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Die jungen Helden der Klinsmann-Schule: Die Musterknaben

Der eine darf vorne drauflosdribbeln, der andere muss hinten den Laden zusammenhalten. Lukas podolski und Per Mertesacker sind die jungen Helden der Klinsmann-Schule.

War doch ein schöner Poldiabend. Der Poldi machte, was er am liebsten macht, ein "Törschen", das vier zu zwo gegen die Australier. Stand wieder goldrichtig. Aber nun irrt er durch die Mixed Zone, diese umzäunte Gasse, da muss man eigentlich nur durch, vorbei an den Reportern, vom Eingang zum Ausgang, Abzweige gibt es keine. Nur irgendwie weiß der Poldi nicht, wie er rauskommt, und so steigt er halt über den Zaun. Ein Fifa-Ordner pfeift ihn an. Der Poldi grinst nur. Er weiß, das wirkt. Den Poldi lieben alle.

Lukas Podolski ist jetzt ein Popstar. Einer für die Sehnsucht, wie sein Kumpel, der Schweini, alias Bastian Schweinsteiger. Die dürfen vorne drauflosfummeln. Wenn sie den Ball verlieren, halb so schlimm. Das ist das Abenteuer, wie man es liebt. Und die eine Hoffnung, die Bundestrainer Jürgen Klinsmann geschürt hat. Die andere ist der Erfolg.

Die Finger von

Per Mertesacker fahren über die Oberschenkel, dann nesteln sie wieder an den Schnürsenkeln. Man kann nicht sagen, dass er in sich ruht. Draußen vor der Tür gähnt ein Bauloch, fast so groß wie das Kölner Hotel, in dem Klinsmanns Kader vor dem zweiten Spiel untergebracht ist. Ein hübsches Symbol, so viel noch zu tun.

Per Mertesacker ist kein Popstar. Mertesacker spielt hinten. Hinten dürfen sie keine Fehler machen, auch wenn Klinsmann sagt: Ihr dürft. Hinten hilft es nicht, unbekümmert zu sein. Dort steht der lange Per, alle überragend, weil 1,98 Meter groß. Wenn der nicht wäre.

Zwei Spiele, zwei Siege, schnurstrackser hätte sich die deutsche Nationalelf gar nicht ins Halbfinale des Confed-Cups spielen können, noch vor dem Duell mit Argentinien. Dabei ging es fast schief gegen Australien, 4:3, ging aber nicht. Ging fast schief gegen Tunesien, die drei Tore zum 3:0 fielen spät, die Leute pfiffen schon: ging aber nicht schief.

Seit mindestens 50 Jahren gab es nicht mehr eine solche deutsche Mannschaft: allzeit gefährlich. Aber auch allzeit verwundbar.

"Sich zu stellen ist das Wichtigste", sagt Mertesacker. "Dadurch entwickle ich ein Gefühl, wie ich mich zu verhalten habe. Ich werde ein paar Jahre brauchen, bis ich meinen Weg gefunden habe, mit all den Eindrücken umzugehen." So redet er wirklich. Man ahnt, was das für einer werden könnte, wenn er erst mit sich im Reinen ist.

Wäre morgen das

erste WM-Spiel, Bundestrainer Jürgen Klinsmann könnte nur schwerlich auf Poldischweini verzichten. Per Mertesacker aber ist unersetzlich. Abwehrchef nennen sie ihn schon. Auch die Hand voll Routiniers im Team. Mertesacker sagt: "Das ist lächerlich. Ich brauche noch viel Halt." Er ist der neue Typus Stopper, der selten foult, Pässe erahnt, bevor sie gespielt werden.

Mertesacker ist wie Podolski erst 20 Jahre alt. Merti nennt ihn keiner. Zu sperrig, der Kerl. Er möchte auch keinen Spitznamen. "Das passt nicht in mein Selbstbild", sagt er. "Ich will nicht irgendwelche Schlagworte hören. Da fallen mir auch keine ein."

Er lächelt. Es ist ein schüchternes, stolzes Lächeln, das sich immer wieder Luft schafft. Er sieht aus, als empfinde er es als großes Glück, was ihm gerade widerfährt. Meistens spricht er bedächtig, wie einer, der seinen Gefühlen nicht recht traut. Wie soll er auch? Nichts als Hohn und Spott gab es in den letzten Wochen für die anderen Jungen hintendrin. Sie alle durften träumen. Jetzt beginnen die ersten Träume zu platzen.

