EM-Fernsehkritik, Tag 4 Beckmanns schmierige Avancen


Am zweiten Übertragungstag der ARD enttäuschte nicht nur Europameister Griechenland, sondern auch das neue, espritfreie Expertenteam: Weder Reinhold Beckmann noch Mehmet Scholl wirkten am Spielverlauf interessiert, geschweige denn aneinander - dafür machte Beckmann Reporterin Monica Lierhaus seltsame Avancen.
Von David Denk

Es muss schon viel passieren, bis einem der ARD-Kommentator Steffen Simon sympathisch wird. Dachte man vor dem EM-Vorrundenspiel Schweden gegen Griechenland am Dienstagabend. Um ehrlich zu sein: Man hielt es für so gut wie ausgeschlossen. Und dann hat ein laaaaangweiliges Fußballspiel gereicht, um zum Verbündeten von Simon zu werden, mit dem man sich nun gemeinsam über die nervtötende Defensivtaktik der Griechen ereifern konnte. In der Vergangenheit hatten die besserwisserischen und eitlen Äußerungen des WDR-Sportchefs für so manchen Aufreger vor dem Fernseher gesorgt - zuletzt beim 3:0 der Niederländer gegen Weltmeister Italien am Montag.

Genau einen Tag später musste Simon erkennen: "Das ist nicht unbedingt Hochgeschwindigkeitsfußball, was wir hier sehen." Und später zur Halbzeitpause noch bitterer: "Das ist ganz, ganz schwere Kost, die Otto Rehhagel dem Fußball in Europa da zumutet." Zum Glück schoss Zlatan Ibrahimovic in der 67. Spielminute dann das 1:0 für Schweden. "Dieses Tor ist eine Erlösung", kommentierte Simon. Doch auch der kuriose zweite Treffer der Schweden konnte Simon nicht mit dem Grottenkick versöhnen: "Auf ganzer Linie enttäuscht" hätten ihn die Griechen, immerhin amtierender Europameister, bilanzierte er. Wie Recht er hatte!

Reinhold Beckmann hat sich nach der WM 2006 aus der Kommentatorenkabine zurückgezogen - ein Schritt, den er während des Griechenland-Spiels wohl keine Sekunde bereut hat. Bei dieser EM analysiert Beckmann gemeinsam mit Ex-Bayern-Profi und -Nationalspieler Mehmet Scholl die Partien am frühen Abend, bevor sich dann beim zweiten Spiel das eingeführte Duo Netzer/Delling die Ehre gibt. Auch bei ihrem zweiten gemeinsamen Auftritt rund um den 4:1-Auftaktsieg der Spanier über Russland wirkten weder Beckmann noch Scholl angemessen am Spielverlauf interessiert, geschweige denn aneinander: Beckmann fragt, Scholl antwortet, Scholl macht eine ironische Bemerkung, Beckmann reagiert nicht - und dann? "Ich hab mich sehr erfreut am Spiel", waren Scholls letzte Worte am Dienstag, "und gehe jetzt recht glücklich nach Hause." Esprit sieht anders aus.

Beckmann interessierte sich mehr für Lierhaus

Wesentlich größeres Interesse als an Scholl ließ Beckmann am Dienstag an seiner Kollegin Monica Lierhaus durchblicken, die - mit dem funkelnden Lago Maggiore im Rücken - aus dem Quartier des deutschen Teams im schweizerischen Tenero berichtet. "Da wo Monica Lierhaus ist, ist eigentlich immer Sonnenschein", schleimte Beckmann und überbrückte einen Tonausfall bei Lierhaus mit den Worten: "Du siehst jedenfalls entzückend aus." Und Lierhaus konnte sich noch nicht mal wehren. Nach ihrem dann doch noch zustande gekommenen Reporterstatement fügte Beckmann nicht minder schmierig hinzu: "Monica Lierhaus ist auch ohne Ton immer einen Blick wert."

Dagegen hat der routiniert ruppige Umgangston zwischen Gerhard Delling und Günter Netzer den wesentlich höheren Unterhaltungswert. Auch wenn Netzer am Dienstag seine Ankündigung von Montag, Delling heftiger beschimpfen zu wollen, nicht wahr machte, beharkten die ARD-Experten einander wie eh und je. Als Netzer gegen das neureich-prollige Auftreten vieler Jungstars wetterte, erinnerte Delling ihn daran, dass Netzer früher selber Ferrari gefahren ist und nicht Bus. "Ich wusste, dass Sie das sagen würden", entgegnete Netzer mit dem ihm eigenen selbstgewissen Lächeln. "Das würde ich heute nicht mehr so machen."

Tadellos hingegen präsentierte sich wieder Tom Bartels, Steffen Simons neuer Kommentatorenkollege, der schon in seinen ersten beiden Spielen bewiesen hat, dass er es verdient hat, das Finale dieser EM zu kommentieren. Kenntnisreich, aber unaufdringlich führte er die Fernsehzuschauer auch durch die Begegnung Spanien-Russland, die das glatte Gegenteil war von der Partie Griechenland-Schweden: aufregend bis zum Schluss. "Die Namen sind immer nur so groß wie die Leistung", sagte er nach dem Spiel, und die stimmte bei den Spaniern. Und bei Bartels.


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