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DFB-Pokal Die Krise des Fußballs in Schleswig-Holstein


Bundesligisten aus Schleswig-Holstein? Gab's noch nie. Aktuelle  Zweit- oder Drittligisten? Fehlanzeige. Der sensationelle Einzug von Holstein Kiel ins DFB-Pokalviertelfinale gegen Dortmund kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass fußballerisch im Norden derzeit Ebbe ist. Wir beleuchten die Gründe.

Was, Schleswig-Holstein soll öde, trist und karg sein? Als gebürtiger Norddeutscher und daher bekennender Waterkant-Fan kann man diesem vor allem von Süddeutschen gerne vertretenen Vorurteil leicht entgegentreten - solange es um die Natur geht.

Schließlich versprüht die schleswig-holsteinischen Landschaft doch einen ganz besonderen rauen Charme und auch die nüchterne Herzlichkeit ihrer Bewohner hat seinen Reiz. Abertausende Urlauber, die es jedes Jahr ins laut Radiosender RSH "schönste Bundesland der Welt" zieht, können schließlich nicht irren.

Ist das Vorurteil allerdings auf den Fußball bezogen, fehlen auch dem größten Schleswig-Holstein-Verfechter die Argumente. "SHFV - Ganz oben in Deutschland" prangt zwar in dicken Lettern auf der Homepage des Schleswig-Holsteinischen Fußballverbandes. Doch das stimmt lediglich geographisch - jedenfalls, wenn man das Wort "oben" synonym für "Norden" verwendet, was nebenbei bemerkt wohl jedem Erdkundelehrer die Tränen in die Augen treiben dürfte.

Noch nie kam ein Bundesligist aus Schleswig-Holstein

Zum Weinen ist auch die Lage des Fußballs in Schleswig-Holstein. Denn das Land, das zahlreiche Olympiasieger im Rudern und Reitsport, einen Wimbledon-Sieger und mit dem THW Kiel eine der weltbesten Handballmannschaften hervorbringen konnte und in dem sich die Nationalmannschaft den Feinschliff für die WM-Titel 1974 und 1990 geholt hatte, hat fußballerisch seit Jahren in Deutschland rein gar nichts zu melden. Darüber kann auch der sensationelle Einzug von Holstein Kiel ins Viertelfinale des aktuellen DFB Pokals nicht hinwegtäuschen.

Denn insgesamt sind die Statistiken ernüchternd. Derzeit spielt kein Club aus dem nördlichsten Bundesland in einer der drei höchsten deutschen Spielklassen. Genau wie Sachsen-Anhalt und Thüringen stellte Schleswig-Holstein noch nie einen Erstligisten. Um den deutschen Meister Borussia Dortmund oder andere Bundesligisten einmal live erleben zu dürfen, sind die Schleswig-Holsteiner seit Jahrzehnten entweder auf Fahrten nach Hamburg, Bremen oder Hannover oder das traditionelle Blitzturnier in Kropp angewiesen oder müssen auf Pokalsensationen ihrer Clubs hoffen.

Schleswig-Holstein ist Handball, aber nicht Fußball

Das Dilemma begann, als sich der Fußball langsam zu einem großen Geschäft zu entwickeln begann. Holstein Kiel, Deutscher Meister 1912 und bis dato immer Mitglied der höchsten deutschen Spielklassen, war an der Qualifikation zur neugegründeten Bundesliga gescheitert. Im Anschluss hielt man sich wie auch der VfB Lübeck und der Heider SV, der 1957 mit Willi Gerdau den letzten deutschen Nationalspieler eines schleswig-holsteinischen Clubs gestellt hatte, längere Zeit noch in der damals zweitklassigen Regionalliga.

Auch in der neugegründeten zweigleisigen 2. Bundesliga spielte man mit, ehe mit Einführung der eingleisigen 2. Bundesliga Auftritte im Profifußball zu sporadischen und dann auch nur höchst temporären Ereignissen verkamen. Allenfalls die Clubs aus Kiel und Lübeck schafften es bundesweit in Erscheinung zu treten. Überregional konnten sie den schleswig-holsteinischen Fußball mit ihren Auftritten allerdings nicht etablieren, so dass eines der vergleichsweise ärmeren Bundesländer sportlich nach wie vor zunächst mit Handball assoziiert wird.

Mäzene bisher wenig erfolgreich

In der finanziellen Ausstattung der Region und damit der Vereine dürfte dann auch der Ursprung des Problems liegen. Die besten Spieler entschwanden ob der besseren Möglichkeiten in andere Regionen. Andreas Köpke, der einst in Kiel begann, wurde im Süden der Republik zum Nationalspieler. "Einen Hopp für Schleswig-Holstein", hatte sich Verbandspräsident Hans-Ludwig Meyer daher auch vor einigen Jahren auf einer Podiumsdiskussion gewünscht, um die Lage zu verbessern.

Doch Mäzenatentum wurde in Schleswig-Holstein bereits praktiziert, allerdings nicht wirklich erfolgreich. In den 80er Jahren führte Unternehmer Günter Bruss als Geldgeber TuS Hoisdorf in die Drittklassigkeit, scheiterte aber am Aufstieg in die Zweite Liga. Seit einigen Jahren unterstützt der Sylter Hotelier und Gastronom Volker Koppelt den FC Sylt und führte den allerdings auf dem Festland ansässigen Club immerhin aus der Kreisklasse in die Schleswig-Holstein-Liga. Doch jeder Aufstieg erfordern auch ein erhöhtes finanzielles Engagement, weshalb kleine, finanziell nicht auf Rosen gebettete Clubs häufig auf Aufstiege verzichten, obwohl sie sich sportlich qualifizieren konnten.