Jeder der Frischlinge

kämpft seinen Kampf für sich allein, gegen die Angst vor dem Versagen. Der verzweifelt ackernde Huth, der zu oft beweist, dass Klasse keine Frage breiter Schultern ist. Der nette Hitzlsperger, der spielen muss, wo er sonst nie spielt. Owomoyela, der sich beim Test in Nordirland aus dem Team kickte.

So gerne wird im Klinsmann-Lager von dieser jungen Generation gesprochen, die "sehr, sehr viel Spaß" bereite, deren Entwicklung "sehr, sehr spannend" zu verfolgen sei und die rechtzeitig reif werde. Es ist ein Bluff. Denn es gibt sie nicht, die junge Generation. Keiner sagt es, aber alle wissen: Nicht alle Youngster werden es schaffen. In nur zwei Jahren weltmeisterhart zu werden, dazu muss alles passen: Talent, Wille - und die Gabe, diesen ganzen Wahnsinn aushalten zu können.

Lukas Podolski tritt aus dem Aufzug des Kölner Interconti, Deutschland hat gestern gegen Tunesien gewonnen, die Leute schrien seinen Namen, seit drei Tagen: Heimspiel. Und jetzt steht da der Teammanager Oliver Bierhoff. Der Poldi macht den Stadionsprecher, quer durch die Lobby: "Und mit der Nummer zwanziiig: Ooooliver ..." Der Olli dreht sich um und grinst. Der Poldi grinst zurück. Mit der 20 auf dem Rücken hat Bierhoff 1996 das Golden Goal bei der EM geschossen. Und das ist ja jetzt Poldis Nummer.

Podolski ist schnell, wenn auch nicht so schnell, wie sämtliche Rheinländer behaupten, er hat eine geile linke Klebe und kann ganz allgemein viele Dinge mit dem Ball anstellen, die man seit Jahren nicht mehr von einem deutschen Stürmer gesehen hat. Zum Beispiel schießt er Tore, selbst dann, wenn er allein auf den Torwart zuläuft. Da scheitern die meisten Deutschen. Zu viele Gedanken. Nicht der Poldi. Der Poldi klopft ihn rein. "Ich mach mir keinen Kopp", sagt er. Vielleicht wird Podolski einer wie Gerd Müller, seit 30 Jahren warten die Deutschen auf so einen. Selbst wenn der Neue in Gleiwitz geboren ist und besser Polnisch spricht als Deutsch.

Zimmer 218, der ruhigste Ort Kölns, er sitzt auf der Kante seines Stuhls. "In 20 Minuten hole ich dich ab", sagt ein DFB-Betreuer. "Kann sein, dass wir früher fertig sind", sagt Podolski fröhlich. Auch in Interviews fackelt er nicht lange. Er beendet seine Sätze immer verblüffend schnell. Zu Reportern sagt er: "Ich geb euch kurze Antworten, dann müsst ihr nicht so viel schreiben." Vielleicht ist es aber auch so, dass er mittlerweile spürt, dass er nur den kleinen Finger in den Löwenkäfig stecken darf.

Manche sagen,

dass er schlicht sei. Man kann das schwer beurteilen, wenn einer in jeder zweiten Antwort sagt: "Ich bin Fußballer." Da ist nur der Ball, fertisch, Tor. Das muss nicht dumm sein. Das ist seine größte Stärke. Wo sind deine Grenzen, Lukas?

"Grenzen?", fragt er zurück. "Och, Grenzen gibt es keine. Ich will einfach gut spielen, dann werde ich schon sehen, wo die Grenzen sind." Mertesacker versucht die Dinge zu verstehen, bevor sie auf ihn zukommen. Er sagt: "Ich kann gut aussortieren. Ich weiß: Das ist ein Problem, das ist keines."

Auch Mertesacker hat beim Confed-Cup gegen Australien getroffen, er hämmerte den Ball ins Netz, dass es den Torwart mit hineingefegt hätte, wenn der im Weg gewesen wäre. Danach warf er sich erst rücklings auf den Boden und ließ sich feiern, stand dann auf, ballte die rechte Faust Richtung Fans. Es war eine Art frühe Becker-Faust, kein Pathos, nur gebündelter, erlöster Wille. "Das musste raus", sagt er. "Da war so viel drin in mir, so viele Gedanken, die man sich macht, so viel Verantwortung. Der Moment war wie ein Film. Ich hab's erlebt, als wenn ich neben mir stehen würde."

