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Die Nationalmannschaft und das Bayern-Trauma: Angst vor dem Verlierer-Gen

Welche Auswirkungen hat die Niederlage der Bayern auf die Nationalmannschaft? Joachim Löws Mission EM-Titelgewinn ist gefährdet.

Von Klaus Bellstedt

Kurioserweise war es ausgerechnet ein englischer Journalist, der den Ernst der Lage sofort erkannt hatte. Unmittelbar nachdem Didier Drogba den entscheidenden Elfmeter für Chelsea im Champions-League-Finale gegen die Bayern verwandelt hatte, rief der Pressemann seinem Kollegen oben auf der Tribüne der Allianz-Arena folgende Worte zu: "Poor Mr. Löw." Die beiden lachten sich kaputt. Die Schadenfreude der Engländer tat weh. Das Schlimme daran: Joachim Löw ist wirklich zu bedauern.

Neuer, Boateng, Lahm, Schweinsteiger, Kroos, Müller und Gomez: Diese sieben Nationalspieler standen am Samstagabend in der Startaufstellung der Bayern. Alle sieben gehören auch im DFB-Team zum festen Stamm. Und sie alle reisen nun Ende der Woche, mit nur wenigen Tagen Abstand, nach Südfrankreich ins Trainingslager der Nationalmannschaft. Man muss keinen Abschluss in Psychologie haben, um sich vorzustellen, in welch erbärmlicher Verfassung die Bayern-Spieler dort zwei Wochen vor Beginn der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine ankommen werden.

Joachim Löw ist der "Leidtragende", sagt Franz Beckenbauer. Aber das ist zu einfach. Die Wahrheit ist: Die ohnehin schon zerrüttete EM-Vorbereitung ist durch das Drama von München nun zusätzlich schwer belastet. Bundestrainer, Teammanager Oliver Bierhoff und das gesamte Trainerteam sind jetzt vor allem als Therapeuten gefordert. Ob es ihnen wirklich gelingt, aus den tief enttäuschten Bayern-Verlierern strahlende Europameister zu machen, wird sich erst während des Turniers zeigen. Zweifel bleiben.

Kann Schweinsteiger das Trauma überhaupt überwinden?

Die Mission EM-Titel ist vor allem auch wegen Bastian Schweinsteiger in Gefahr - weil er der wichtigste Spieler von Joachim Löw ist. Philipp Lahm ist zwar der Kapitän, aber Schweinsteiger ist es, der im DFB-Team die Kommandos gibt und die Mannschaft vor großen Spielen im Kreis zusammenholt und sie einschwört. So ist es in der Nationalmannschaft, und so war es auch vor dem Anstoß zum Champions-League-Finale. In der Öffentlichkeit steht Schweinsteiger, weil er gegen Chelsea ausgerechnet im Elfmeterschießen versagte, als größter Bayern-Verlierer da. Die Bilder des einsam weinenden Vize-Kapitäns gingen um die Welt. Auch am Tag danach war Schweinsteiger noch nicht wieder ansprechbar.

"Wir müssen ihm zeigen, dass es kein Drama ist, einen wichtigen Elfmeter zu verschießen." Das sei schon anderen passiert, Lionel Messi etwa. Oliver Bierhoff meinte es nur gut. Aber auch Bierhoff weiß, dass das Problem so schnell nicht weggewischt werden kann. Denn es geht in erster Linie darum, was ein Spieler wie Schweinsteiger von sich selbst erwartet. Wie wird er seinen fatalen Fehlschuss verarbeiten? Und: Wird es ihm überhaupt gelingen, dieses Trauma zu überwinden? Im Hinblick auf den angestrebten Europameistertitel ist die Beantwortung dieser Fragen von überragender Bedeutung.

Löw will die Verlierer in Ruhe lassen

Schweinsteiger ist ein besonders schwerer Fall, weil er - wie übrigens auch Philipp Lahm - nach dem EM-Finale 2008 gegen Spanien und dem Königsklassen-Endspiel vor zwei Jahren gegen Inter Mailand gegen Chelsea nun schon zum dritten Mal den Gewinn seines ersten großen internationalen Titels verpasst hat. Aber es geht auch um die psychologische Verfassung des Rests der großen Gruppe der Münchner Nationalspieler. Ganz abgesehen vom "Drama dahoam" stecken Kroos, Müller und Co. bereits das verlorene DFB-Pokalfinale sowie die verpatzte Meisterschaft in den Knochen.

Nationalelf-Optimisten führen gerne den Vergleich mit Bayer Leverkusen aus dem Jahr 2002 an. Jörg Butt, Carsten Ramelow, Michael Ballack, Bernd Schneider und Oliver Neuville reisten damals als dreifache Vizes zur WM nach Japan und Südkorea. Am Ende wurde die Nationalmannschaft überraschend Vizeweltmeister. Jetzt ist die Fallhöhe aber eine andere. Von Leverkusen erwartete vor allem im Champions-League-Finale gegen Real Madrid niemand etwas. Die Bayern aber waren gegen Chelsea der Über-Favorit. Sie mussten dieses Endspiel gewinnen. Der Schmerz ist ein anderer.

Erfolgs-Block beim DFB auseinandergebrochen

Joachim Löw will die Verlierer von München erst einmal in Ruhe lassen. Am Sonntag vermied er es , den Kontakt zu den Betroffenen zu suchen. "Unmittelbar danach ist es immer schwierig, da ruft man die Spieler nicht an", sagte der Bundestrainer am Sonntag auf der DFB-Pressekonferenz in Tourrettes. Montag oder Dienstag werde er versuchen, erstmals mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Für den Test am Samstag gegen die Schweiz, das steht schon fest, wird kaum einer der Bayern-Nationalspieler berücksichtigt. "Es macht jetzt keinen Sinn, sie jetzt möglichst schnell integrieren zu wollen", so Löw. Das klingt behutsam und vorsichtig. Es könnte der richtige Weg sein.

Und auch Oliver Bierhoff hat irgendwie Recht: "Wir werden die Jungs schon wieder aufbauen. Mit uns können sie noch einen Titel gewinnen", sagte der Nationalmannschaftsmanager. Richtig ist aber auch, dass, wenn das DFB-Team bei der EM zu großen Teilen aus euphorisierten Double-Dortmundern und den Bayern als Könige des europäischen Klubfußballs bestanden hätte, die Chance, auch wirklich Europameister zu werden nicht kleiner geworden wäre. Das Gegenteil ist der Fall. Poor Mr Löw.

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