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EM 2008: Brandherd Defensive

Die deutsche Nationalmannschaft hatte sich für ihr vorletztes EM-Testspiel einen leichten Gegner ausgesucht. Dennoch hatte das Team mit Problemen zu kämpfen. Speziell ein Mannschaftsteil entpuppte sich beim 2:2 gegen Weißrussland als Baustelle im deutschen Spiel. Eine Analyse von Jens Fischer.

Der Torwart:

Die deutsche Nummer 1 erlebte gegen Weißrussland eine Berg-und-Tal-Fahrt. Jens Lehmann hatte gegen die schnellen Angreifer immer wieder mit brenzligen Situationen zu kämpfen und rettete einige Male in glänzender Manier. Er zeigte allerdings auch Unsicherheiten und war beim Ausgleich nicht schuldlos. Dennoch kaum vorstellbar, dass Löw die Torwart-Frage neu entfacht.

Die Abwehr:

Eine miserable Vorstellung der Verteidiger. Von Anfang an mit vielen Unsicherheiten und wenig Stabilität. Besonders auf der linken Seite zeigte Thomas Hitzlsperger, dass er beileibe kein Verteidiger ist. Der Stuttgarter ließ sich unter anderem von Aliaksandr Hleb immer wieder überlaufen und sorgte so für viele Gefahrenmomente. Hier hofft Löw auf die Rückkehr von Marcell Jansen, der noch geschont wurde.

Überraschend zeigten in der Mitte auch Per Mertesacker und Christoph Metzelder viele Schwächen. Speziell Metzelder merkte man die fehlende Spielpraxis immer wieder an, ihm mangelte es an der gewohnten Ausstrahlung, er wirkte behäbig und unsicher. Und auch Partner Mertesacker ließ gewohnte Souveränität vermissen. Für beide gibt es in den letzten Tagen bis zum EM-Start noch viel zu tun. Rechts zeigte Philipp Lahm kaum Akzente nach vorne, auch er wirkte müde und kraftlos. Hatte mit der Absicherung hinter David Odonkor alle Hände voll zu tun.

Das Mittelfeld:

Michael Ballack und Torsten Frings sind über jeden Zweifel erhaben. Auf die beiden kann sich der Bundestrainer verlassen, sie sind das Herz der Mannschaft. Dann aber kommen Fragen auf: Auf der rechten Seite begann etwas überraschend David Odonkor und zeigte viele positive Ansätze. Der Spanien-Legionär hatte gegen die langsamen weißrussischen Verteidiger genug Platz für seine gefährlichen Flankenläufe und bereitete das 2:0 mustergültig vor. Im ersten EM-Spiel gegen Polen wird Odonkor aber kaum beginnen - wenn er denn überhaupt zur EM mitfährt.

Auf der linken Seite ist Bastian Schweinsteiger gesetzt, seine Leistung gegen Weißrussland war allerdings ein Spiegelbild der gesamten Saison. Viele Pirouetten, viele Einzelaktionen, wenig Effektivität - auch Schweini muss bis zur EM noch kräftig nachlegen.

Der eingewechselte Newcomer Marko Marin zeigte einige gelungene Aktionen und wirkte mit seinen Dribblings erfrischend im deutschen Spiel. Der Mönchengladbacher bewies, dass er Deutschland weiterhelfen kann und hat beste Chancen, auf den EM-Zug aufzuspringen. Auch der eingewechselte Piotr Trochowski mühte sich und überzeugte mit einigen gefährlichen Distanzschüssen. Seine EM-Teilnahme ist dennoch mehr als fraglich, ebenso wie die von Jermaine Jones, der gegen Weißrussland unauffällig agierte.

Der Angriff:

Vorne im Sturm zeigte Miroslav Klose bis zu seiner Auswechselung endlich mal wieder richtig gute Ansätze. In der Nähe seiner Nationalmannschaftskollegen fühlt sich der Bayern-Stürmer offenbar wie ein anderer Mensch, beim 1:0 ließ er Chomutowski mustergültig aussteigen. Der Spielort Kaiserslautern, seine alte Heimat, wirkte auf Klose befreiend.

Lukas Podolski spielte solide, hat aber noch jede Menge Potenzial nach oben - und das Beste: Die neue deutsche Hoffnung, Mario Gomez, hat Bundestrainer Joachim Löw noch in der Hinterhand. Die eingewechselten Patrick Helmes und Oliver Neuville hatten ebenfalls einige gute Szenen, besonders Helmes hätte einen Torerfolg verdient gehabt und scheint im Konkurrenz-Kampf mit Neuville die Nase vorne zu haben.

Das Fazit:

Für Bundestrainer Joachim Löw gibt es in allen Mannschaftsteilen noch viel zu tun. Dabei muss er seinen Blick verstärkt auf die hinteren Regionen richten. Die Befürchtungen, Metzelder fehle es an Spielpraxis, wurden gegen Weißrussland voll bestätigt. Bleibt zu hoffen, das Löws "Turnierspieler" die restlichen Tage so effizient nutzt, dass er für Mertesacker ein adäquater Partner sein kann. Mit Lahm und Jansen - wenn er wieder fit ist - scheinen die Außenbahnen gut besetzt, Lahm wird sich bis zur EM steigern.

Zu den Gewinnern gehören nach dem vorletzten Testspiel Marin und Helmes. Beide überzeugten, waren mutig und selbstbewusst. Zudem besitzen sie Qualitäten, die gerade in schwierigen Spielmomenten wichtig sein können.

Ansonsten wird Löw an der Fitness arbeiten und das Training drosseln. In Kaiserslautern wirkten alle müde und ausgelaugt. Das wird sich bis zur EM ändern - und davon werden viele Spieler zusätzlich profitieren.

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