Er schafft es neuerdings, dem anderen beim Gespräch in die Augen zu schauen. Es ist ein ungewöhnlicher Blick für einen Fußballer. Er ist suchend. Und weich. Mertesacker denkt viel nach. Es ist das Gegenteil des Poldismus.

Nach seinem ersten Länderspiel von Beginn an, November 2004, schaute er gehetzt um sich - zwischen Furcht und Zorn, als wolle er gleich zubeißen, als fühle er sich bedrängt von der Pressemeute. Es war nicht seine Welt. Mertesacker hatte nach dem Abitur als Zivi in der geschlossenen Abteilung der Wahrendorffschen Kliniken angefangen, nicht weit von Hannover. "Ich will Menschen helfen", sagte er, "so sammle ich Erfahrungen, die kaum ein anderer hat." Neun Monate lang war er jeden Morgen an diesem Ort, wo sich Menschen Socken über die Ohren stülpen, weil sie die Stimmen nicht ertragen können, die nur sie hören. Dort wusste kaum einer, dass er Fußballprofi bei Hannover 96 ist.

Mertesacker, der Lulatsch aus Pattensen, kerniges Niedersachsen, 14 000 Einwohner, spricht heute noch manchmal, als sei er ein Schüler auf Klassenfahrt. "Man lernt dazu mit jedem neuen Ausflug. Am Anfang wusste ich ja gar nicht, wie das Geschäft läuft. Du rasselst einfach so rein. Da muss man sich selber helfen, so ist das echt." Vor ein paar Wochen wurde Mertesacker aus dem Zivildienst mit einem Grillfest verabschiedet. Beraten wird er seit einiger Zeit von Michael Becker, der auch Ballack betreut. Nun ist Mertesacker nur noch Fußballer.

Das ist Podolski, seit er denken kann. Sie haben ihn gerade mit dem 1. FC Köln in der 2. Liga gejagt, die Klopper aus Ahlen oder Aue, und irgendwann eingesehen: Den kriegen wir nicht. Jetzt spielt Podolski gegen Weltklasseleute, und das Einzige, was ihm dazu einfällt, ist: "Mir egal, wer hinter mir her läuft." Die Leute feiern gern solche Typen, die es den Klugschwätzern mal ordentlich besorgen. In der Kabine der Münchner Bayern aber hängt ein Poldi-Interview an der Wand, vergrößert, das er mal "Sport-Bild" gegeben hat. Weil es so lustig ist. Und so peinlich. Es ist also nicht so, dass alle den Poldi ernst nehmen. Haben wollen sie ihn trotzdem, die Bayern. Er ist einfach zu gut.

Sein Kumpan

Schweinsteiger, ebenfalls 20, hat schon mehr als zwei Jahre Bayern-Knute hinter sich, Podolski die Treterliga. Sie sind gewachsen, nicht zerbrochen. Auch wegen ihrer Unbefangenheit, die bis zur WM zu Unbeeindruckbarkeit heranreifen muss. "Unbeschwert" nennt Klinsmann seinen Nachwuchs. Unbeschwert?

Nach dem Tunesien-Spiel, im Bauch des Kölner Stadions. Mertesacker schaut auf seine Fingernägel, dann auf den Betonboden, während er einem Dutzend Journalisten erzählt, wie glücklich sie seien, die Jungs hinten, endlich zu null.

Podolski, einen Kopf kleiner, steht drei Meter weiter. In der Hand eine halbvolle Flasche Gatorade, an der er nuckelt, wann immer er die Chance hat. Er steht vor zwei Reportern aus Köln, beide kennt er seit Jahren. Der Poldi aber guckt auch die meiste Zeit auf den Boden. "Ich muss doch nicht immer rumlabern", sagt er am Ende, dann zischt er erleichtert davon. Mertesacker steht noch da. Er sei der Letzte, sagt ihm einer vom DFB, die anderen warteten, nichts wie nach Hause, ins Hotel an der Baustelle. "Ich muss los", sagt Mertesacker zum Abschied, er geht mit langen Schritten, er zieht ein Bein nach, es sieht aus, als humpele er.

Rüdiger Barth/Bernd Volland / print

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