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Deutschland gegen Georgien: Im Energiesparmodus ins Ziel - warum es bei der EM dennoch besser wird

Die deutsche Nationalelf qualifiziert sich mehr schlecht als recht als Gruppenerster für die Europameisterschaft in Frankreich. Ein Hinweis auf ihre wahre Leistungsfähigkeit ist das nicht. 

Von Mathias Schneider

Die deutsche Nationalelf feiert ihren 2:1 Sieg gegen Georgien

Die Deutsche Nationalelf feiert nach ihrem 2:1 Sieg gegen Georgien in der UEFA EURO 2016 Qualifikation.

Natürlich sah er aus wie immer, blauer taillierter Anzug, weißes Hemd, ein entspanntes Lächeln im Gesicht. Er bleibt ja in Sieg wie Niederlage gleichermaßen unergründlich wohl gestimmt, das wohl hervorstechendste Charaktermerkmal des Joachim Löw. Tja, Sieg oder Niederlage, es war nach dem 2:1 gegen Georgien dann auch nicht ganz einfach herauszufinden, welcher Aggregatzustand nun der angemessene sein würde. Löw entschied sich, wie eigentlich während dieser gesamten EM-Qualifikation, für eine Art Mittelwert. Kritische Inhalte wurde wohlwollend und bisweilen fast beschwingt vorgetragen. Nicht schön, was seine Elf da nach dem 0:1 gegen Irland abermals auf den Rasen gezaubert hatte, aber eben auch alles andere als besorgniserregend, so musste man seine Einlassungen wohl verstehen.

Eher schien Löw froh, dass diese holprige Post-WM-Quali nun endlich der Vergangenheit angehört. Er kann es kaum erwarten, den Reset-Button zu drücken. Die 90 Minuten gegen Georgien hatten ihn schließlich noch einmal im Schnelldurchlauf durch ein Jahr EM-Qualifikation geführt. Und vor Augen geführt, in welcher Geisteshaltung seine Elf seit Monaten verharrt. Mal bemüht, mal durchaus gefällig, aber auch allzu oft fahrig und irgendwie uninteressiert quälten sich Löws Männer durch ihre Pflichtübungen.

Özil und Reus scheint Energie zu entweichen 

Zwar offenbarte die Offensive auch gegen Georgien, warum ihre Teilnehmer zu den Feinfüßigen Europas gehören, allein bisweilen drängte sich bei Marco Reus und mit Abstrichen auch Mesut Özil der Verdacht auf, dass ihrem schönen Spiel vor des Gegners Tor bisweilen die Energie und auch ein bisschen der Glaube in die eigene Effektivität entweicht. Reus allein hätte schließlich dem tapferen Gast frühzeitig jede Hoffnung auf ein kleines Fußball-Wunder rauben können. Doch es fehlte mal wieder "die letzte Geilheit" im Torabschluss, wie der Jung-Veteran Toni Kroos hernach richtig feststellte. Man kann es auch Selbstüberzeugung nennen. Oder Qualität.

Löw dürfte das Phlegma vor des Gegners Tor zumindest moderat Sorge bereiten, wenn er auch in dieser Hinsicht auf die heilende Kraft einer gemeinsamen Vorbereitung vor einem großen Turnier vertraut. Wähnte er sich nach den beiden Siegen gegen Polen und Glasgow im September noch im Glauben, dass seine Elf die Schlagzahl erhöhen könne, so schien er sich nun nicht mehr ganz so sicher.

Boxer mit Treffer, aber ohne K.O.

Zwar reichten die Chancen auch diesmal grundsätzlich für einen deutlichen Sieg, dass sie allerdings zum Teil in eher lauen Schüsschen verpufften, lässt sich nicht allein länger mit der Sorglosigkeit der Hochbegabten begründen. "Wir sind ein Boxer, der viele Treffer landet, aber nicht den K.o. schafft", resümierte Löw deshalb ein bisschen ratlos. In Fragen verdeckt vorgetragene Forderungen aus dem Auditorium nach einem sogenannten Vollstrecker wie ihn etwa der Neu-Istanbuler Mario Gomez verkörpert wehrte er aber lieber mannhaft hab.

Und doch offenbart der Ausfall Mario Götzes, dass Löws Qualitätsdichte im Kader längst nicht mehr so dicht ist, wie man noch unmittelbar nach der WM vermuten durfte. So stürmte etwa diesmal der gelernte Flügelstürmer Andre Schürrle in der Spitze. Doch nicht nur dies allein sorgte für Erstaunen. In Wolfsburg plagt sich Schürrle seit Monaten mit einer schweren Krise herum, die Ersatzbank ist dort wie zuvor beim FC Chelsea zumeist sein Stammplatz. Dass Löw ihm dennoch das Vertrauen gab, dürfen Max Kruse, immerhin Torschütze zum 2:1 und der gar nicht eingesetzte Kevin Volland getrost als Wink mit der Auswechseltafel verstanden wissen.

Hector und Ginter für Verteidigung geschult

Auch Löws Einlassungen zu seinen Außenverteidigern klang eher, als versuche ein Lehrer zwei mäßig begabten aber überaus bemühten Schülern nicht die Zuversicht zu rauben. Sowohl der Kölner Jonas Hector (links) als auch Matthias Ginter (rechts) seien nun einmal nicht dazu ausersehen in ihren Klubs, auch mal mit furiosen Sprints des Gegners Schutzschild auf den Außenflanken zu durchbrechen. Sie seien nun mal fürs Verteidigen geschult. Vor allem bei Ginter lässt die Aussage aufhorchen, denn in Dortmund besticht Ginter mit zahlreichen Torvorlagen, eher in der Rückwärtsbewegung offenbart er öfter koordinative Probleme gegen schnell dribbelndes Personal.

Die Alternativen für Fußball der Marke Löw werden weniger. Bekümmern dürfte Löw dies nicht. Er hatte vor der WM 2010 den Ausfall von Michael Ballack zu verkraften, vor der WM 2012 kam ihm Maro Reus abhanden. Er hat das in der Vorbereitung auf das Turnier aufgefangen. Eine neue Abwehr gebaut.

Kross verspricht zur EM eine gute Mannschaft

Die Entwicklung dieser Elf mag für die Öffentlichkeit als Prozess dargestellt werden, tatsächlich wird die Mannschaft, die in Frankreich Europameister werden soll, in den Wochen unmittelbar vor dem Turnier geschmiedet werden. Dann, wenn Löw wirklich weiß, wer ihm zur Verfügung stehen wird. Alles ist dann vergessen, wenn im nächsten Sommer der wahre Startschuss fällt. "Ich kann versprechen", erklärte  Toni Kroos deshalb schon einmal und klang dabei wie Löws Kompagnon,  "dass Deutschland bei der EM wieder eine gute Mannschaft stellen wird. Mit allen Chancen."

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