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EM-Favoriten Deutschland und Spanien: Der rote Rivale zieht davon

Deutschland und Spanien, das sind die EM-Favoriten. Aus deutscher Sicht hatte sich der Abstand zum großen Vorbild vor dem Turnier verringert. Doch die EM zeigt: Soweit ist es noch nicht.

Von Wigbert Löer, Danzig

Noch immer kein schöner Fußball wie 2010, als an zwei Wochenenden England und Argentinien aus der WM geschossen wurden. Beim DFB erinnert man bereits eifrig und nicht zu Unrecht daran, dass doch damals die Vorrunde auch recht durchwachsen war, ein Selbstläufer Australien, Probleme mit Serbien und Ghana. Die Botschaft: bitte Geduld haben. Und die Vergangenheit nicht verklären. Es ändert sich ein wenig, das Gefühl, das die deutsche Nationalmannschaft in diesen Tagen bei der Europameisterschaft auslöst.

Am Abend spielt Spanien gegen Kroatien. Spanien kann noch ausscheiden, doch eher ist mit einer weiteren Demonstration schnellen, passsicheren, nach Zukunft aussehenden Fußballs zu rechnen. Auch deutsche Fans konnten sich dem Sog schwer entziehen, der von den beiden bisherigen spanischen Kurzpasskonzerten im Danziger Stadion ausging. Ob mit oder ohne klassischen Mittelstürmer, die Furia Roja, so der Eindruck, kann es einfach.

Und Deutschland?

Gewinnt neun Punkte aus drei Spielen, mehr war nicht möglich. Doch wo bloß ist das schöne, das moderne Spiel, das nicht zuletzt der Bundestrainer immer als Ziel und als Erfolgsgaranten ausgegeben hat? Wo sind die tollen Dreiecke, die Özil, Müller, Klose auf den Rasen zeichneten, so oft in der EM-Qualifikation und besonders sichtbar beim 3:0 gegen die Niederlande vergangenen November? Einstudiert, ausgeführt, vom Gegner nicht zu verhindern. So war das.

Ergebnisse nicht der einzige Indikator für Leistung

Es sind Siege ohne Leichtigkeit, die der deutschen Nationalmannschaft in der Gruppenphase dieser EM gelangen, und solche Siege kannte man gar nicht mehr so richtig. Allerdings hatte der spielerische Fortschritt der Nationalelf nicht nur die Fans beflügelt. Auch die Spieler, davon muss man ausgehen, haben sich an ihren eigenen Leistungen berauscht, an dem schönen Spiel, das ihnen da plötzlich gelang, zweimal in Südafrika und viele Male auch danach. Mit Spanien, dem amtierenden Welt- und Europameister, sah man sich auf Augenhöhe, das hat nicht nur Philipp Lahm gesagt.

Es ist die Aufgabe des Bundestrainers und seines Stabes, dass den Spielern die Realität nicht als unschön erscheint, vor allem solchen wie Mesut Özil, Thomas Müller, Bastian Schweinsteiger und Miroslav Klose, die – jeweils aus ganz unterschiedlichen Gründen – noch nicht so stark auftreten wie in den letzten zwei Jahren. Drei Siege in der Vorrunde, die kann auch Spanien nicht mehr hinbekommen. Die deutsche Nationalelf muss sich einstweilen mit ihrem optimalen Punktestand motivieren.

Doch Ergebnisse sind im Fußball nicht der einzige Indikator für Leistung, das wissen die Spieler selbst am besten. Die Lücke zu Spanien, die sich auftat bei der EM 2008 und bei der WM 2010 – falls sie je geschlossen war, klafft sie im Moment wieder. Wenn Kroatien gewinnt, könnte sie sich schließen. Spielt Spanien stark wie zuletzt, könnte sie sich noch ein Stückchen weiter öffnen.

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