehr an einem Wendepunkt seiner Karriere angekommen, und es bleibt eines der größten Rätsel im deutschen Fußball der vergangenen Jahre, wie es dazu kommen konnte. In der großen Zeit unter Jürgen Klopp war Götze noch unverzichtbar, er war einer der Erfolgsgaranten beim Gewinn der beiden Meistertitel 2011 und 2012. Götze begeisterte mit seinen Dribblings, gern auch mal unter hohem Tempo. Götze war schlicht spektakulär und das größte Versprechen des deutschen Fußballs. 

Nach seinem Wechsel zu den Bayern veränderte sich seine Rolle, er wechselte zwischen offensivem Mittelfeld und "falscher Neun" als Mittelstürmer. Schon Pep Guardiola setzte ihn häufig auf die Bank, der Aufschrei unter den Fans und in den Medien war groß. Wie kann der katalanische Coach so mit dem deutschen Siegtorschützen von 2014, einen Nationalhelden, umgehen?

Schon Guardiola verbannte ihn häufig auf die Bank

Ob der Wechsel zu den Bayern ein Fehler war, darüber lässt sich streiten. Immerhin wurde er als Bayern-Spieler Weltmeister. Aber spätestens im dritten Jahr in München begann der Abstieg. Verletzungen bremsten Götze aus, oder Guardiola verbannte ihn auf die Bank. Nach seiner Rückkehr zum BVB kam die Stoffwechselerkrankung hinzu, die ihn Monate außer Gefecht setzte, und mutmaßlich vorher schon zu einem Leistungsabfall führte. 

Seitdem lief seine zweite Zeit in Dortmund höchst wechselhaft. Seine letzte gute Phase hatte er in der vergangenen Rückrunde, als Favre ihn den meisten Spielen von Anfang an brachte. Aber spätestens seit der aktuellen Saison hat Favre keine Verwendung mehr für den feinen Techniker, das Aus beim BVB im Sommer ist die logische Konsequenz. Auch die Nationalmannschaft ist längst kein Thema mehr für den 63-fachen Nationalspieler. Seinen letzten Einsatz unter Joachim Löw hatte er im Herbst 2017 in einem Freundschaftsspiel gegen Frankreich.

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Über die Gründe für die Entwicklung kann man viel spekulieren. An Götze wurden Maßstäbe angelegt wie an keinen anderen seiner Generation. Sein gewaltiges Talent und das Siegtor im WM-Finale, als er übrigens eingewechselt wurde, schufen eine Erwartungshaltung, die kaum zu erfüllen war. Andererseits ist der heutige Götze ein anderer Fußballer als der junge. Tempodribblings gehören nicht mehr zu seinem Repertoire, die Explosivität ist nicht mehr da. Götze ist ein Passspieler mit überragender Technik und Spielübersicht. Manchmal ist ihm eine gewisse Pomadigkeit zu eigen. Viele halten ihn auch für zu nett, um sich im Ego-Zirkus Bundesliga durchzusetzen. 

Wohin Götzes Reise geht, ist offen

Wohin die Reise für ihn geht, ist offen. Mal heißt es, die Zeichen weisen nach Italien, dann soll Hertha BSC Berlin an ihm interessiert sein. Dass Götze bei einem europäischen Spitzenklub landet, ist höchst zweifelhaft. Die Zeiten scheinen vorerst vorbei. Bastian Schweinsteiger rät seinem alten Teamkollegen auf jeden Fall, zu einem Verein zu wechseln, wo er regelmäßig spielt.

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