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EM-Fernsehkritik, Tag 19: Wo war Manni Breuckmann?

Béla Réthy hat schon viele schöne Sätze von sich gegeben während dieser Fußball-EM. Der allerschönste fiel im Halbfinale Deutschland-Türkei - allerdings erst, nachdem sich der TV-Mann minutenlang in der ungewohnten Rolle des Radio-Reporters wiederfand: "Und da Sie einen Mann mit Vollbart sehen, können Sie auch sehen, dass das Bild wieder da ist."

Von David Denk

Die Rede war natürlich von Christoph Metzelder, dessen fortgeschrittene Gesichtsbehaarung ihn wie eine biblische Gestalt von einem Caravaggio-Gemälde aussehen lässt. Sein Anblick war eine Erlösung.

Réthy mühte sich am Telefon

Besonders für Béla Réthy, der sich während der Bildstörung in der zweiten Halbzeit nach Kräften mühte, die Zuschauer zu Hause und beim Public Viewing wenigstens grob über das Spielgeschehen auf dem Laufenden zu halten - per Telefonleitung, wie Johannes B. Kerner nach dem Spiel erklärte. Aber Béla Réthy ist eben nicht Manni Breuckmann. Wenn der Bildausfall zu etwas gut war, dann zu der Erkenntnis, dass der WDR-Hörfunkkommentator und seine Kollegen eine vom Aussterben bedrohte Kunst beherrschen: Bilder entstehen zu lassen, wo keine sind.

Ein gewitterbedingter Stromausfall im internationalen Fernsehzentrum in Wien ließ es für vielleicht fünf Minuten völlig ausgeschlossen erscheinen, dass wirklich schon mal Menschen auf dem Mond waren. Nach dem Spiel sprach das ZDF von der "ärgerlichsten anzunehmenden Panne". Kopfschüttelnd registrierte man die Einblendung des Offensichtlichen: "Bildausfall - Wir bitten, die Störung zu entschuldigen". Also wartete man und lauschte den Worten Réthys und dessen zweitschönstem Satz des Abends: "Jens Lehmann mit einer sicheren Parade."

Das war im Spiel gegen die Türken ja leider nicht selbstverständlich. Die Nervosität der deutschen Mannschaft, die selbst im Turnierverlauf bislang souveräne Spieler wie Philipp Lahm befiel, griff schnell auf die Zuschauer über. Um die Anspannung zumindest ein wenig zu lösen, stellte Réthy zur Halbzeit klar, dass "noch alles möglich, alles drin" sei. Man hätte es fast vergessen können. Denn es stand zwar Unentschieden, doch die Türken spielten so, wie die Deutschen hätten spielen sollen. Deren Defensive war nicht auf dem Platz.

Schweizer Sinn für Autonomie

In der 77. Minute bekam Béla Rèthy "die nächste Chance, hier ein bisschen Radio zu machen", wie er lakonisch anmerkte. Die Bildstörung war wieder da - die deutsche Mannschaft leider noch nicht. Doch diesmal dauerte es nur eine knappe Minute, bis Deutschland das Spiel wieder sehen konnte. Das Bildsignal kam von den Kameras der Schweizer, die über eine eigene Glasfaserdirektverbindung ins Stadion verfügten und deren ausgeprägter Sinn für Autonomie zumindest in diesem Moment millionenfach bejubelt worden sein dürfte. Und nachdem das Bild zurück war, ließ auch das deutsche Team nicht mehr lange auf sich warten. Kaum hatte Réthy geunkt, dass das deutsche Spiel auch im Schweizer Fernsehen nicht anders, also besser aussehe, ging Deutschland mit 2:1 in Führung.

Dass Réthy zu jubeln schien, bevor das Tor überhaupt gefallen war, war der Zeitverzögerung der Fernsehübertragung geschuldet. Der Kommentator telefonierte ja immer noch mit seinen Zuschauern. "Wir haben keine eigene Kameraquelle, um eigene redaktionelle Inhalte zu transportieren", sagte er zerknirscht.

"Redaktionelle Inhalte?" Egal!

Ehrlich gesagt war einem in der Schlussphase wenig so egal wie "eigene redaktionelle Inhalte" des ZDF. Hauptsache, das Bild war da - und blieb, wo es hingehörte. Réthy hätte auch nach Hause gehen können. Die Spannung brauchte keine Worte.

Und so nahm auch kaum jemand davon Notiz, dass beim 3:2 durch Philipp Lahm in der 90. Minute wieder das ZDF-Logo in der linken oberen Bildecke stand. Der Jubel war so groß, dass sogar Franz Beckenbauer, der bei den beiden ersten Toren der Deutschen noch auf seinem Sitz geklebt hatte, davon empor gerissen wurde. Die Kanzlerin allerdings war schneller.

Nach dem Spiel sagte sie im Interview mit Katrin Müller-Hohenstein: "Ich denke, wir werden ein ganz, ganz tolles Finale sehen." Na, hoffentlich.

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