Josef Hickersberger Neuer Mut für Fußball-Liliput


Mit Häme und Spott weiß er umzugehen. Statt sich darüber zu ärgern, hat Österreichs Trainer Josef Hickersberger eine Tugend daraus gemacht, dass keiner seinem Team etwas bei der EM im eigenen Land zutraut. Kampflos ergeben will sich der Gastgeber nämlich auf keinen Fall.
Von Oliver Trust

Es könnte ein gutes Zeichen sein, aber auch ein tief sitzender Selbstzerstörungstrieb. Es scheint auf alle Fälle eine gewisse Nähe zum Sarkasmus vorhanden, wenn in Österreich über den Fußball Made in Austria und über Josef Hickersberger gesprochen wird. Wobei das nichts Persönliches mit Hickersberger ist. Der hat nur das Pech Nationaltrainer seines Heimatlandes zu sein - im Fußball und vor der EM 2008.

Potente Lästermäuler aus den eigenen Reihen

In Deutschland hätten sie "Löw raus" gerufen, in Österreich gründet man eine Initiative "Östereich zeigt Rückgrat", die sich einen freiwilligen Verzicht auf den EM-Startplatz als besonderen Gag auf die Fahnen schrieb, und die potentesten Lästermäuler des Landes klettern aus ihren Verstecken. Kurt Jara, Toni Polster, Hans Krankl - man kennt die Herren überall auf der Welt. Und mittlerweile ihre spöttelnden Kommentare. Den "Ahnungslosen" haben sie ihn unter anderem genannt, dabei hat er in Bahrain, Ägypten, den Vereinigten Arabischen Emiraten und in Katar als Trainer gearbeitet und als Spieler in Offenbach und Düsseldorf gespielt.

Was bleibt dem bedauernswerten Hickersberger also anders als ebenso sarkastisch zurück zu schlagen - manchmal klingt er dabei wie ein Psychoanalytiker. "Ich glaube nicht, dass unsere Mentalität für unsere Erfolglosigkeit verantwortlich ist. Es gibt schließlich andere Sportarten, in denen Österreicher in die Weltspitze vorgedrungen sind. Der Skisport zum Beispiel. Leider sind das keine Mannschaftssportler." Und, auf seine Auslandserfahrung (sieben Jahre als Spieler, acht Jahre als Trainer) anspielend: "Man wird sensibler im Umgang mit anderen Menschen, sicher auch ruhiger und ausgeglichener. Fußball ist ein Abenteuer - auch meine Aufgabe als österreichischer Nationaltrainer. Ich habe doch gewusst, wie groß Österreichs Chancen im Weltfußball sind. Ich bin zwar blauäugig, aber so blauäugig nun auch wieder nicht. Ich mache mir nichts vor."

Mit Scheuklappen ins Abseits

Andere denken er müsste mal richtig drauf hauen, die meisten aber wissen, es hätte wenig Zweck, weil es grundsätzliche Strukturprobleme sind, mit denen sich Österreichs Fußball herum schlägt und nicht einmal der Papst könnte wohl auf die Schnelle etwas ändern. Zu lange köchelte Österreichs Fußball im eigenen Saft und was außen herum in der Welt vorging, schien niemanden so wirklich zu interessieren. So wenig wie man Wert auf den eigenen Nachwuchs legte und stattdessen mittelmäßige Ausländer einkaufte.

Skandale in der Liga, deren bescheidenes Niveau, undurchsichtige Geldschiebereien und Fan-Ausschreitungen haben eine gewisse Skepsis wachsen lassen. Gleichzeitig sind manche Erwartungen geradezu turmhoch und die Ergebnisse nicht schlecht, sondern vielmehr meist arg deprimierend.

Die Kritik pralle an ihm ab wie "Regen an einem Regenmantel" schrieb die "Neue Züricher Zeitung", die extra einen Reporter ins Nachbarland schickte, um ein Sittengemälde des österreichischen Fußballs und seines Nationaltrainers zu erstellen. Manchmal sieht der 60 Jahre alte Hickersberger bei dieser Regen-Abprallübung fast leblos aus. Man kann kaum sehen, dass er atmet. Die Arme hat er vor der Brust verschränkt und er schaut starr in die Tiefe des Raumes als schöpfe er besondere Kraft aus dieser meditativen Haltung. Hickersberger hat nie ein Blatt vor den Mund genommen und offen Kritik geäußert. Manchem im Alpenstaat ging das Sich-selbst-klein-Gerede ein gutes Stück zu weit: "Es wäre eine Weltsensation, wenn wir ins Viertelfinale kommen."

"Größter Außenseiter aller Zeiten"

Eines hat Hickersberger immerhin geschafft: Von Österreich erwartet kein Mensch mehr etwas. Der "größte Außenseiter aller Zeiten" käme daher, heißt es überall. Österreich als Liliput des Fußballs. Vielleicht seine Strategie, den Überraschungseffekt für die Sportnation Österreich (42 Prozent sind in einem Sportverein) am Leben zu erhalten. Versteckt appelliert er ans nationale Bewusstsein, etwas, was in Österreich gut ankommt. "Ich spüre nicht, dass es allen Österreichern bewusst ist, dass die Spiele die Spiele unseres Lebens sein werden. Es wird nie wieder solche Spiele, nie wieder ein solches Turnier in unserem Land geben", sagt er. Und, er spüre mehr und mehr Motivation bei seinen Spielern, je näher das Turnier rücke. Die Rechnung des Mannes, der 1992 in der Qualifikation zur EM 1992 mit Österreich 0:1 gegen die Farör-Inseln verlor, könnte aufgehen.

Dass Hickersberger die ganze Sache nicht willenlos herschenken möchte, zeigt das intensive Trainingslager. Seit 3. Mai übt Österreich für die Euro. Früher als alle anderen Teilnehmer setzte Hickersberger den Startschuss. Oft erzählt er dann von der 0:3-Niederlage gegen Deutschland und dem 3:4 gegen die Holländer als sich die Verlierer aus Österreich nicht wie Verlierer fühlten, sondern spürten, sie können mithalten, auch, wenn auch nur eine gute Stunde lang. Hickersberger setzt unverdrossen auf junge Talente, denen zwar noch die internationale Erfahrung fehlt, die aber eine gewisse Perspektive bieten. Und weiter runter geht es wirklich nicht.

Toni Polster verweigert Unterschrift

Der gefühlte Tiefpunkt hielt sich über viele Monate. Obwohl bei der Initiative Rückgrat, die eine "Ösi-freie-EM" erreichen wollte, über eine Million Unterschriften eingingen, hat kein Mensch den Antrag beim europäischen Verband Uefa eingebracht, die Euro 2008, ohne Österreich zu spielen. Selbst das größte Lästermaul, ein gewisser Toni Polster, gestand fast kleinlaut ein, er wünsche sich als Patriot eine Überraschung durch Österreich. Polster meinte tatsächlich den Fußball und keine Disziplin aus dem Wintersport.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker