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EM 2012: EM-Rückblick auf den ersten deutschen Titel 1972

Blockbildung war das entscheidende Stichwort, wenn es in den 70ern um die Zusammenstellung der deutschen Nationalmannschaft ging, den Grundstock stellten die beiden beherrschenden Teams jener Zeit, die Bayern und Gladbach.

Blockbildung war das entscheidende Stichwort, wenn es in den 70ern um die Zusammenstellung der deutschen Nationalmannschaft ging, den Grundstock stellten die beiden beherrschenden Teams jener Zeit, die Bayern und Gladbach, wobei der Löwenanteil der Spieler immer aus München kam.

Mit seiner Zusammenstellung glückte Bundestrainer Helmut Schön das Kunststück, das mehr auf Ballbesitz ausgerichtete Spielsystem der Bayern auf’s trefflichste mit dem schnellen Konterspiel der Fohlen zu vereinigen. Und mit Günther Netzer und Franz Beckbauer konnte er dabei auf die zwei entscheidenden Figuren der jeweiligen Spielweise beider Teams zurückgreifen.

So geschehen auch bei der Viertelfinal-Begegnung gegen England im Wembley Stadion zur EM 1972. Sepp Maier im Tor, in der Abwehr mit Beckenbauer, Georg Schwarzenbeck und Paul Breitner, dazu kam der Bremer mit Gladbacher Vergangenheit Horst-Dieter Höttges. Überraschend für die Heimatpresse war vor allem die Berufung der Shooting-Stars Breitner (21) und Uli Hoeneß (20), die noch am Anfang ihrer Karriere standen, beide mit großer Grundschnelligkeit ausgestattet, Breitner mit einem für einen Außenverteidiger enormen Offensivdrang.

Nach dem Motto, in jeder großen Elf muss ein Kölner spielen, wenn auch nur als Auswechselspieler (das erklärt das Beharren von Joachim Löw auf Lukas Podolski), war Karl-Heinz Flohe mit dabei. Neben den Gladbachern Herbert Wimmer und Netzer sorgten Siggi Held und Jürgen Grabowski für hessische Farbtupfer, mit Gerd Müller als unvermeidlichem zentralem Angreifer.

Ramsey: Die Besten der Welt

Im Nachhinein lässt sich festhalten, es war nicht das beste Spiel, das diese DFB-Auswahl in jenen Jahren spielte. Und die Aussage von Sir Alf Ramsey, der die Three Lions damals coachte, hat bei aller Anerkennung auch Bestandteile eines ehrenvollen Rückzugsgefechtes. Diese deutsche Mannschaft sei eine der besten der Welt gewesen, wenn nicht sogar DIE beste. Umso mehr man den Gegner lobt, desto entschuldbar wurde die Niederlage. Doch der anerkennende Teil in Ramseys Aussage ist nicht zu unterschätzen. Wembley war die Geburtsstunde einer Mannschaft, die noch Großes leisten sollte, nur: danach war die Fußballwelt vorgewarnt.

Die französische L’Equipe sprach nach der Partie von Fußball aus dem Jahre 2000. Die englische Mannschaft war nicht so chancenlos, wie das im Nachhinein oft dargestellt wurde. Der Ausspruch von Ramsey oder das Schlagwort der L’Equipe zielten auf etwas anderes ab. Das schnelle und präzise Passspiel, die häufigen Positionswechsel gerade der dominierenden Beckenbauer und dem mit der Begegnung untrennbar verbundenen Netzer entlarvten das System der Engländer als überaltert und langsam. England weiß nur zu kämpfen, erklärte der Guardian die Niederlage.

Die Three Lions verloren das Spiel nach Toren von Hoeneß (27. Minute), Netzer (84./Elfmeter) und Müller (88.) sowie dem zwischenzeitlichen Ausgleich durch Francis Lee (78.) mit 1:3, dabei wurde der deutschen Mannschaft noch ein klarer Elfmeter verwehrt. Doch auch so war der Schock für den englischen Fußball groß genug.

Die Krönung

Am 18. Juni 1972 trafen im Finale von Brüssel die DFB-Auswahl und die Mannschaft der Sowjetunion aufeinander. Spielerisch war es der Höhepunkt der Wembley-Elf, auch wenn die meisten von ihnen auch bei der Weltmeisterschaft zwei Jahre später im eigenen Land noch mit dabei waren. Die Rollen waren klar verteilt. Im Guardian schrieb Brian Glanville: "Wenn die Deutschen das Finale gegen die Sowjetunion verlieren, dann wird der internationale Fußball um fünf Jahre zurückgeworfen."

Die Partie wurde zu einer sportlichen Machtdemonstration allererster Güte. Was sich bei der Partie in Wembley schon angedeutet hatte an Tempo, Präzision und Positionswechsel funktionierte nun bereits mit fast traumwandlerischer Sicherheit, auf dem Rasen wurden die Sowjets regelrecht vorgeführt. Die Pressestimmen waren dementsprechend: Als "Wunderteam" wurde die Mannschaft in Belgien gehandelt, für die L’Equipe war Netzer der beste Spieler des Kontinents, die Times erklärte, die Russen seien geistig und technisch ausgespielt worden. Deutschland gewann das Finale mit 3:0, ein Ergebnis, dass dem Gegner fast etwas schmeichelte.

Am Ende und Höhepunkt dieser Entwicklung der Mannschaft von Schön stand der Weltmeistertitel im eigenen Land 1974. Ob sich eine solche Entwicklung wiederholen kann? Warum nicht? Unter Jogi Löw hat die deutsche Mannschaft einen Spielstil entwickelt, der international wieder viel Anerkennung genießt. Und so gesehen ist die DFB-Auswahl schon mit spielerisch deutlich schwächeren Auftritten zu Titelehren gekommen.

Olaf Edig 

sportal.de / sportal

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