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Bundestrainer Joachim Löw: Cool, cooler, Löw

Druck und Stress? Joachim Löw scheint das nicht zu kennen. Sein Auftreten bei der EM zeigt: Der Bundestrainer hat einen Reifeprozess durchlaufen.

Von Frank Hellmann, Kiew

Joachim Löw ist derzeit tiefenentspannt. Klar, nach dem Sieg über die Niederländer ohnehin. Aber auch vor dem Spiel schien der Bundestrainer keinen Druck zu verspüren. Während sich seine Mannschaft auf dem Feld warmmachte, erlaubte sich Löw einen kleinen Spaß: Er schlich sich auf leisen Sohlen an einen unbescholtenen Balljungen an. Der hatte eines der Spielgeräte unter seinen Arm geklemmt. Der Bundestrainer boxte den Ball aus der Beuge des Jungen – und grinste den irritierten Balljungen danach verschmitzt an.

Die nebensächliche Begebenheit ist von der Stadionregie natürlich eingefangen worden, und anders als die vielen unschönen Bilder bei diesem Event wurde diese Szene später in Zeitlupe nachgereicht. Löw macht dabei einen prima Eindruck, erst streicht er sich durchs dunkle Haar, dann kaut er Kaugummi, dann grinst er wie ein Pokerspieler, der gerade den Gewinn einstreicht. Weit mehr als 100.000-mal ist die 18-Sekunden-Sequenz bei Youtube schon geklickt worden. Cool, cooler, Löw.

Zwei Siege gegen Holland in sechs Monaten

Manchmal sagen Bilder mehr aus viele Worte. Und was der Spaßvogel Löw damit demonstrierte: Da kann einer jederzeit Wichtiges von Unwichtigem trennen und verliert doch nicht die innere Balance. Der Badener hat gegen den einst stilprägenden Erzrivalen nicht nur ein zweites Mal binnen eines halben Jahres gewonnen – nach dem 3:0 von Hamburg nun 2:1 in Charkow – sondern führt damit auch einen inneren Reifeprozess fort. Beinahe instinktsicher trifft Löw die richtigen Entscheidungen – damals im tristen November vergangenen Jahres hat sich die Nation ja gefragt, wie bitteschön kann es dieser Mann schaffen, die Frühform bis nach Polen und in die Ukraine zu retten.

Nun, in diesem EM-Sommer, der in Städten wie Charkow gerade Backofen-Temperaturen hervorbringt, fügt sich alles wie von selbst, indem der Cheftrainer aus dem Bauch heraus entscheidet: Mats Hummels für Per Mertesacker, Mario Gomez für Miroslav Klose. Fertig ist das Deutschland-Glück. "Das war Druck ohne Ende, das waren 300 Kilogramm auf den Schultern", sagte Doppeltorschütze Gomez, und der 26-jährige Matchwinner vom Mittwochabend durfte mit dem Fernsehkritiker Mehmet Scholl abrechnen: "Es ist schade, wenn du das Tor gegen Portugal schießt und dann kriegst du drei Tage etwas auf die Fresse."

Derweil saß Löw im Presseraum des Metalist-Stadions und beleuchtete lieber das große Ganze. "Sechs Punkte in der Todesgruppe – das ist mal eine gute Leistung." Und mittlerweile ist der Mann so selbstbewusst, dass er offenherzig der Weltpresse die gegnerischen Versäumnisse benennt. "Wir wussten, dass die niederländischen Defensivspieler im Eins-gegen-Eins nicht die Stärksten sind; dass sie große Probleme in den Schnittstellen haben. Und ich hatte das Gefühl, Holland war ab der 60. Minute körperlich tot. Wir haben sie müde gespielt." So referierte der Didaktiker und Taktiker schon einmal – es war nach einem historischen 4:0 im WM-Viertelfinale gegen Argentinien, als Löw keinen Geringeren als Diego Maradona am Nasenring durch die Kapstadter Manege führte, als er erläuterte, dass die Südamerikaner eine zweigeteilte Mannschaften ohne Zusammenhang zwischen Abwehr und Angriff hätten. Genauso ist es jetzt in doppelter Hinsicht gegen die Niederländer gewesen.

Özil, Lahm, Müller - das ist Löws Spielergeneration

Löw ist längst einer der ganz großen Nationaltrainer, obwohl der Schönauer mit 52 Jahren viel jünger als die Kollegen Giovanni Trapattoni, Vicente del Bosque, Morten Olsen oder Bert van Marwijk daherkommt. Manchmal schleicht er wie ein Lausbub in eine Stadionecke, um hastig eine Zigarette zu rauchen. Wenn er beim Freizeitkick mitmacht, will er unbedingt immer gewinnen – wie ein Schuljunge. Der älteste von vier Söhnen eines Ofensetzermeisters aus dem Schwarzwald hat den Fußball Zeit seines Lebens eher als Kunst- denn als Kampfform betrachtet: Schon als Aktiver war der 52-fache Bundesligaspieler Löw, der die meiste Zeit in der zweiten Liga werkeln musste, eigentlich ein Schöngeist. Läuferisch und kämpferisch nicht der Stärkste, aber er hatte ein Gespür für Ball, Raum und Zeit.

Als Trainer träumt er vom schönen Spiel – und dem Gewinn eines Titels mit "undeutschen Tugenden". Die Spanier, sagt er, kann man nicht mit Einsatz und Engagement besiegen – sondern muss ihnen spielerisch beikommen. Mit Esprit und Witz. So wie er mehrere Espressos am Tag genießt, sollen die Menschen seinen Fußball mögen. Er predigt flache Hierarchien und flache Pässe. Er mag keine Obermacker wie Torsten Frings und erst recht keine Alphatiere wie Michael Ballack. Vor vier Jahren in der Schweiz und in Österreich hat er diesem Spielertypus noch vertrauen müssen, aber die Generation Lahm, Schweinsteiger, Müller, Özil das ist seine. Und die Wertschätzung wird von der Gegenseite erwidert.

Löw wird weltweit geschätzt

Löw wird weltweit mittlerweile geschätzt als ein Großer der Trainer-Gilde; vielen Kollegen scheint er List und Leichtigkeit, Fachkenntnis und Finesse voraus zu haben. Das Auswärtige Amt hat in Kiew im Konferenzzelt des European Village unter dem Bogen der Völkerfreundschaft kurz vor dem Turnier den Sönke-Wortmann-Film vom Sommermärchen 2006 gezeigt. Wer dabei nur auf Löw achtete, dem fiel das dichtere Haar und die glatteren Gesichtszüge auf, aber vor allem ist rückblickend eklatant, wie viel der taktischen Detail- und Analysearbeit vor sechs Jahren auf sein Konto ging. Alle Fragen zur vertiefenden Strategie des Spiels beantwortete der Assistent – und nicht Einpeitscher Jürgen Klinsmann. Von Klinsmann, das hat Löw einmal zugegeben, habe er dennoch eine Menge gelernt. Vor allem die Fähigkeit, Dinge zu delegieren. Nur den Scherz mit dem Balljungen, den erledigt er dann doch lieber noch selbst.

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