Was in geringem Maße für die unterklassigen Ligen gilt, gilt in noch viel größerem Umfang für die Ligen über der Regionalliga, wo bereits mit Etats im siebenstelligen Bereich operiert wird. Die steigende Professionalisierung der Vereine hat eben ihren Preis, schließlich knüpft der DFB an seine Lizenzen hohe Auflagen, die von Verbesserungen der Infrastruktur durch Stadion-Umbauten (abgeriegelter Gästeblock, überdachte Pressetribünen, Dopingraum) bis zur Einsetzung eines hauptamtlichen Geschäftsführers reichen.

Die Spieler bekommen einen neuen Status als Vertragsspieler, zudem erhöhen sich die Reisekosten, weil die Auswärtsfahrten immer länger werden. Das kann sich kaum ein Club leisten und auch für Mäzene wie Koppelt wird das Engagement bald zu teuer. "Alleine kann ich das nicht mehr lange. Wir brauchen Sponsoren, die uns helfen", vertraute er blog-trifft-ball.de an.

Mangel an finanzkräftigen Sponsoren

Doch die zu finden ist in Schleswig-Holsteins gar nicht so leicht. Zwar besteht die Wirtschaft hier längst nicht mehr nur aus Landwirtschaft, Fischerei und Tourismus, zudem entwickeln sich die ansässigen Branchen größtenteils auch dynamisch nach oben. Trotzdem fehlt es an Großunternehmen mit entsprechender Wirtschaftskraft und damit auch an geeigneten Sponsoren, die bereit wären, mit hohen Investitionen das nötige Kapital für das Projekt Profifußball bereitzustellen.

Hinzu kommt noch, dass der deutlich erfolgreichere Handball den Fußballern potentielle Sponsoren abgräbt. Denn ein Engagement in die erfolgreichen und daher mit bundes- beziehungsweise europaweiter Medien- und TV-Präsenz gesegneten THW Kiel und Flensburg-Handwitt dürften vielen Firmen als deutlich lukrativere und prestigeträchtiger Investition erachten.

Kiel und Lübeck mit dem größten Potential

Ausnahmen dürften allenfalls der VfB Lübeck und Holstein Kiel darstellen, denen insgesamt die besten Chancen eingeräumt werden müssen, sich in den nächsten Jahren wieder in die Profigefilde aufschwingen zu können. Die beiden einzigen Großstadtclubs des Landes verfügen als Einzige zum einen über das nötige Fan-Potenzial, zum anderen auch bereits über die notwendige Infrastruktur, Stadion und Trainingsplätze.

Vor allem das in den letzten Jahren ausgebaute Areal der Kieler ist richtungsweisend. Der Club verfügt über fünf Rasenplätze, zwei davon aus Kunstrasen und ein hochmodernes Leistungszentrum, in dem die Spieler Bedingungen vorfinden, die nicht einmal alle Zweitligisten zu bieten haben.

Dass aber auch die beste Ausstattung allein noch keinen Erfolg garantiert, zeigte sich von knapp zwei Jahren, als Kiel mit großem Trara schon einmal in Richtung Profifußball durchgestartet war, aber nach internen Querelen, die im Rausschmiss von Coach Falko Götz gipfelten, sang- und klanglos sofort wieder aus der Dritten Liga abstieg.

Pokal-Euphorie und Wettmillionen als Push-Faktor?

Doch mit den zusätzlichen Millionen aus dem DFB-Pokal und der bei den Fans neu entfachten Euphorie wagt Kiel jetzt 100 Jahre nach dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft einen erneuten Vorstoß. In der Regionalliga Nord belegt der Club derzeit hinter dem von Brause-Milliardär Dietrich Mateschitz geförderten Leipzigern Platz zwei.

Rückenwind für die Zukunft erhofft man sich zudem vom gelockerten Glücksspielgesetz in Schleswig Holstein, durch das die Landesregierung die Ansiedlung von Wettanbietern im Land ab März 2012 erlaubte und der milliardenschweren Branche den Weg für Investitionen im nördlichsten Bundesland ebnete. Denn vor allem der Sport erhofft sich einen großen Teil des Kuchens. Holstein Kiel soll bereits im Gespräch über entsprechende Werbedeals sein, der VfB Lübeck veräußerte bereits die Namensrechte am Stadion an eine Internet-Pokerseite.

Als Spielverderber aus Sicht der Clubs könnte sich allerdings die Landtags-Opposition erweisen, die bereits ankündigte, das Gesetz im Falle eines Wahlsieges wieder kippen zu wollen. Für die ambitionierten Sportclubs im Norden wäre dies sicher der Super-Gau. Er würde den Hoffnungsschimmer für Vereine und die Region, den Rückstand auf die Konkurrenz wettzumachen und die triste und öde Fußballlandschaft endlich aufblühen zu sehen im Keim ersticken. Die langjährige sportliche Ebbe würde dann wohl doch nicht durch die erhoffte Flut verdrängt, der Fußball Schleswig-Holsteins säße weiter auf dem Trockenen.

Malte Asmus

sportal.de sportal

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