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Interview mit Joachim Löw: "Das schwerste Turnier aller Zeiten"

47 Tage vor Beginn der EM hat sich ein spürbar aufgeräumter Bundestrainer in der DFB-Zentrale in Frankfurt präsentiert. Mit stern.de spricht Löw vor den finalen Wochen über den sich abzeichnenden Kader, die Bedeutung von Jokern und seinen neuen Schlüsselspieler.

Herr Löw, die Fußball-Europameisterschaft im Juni wird Ihr erstes Turnier als hauptverantwortlicher Bundestrainer. Ist auch Lampenfieber mit dabei? Lampenfieber ist das falsche Wort, denn ich freue mich mehr, als dass ich nervös bin. Ich bin relativ ruhig und gelassen, aber konzentriert. Ich empfinde es nicht so, als wäre es für mich das erste Turnier als Cheftrainer. Ich habe den Confederations Cup und die WM 2004 als Assistent von Jürgen Klinsmann mitgemacht. Da hatten wir ein Team, in dem ich auch schon viel Verantwortung getragen habe. Und daher hat sich nach der WM im rein fußballerischen Bereich für mich fast nichts verändert.

Haben Sie vielleicht doch schlaflose Nächte, weil es zwei Jahre nach Friede, Freude, Eierkuchen aussah und nun innerhalb kürzester Zeit alles schief gehen könnte?

Je näher das Turnier rückt, umso besser schlafe ich. Die Mannschaft hat in den letzten zwei, drei Jahren messbare Fortschritte gemacht. Wir vertrauen unseren Stärken und ich freue mich, dass wir die Mannschaft vor dem Turnier drei Wochen zusammenhaben werden. Das Trainingslager vom 19. bis zum 30. Mai auf Mallorca ist der Hauptteil unserer Arbeit für dieses Turnier. Da können wir sicherlich auch einiges optimieren.

Was lässt sich so kurz vor dem Turnier noch optimieren?

Jeder Bereich lässt sich verbessern. Die meiste Zeit müssen wir uns dem taktischen Bereich widmen. Sonst hat man die Mannschaft nur zwei, drei, bei Doppel-Länderspieltagen acht oder neun Tage zusammen, jetzt können wir mal kontinuierlich an manchen Dingen arbeiten. Wir werden Spieler bei diesem Turnier haben, die mit unterschiedlichen Voraussetzungen kommen. Spieler, die alle Saisonspiele gemacht haben, die auch im internationalen Wettbewerb standen und Spieler, die wenige Einsatzzeiten hatten. Bei denen ist die individuelle Vorbereitung im körperlichen Bereich wichtig, vor allem in der ersten Woche.

Die Mannschaft wirkte beim letzten Turnier ein wenig überspielt. Ist es nun von Vorteil, dass Michael Ballack und Torsten Frings verletzt waren, so fitter sind und nicht überspielt? Ob längere Verletzungen Vor-oder Nachteile sind, ist vorher schwer einzuordnen. Michael Ballack spielt ja seit Dezember wieder regelmäßig. Torsten Frings war dieses Jahr etwas aus dem Rhythmus draußen, hat Knieprobleme gehabt. Er ist aber ein Spieler, der sich in ein Turnier reinarbeiten kann. Frings ist ein Turnierspieler, der vor allem über fünf, sechs, sieben Spiele das ganz hohe Niveau abrufen kann. Bei Christoph Metzelder wussten wir 2006 auch nicht sicher, ob er unserer Mannschaft Stabilität geben kann, er hat es aber geschafft, auch wenn er lange verletzt war und sogar verletzt zum Team gestoßen ist. So wie Philipp Lahm.

Wie sieht es nun mit dem wieder lange verletzten Metzelder aus?

2002 war er ein Stabilisator der Mannschaft, 2006 internationale Klasse, hat mit zu den besten Abwehrspielern dieses Turniers gehört. Er kann sich bei einem Turnier innerhalb kürzester Zeit hochfahren und seine gewohnte Leistung zeigen. Wir haben zu ihm, wie auch zu allen anderen Spielern, im Wochenrhythmus Kontakt. Wir informieren uns ständig über seinen Stand. Er ist ins Training eingestiegen und hat keine Probleme.

Wie groß ist denn der Kreis der Spieler noch, der sich Hoffnungen machen kann? Er stand ja mal bei 40. Hat er sich weiter reduziert?

Intern hat er sich reduziert, ich will das nicht an einer Zahl festmachen. Wir werden in den letzten Bundesligaspielen der Saison noch mal intensiv beobachten. Die Spieler wissen, nach welchen Kriterien wir das tun. Nach dem 10. Mai treffen wir dann unsere Entscheidungen, werden alle Daten und Fakten zusammengetragen, bevor der Kader am 16. Mai nominiert wird.

Nach was für Kriterien werden die Spieler denn beurteilt? Können und mentale Stärke. Was können sie auf ihrer Position, und was können sie aufgrund unserer Philosophie auf ihrer Position auch taktisch umsetzen. Mentale Stärke heißt, wie präsentieren sie sich im Spiel grundsätzlich? Sind sie auch in der Lage bei einem Rückstand mit anzutreiben? Spürt man Ausdauer und Beharrlichkeit? Hat man das Gefühl, das einer um seinen Platz im Kader mit aller Vehemenz kämpft?

