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EM-Fernsehkritik, Tag 20: Triebabfuhr mit Waldi

Gewohnt souverän haben Gerhard Delling und Günter Netzer das Halbfinale zwischen Spanien und Russland begleitet. Der krachlederne Teil des Abends kam danach: In "Waldis EM-Club" legten Waldemar Hartmann und seine Gäste so richtig los. Herr, nun lass es Endspiel werden!

Von Peter Luley

Ein Abend zum Durchatmen, konnte man meinen. Nachdem auch die "Tagesschau" noch mal "die große Stunde von Philipp Lahm, dem kleinsten deutschen Feldspieler" beim Sieg der DFB-Elf über die Türkei aufgearbeitet hatte, meldeten sich Gerhard Delling und Günter Netzer von ihrer "Sehbühne" im Wiener Ernst-Happel-Stadion zur Ermittlung des Finalgegners. Netzer stimmte mit seiner putzigen SCH-Schwäche auf die "technich tollen" Spanier ein, und nachdem man die erdende Kraft des holländischen Russen-Trainers Guus Hiddink gewürdigt hatte, frotzelte Delling in Richtung seines Gegenübers: "Die Gefahr, dass man durchdreht, ist nicht nur bei Hiddink gering, sondern auch an Ihrer Seite." Business as usual, also.

Und dann war erst mal eine Halbzeit Ruhe. Reporter Steffen Simon hatte viel Zeit, über Dauerregen an der Donau, Blitz und Donner zu sinnieren ("hoffen wir mal, dass das Grün nicht zu sehr leidet"), denn 45 Minuten lang war die Partie ein müder Kick, bzw. "nicht das große Spiel, das man sich erhofft hat" (Simon).

Am Himmel herrschte Hochspannung

Auch Delling fiel da zur Pause nichts anderes ein, als quasi ersatzweise "Hochspannung am Himmel" festzustellen. In Hälfte zwei allerdings dominierten die Spanier dermaßen, dass man sich um die Russen sorgte. "Sie wirken nicht so spritzig wie zuletzt", konstatierte Simon bereits nach dem 1:0 in der 50. Minute; das lässig herausgespielte 2:0 in der 73. bestätigte ihn. "Ist das wirklich der Arschawin, der die Niederlande fast im Alleingang besiegt hat?", fragte sich der Kommentator angesichts des Totalausfalls des russischen Superstars - bevor das 3:0 in der 82. endgültig alles klar machte.

"Fußballkunst in höchster Perfektion" habe er gesehen, schwärmte anschließend Günter Netzer und erklärte Spanien zum Favoriten des Finales. Als einzigen Trost für die TV-Zuschauer hatte er parat, dass Deutschland mit dieser reduzierten Erwartungshaltung sicherlich gut leben könne.

Hartmann tat seine Pflicht am Stammtisch

Es wäre ein treffend-nüchternes Fazit gewesen, aber so durfte der Abend natürlich selbst bei der alten Tante ARD nicht zu Ende gehen. Wie gut, dass zur Triebabfuhr noch "Waldis EM-Club" auf dem Programm stand. Und Waldemar Hartmann, der bekennende "Chef-Duzer" des Senders, tat seine Pflicht und Schuldigkeit. Zu seinem Stammtisch am Stephansdom hatte er eine wahrlich illustre Runde geladen: den WDR-Kabarettisten Dr. Ludger Stratmann, den Jet-Set-Sportler und Fotografen Hubertus von Hohenlohe, den Popmusiker DJ Bobo und den ehemaligen Bundesliga-Manager Reiner Calmund. Allein schon bei der Begrüßung war Waldi in seinem Element. Schließlich konnte er seine Gäste mit Calli, Bobo und Hubsi ansprechen - und die ließen sich zur krachledernen Volkstümlichkeit nicht lange bitten: Calmund lobte den spanischen Trainer Luis Aragonés so wortreich-anerkennend ("dieser alte Sack, wie der die anpeitscht"), dass Hartmann vorsorglich die Regie bat, bei den Einlassungen des schwergewichtigen Ex-Bayer-Funktionärs künftig einen Hinweis einzublenden: "Die nächsten Sendungen verschieben sich um 35 Minuten."

"Hat der Russe das heute zugelassen?", wollte Jovial-Plauderer Waldi dann in Anspielung auf eine alte Kicker-Platitüde von Stratmann wissen, was der bejahte. DJ Bobo prophezeite, das bessere Mittelfeld werde das Finale entscheiden, und Durchlaucht von Hohenlohe bedauerte, dass kein Spiel um Platz drei ausgetragen werde. Calmund widmete Philipp Lahm ein leicht abgewandeltes Churchill-Zitat: "Hinfallen darfste, aufstehen musste" - und berichtete von seltsamen Empfindungen während des Türkei-Spiels: "Ich hatte das Gefühl, ich guck' in 'n Aldi-Geschäft rein: mehr Türken wie Deutsche." Hartmann wiederum bekannte: "Weißt du, was schön war: hier durch die Stadt zu gehen und mal enttäuschte Italiener zu sehen."

Pocher war Wohltat

Fast eine Wohltat war es da, als der Moderator schließlich noch überraschenden Besuch ankündigte: "Titan" Oliver Kahn alias Oliver Pocher. Der durfte dann im Fußballdress und in dezent feixender Kahn-Diktion die Lehmannschen Gegentore kommentieren ("da kann er natürlich gar nichts machen, sieht doof aus"). Und auch wenn er im Wesentlichen seine übliche Parodie-Nummer abspulte ("das ist so'n Druck, den du da hast"), verströmte sein Auftritt doch den Hauch von Wahnsinn, der es leichter machte, die Runde zu ertragen.

Olli, Calli, Bobo und Hubsi bei Waldi - solche Gesprächs-Panel bringen wirklich nur Europa- oder Weltmeisterschaften hervor. Herr, nun lass es Endspiel werden!

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