Es klingt durch, dass gesetzt nicht unbedingt “erste Elf“ bedeuten muss. 23 werden letztlich zum EM-Kader gehören. Gibt es eine Klassifizierung, dass sie sagen 15 sind bei mir Spieler, die sich zwingend aufdrängen, die anderen eher Ergänzungsspieler?

Grundsätzlich ist es so, dass wir ein paar Möglichkeiten mehr haben, was die Kaderauswahl betrifft, als vor der WM 2006. Da gab es in den verschiedenen Mannschaftsteilen kaum Auswahl. Wir werden einen Kader zusammenstellen von 20 plus drei. Vielleicht kommt der eine oder andere mit, wo man sagt: Der kann der Mannschaft nur in ganz bestimmten Situationen helfen. Was die Aufstellung betrifft, macht es wenig Sinn, sich so früh festzulegen. Natürlich gibt es aufgrund ihrer Klasse unverzichtbare Spieler. Aber die Form in den Trainingseinheiten und den Vorbereitungsspielen ist entscheidend. Gott sei Dank haben wir Variationsmöglichkeiten. Ich werde am 16. Mai, dem Tag der Nominierung, rein nach Leistungskriterien entscheiden. Was ist das Beste für die Mannschaft. Menschlich gesehen tut es schon ein Stück weh, jemandem, der zwei Jahre dabei war, zu sagen, du bist nicht dabei.

Wer sind die Schlüsselspieler?

Im Moment Lehmann, Metzelder, Ballack, Frings, Klose, die Spieler, die die Mannschaft in den letzten zwei, drei Jahren geführt haben. Möglicherweise gibt es beim Turnier den einen oder anderen Spieler, der sich noch als Führungsspieler herauskristallisiert. Mertesacker hat da in der Persönlichkeitsentwicklung einen großen Sprung gemacht, er genießt ein hohes Standing in der Mannschaft.

Geschätzte vier Millionen Bundestrainer in Deutschland sagen, die Vorrunde wird leicht. Was sagen Sie? Es wird das schwerste Turnier aller Zeiten. Bei der WM 2006 waren von den letzten 16 Mannschaften elf Europäer, ab dem Halbfinale war es eine rein europäische Angelegenheit. Dann haben sich einige Nationen im Vergleich zu 2006 entscheidend verbessert. Polen zum Beispiel, wie die Qualifikation gezeigt hat. Auch 2006 hatten wir schon Probleme und nur in letzter Minute gewonnen. Kroatien hat technische Individualkönner, wie nur wenige andere Nationen. Der Gastgeber Österreich lebt von der Euphorie. Das ist durchaus eine schwierige Gruppe. Ich sehe insgesamt bei der EURO keinen ausgemachten Topfavoriten, jede Nation kann die andere schlagen.

Wie viele Stürmer nehmen Sie mit?

Fünf würden wir gerne nominieren. Es ist kein Geheimnis, dass Klose, Gomez, Kuranyi und Podolski dabei sein werden, wenn sie nicht verletzt sind. Für die fünfte Position gibt es mehrere Kandidaten. Es hängt auch davon ab, für welchen Spielertyp wir uns entscheiden. Sicher hängt es von der Form in den nächsten Wochen ab, es könnte aber auch eine Bauchentscheidung für einen Joker sein. Insgesamt möchte ich jede Position der Feldspieler doppelt besetzen. Außer in der Innenverteidigung, das müssen nicht vier sein, weil es dort auch Spieler gibt, die sowohl innen als auch außen spielen können, deshalb nehmen wir eine fünften Angreifer mit.

Hat sich Ihr Leben verändert, seit Sie Bundestrainer sind?

Ich stehe als Bundestrainer vermehrt im Fokus der Öffentlichkeit. Wenn ich aus der Haustür rausgehe, bin ich ein Stück Allgemeingut, das war vorher nicht so. Rein privat gesehen hat sich nichts geändert. Ich habe den gleichen Freundeskreis, die gleiche familiäre Umgebung und bewege mich in Freiburg trotz allem noch an den gleichen Orten und mache das gleiche wie vorher.

Sie haben eigentlich nie eine negative Presse seit Ihrer Zeit als Bundestrainer gehabt. Rechnen Sie damit, dass dies auch mal ins Gegenteil umschlagen könnte?

Die Beurteilung hängt im starken Maße von den Ergebnissen ab. Wir haben die Ziele, die wir uns vorgenommen haben, erreicht. Ich habe 15 von 20 Länderspielen gewonnen. Da waren auch einige Freundschaftsspiele dabei, wir haben aber vor allem die EM-Qualifikation frühzeitig erreicht. Mit konstruktiver Kritik kann ich umgehen. Ich werde aber nie meine Linie verlieren und meinen Weg verlassen. Denn wir sind von unserer Philosophie überzeugt.

Interview: Martin Sonnleitner

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