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EM-Favoritencheck: Deutschland: Schland! Oh, Schland?

Gewinnt die deutsche Nationalelf den ersten Titel seit 16 Jahren? Wir wagen eine Prognose.

Von Tim Schulze

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft genießt "högschte" Anerkennung in der internationalen Fußballwelt. So würde es wohl Bundestrainer Joachim Löw mit seinem badischen Akzent ausdrücken. Für Uefa-Präsident Michel Platini gehört Löws Mannschaft zu den Topfavoriten: "Ich halte Deutschland derzeit für das beste Team Europas. Sehr jung, sehr kreativ. Kein Punktverlust in der Qualifikation." Und Fußball-Philosoph César Louis Menotti, der einst Argentinien zum WM-Titel führte, adelte die Deutschen mit den Worten: "Sie haben einen Qualitätssprung gemacht in ihrem Spiel. Sie sind nicht nur ein Kandidat auf den Titel, sondern auch ein Aushängeschild für den Fußball als Unterhaltung."

Man traut der jungen DFB-Elf also einiges zu. Die Zeiten sind vorbei, als die meisten Gegner die Deutschen nur wegen des berüchtigten Kampf- und Rumpelfußballs fürchteten. Heute werden die Jungs wegen ihres kreativen Potenzials anerkannt und gelten als Vertreter des schönen, offensiven Spiels, das auch noch erfolgreich ist. Diese Entwicklung ist in erster Linie das Verdienst von Joachim Löw, der dem deutschen Fußball viele alte Flausen (Grätschen, lange Bälle, Steinzeittaktik) ausgetrieben hat. Löw führte den von Jürgen Klinsmann begonnenen sportlichen Umbruch konsequent fort. Der Bundestrainer genießt dafür unter den deutschen Fußballfans hohe Anerkennung, obwohl er noch keinen Titel gewonnen hat. 83 Prozent der Bürger erklärten in einer Umfrage für den stern, Löw solle selbst dann Trainer bleiben, wenn das deutsche Team bei der bevorstehenden EM schon im Viertelfinale oder vorher scheitert.

Löw hat die Spieler, die er braucht

Rückblick: Bei der EM vor vier Jahren führten noch Michael Ballack und sein Adjudant Torsten Frings auf und außerhalb des Rasens das Kommando. Trotzdem erreichten sie das Finale. Das beste Spiel bot die Nationalelf damals im Viertelfinale gegen Portugal. Löw musste zwar wegen einer Sperre aus dem dramatischen Vorrundenspiel gegen Österreich auf der Tribüne Platz nehmen, doch zuvor hatte er eine kleine taktische Revolution eingeleitet und das Spielsystem umgestellt: Statt mit zwei Stürmern, ließ er seine Mannschaft nur mit einem Angreifer und zwei Sechsern agieren. Die deutsche Nationalmannschaft agiert seither im 4-2-3-1. Die Deutschen erreichten das Finale, waren aber gegen die Spanier chancenlos, die technisch und taktisch weit überlegen waren.

Der nächste Schritt in der Entwicklung folgte bei der WM 2010. Damals erfand die deutsche Mannschaft den Fußball, der sie in der Gegenwart auszeichnet, weil Löw jetzt endlich die Spieler zur Verfügung standen, um seine Anforderungen umzusetzen. Mesut Özil, Thomas Müller, Sami Khedira, Holger Badstuber, Jerome Boateng und Manuel Neuer – das waren vor zwei Jahren die neuen, jungen Wilden, die auf die mittlere Generation um Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger, Miroslav Klose oder Per Mertesacker trafen. Trotzdem war im Halbfinale Schluss – wieder gegen die Spanier. Gegen den späteren Weltmeister reichte es immer noch nicht.

Das Team ist gereift

Jetzt sehen nicht nur Experten wie Michel Platini die Deutschen auf Augenhöhe mit Spanien und als Anwärter auf den Titel. Zehn Siege in zehn Spielen in der EM-Qualifikation sind Ausdruck dieser Entwicklung. Der Titel ist der Löw-Truppe zuzutrauen, weil die Stammelf seit 2010 fast die gleiche geblieben ist. Sie konnte reifen und ist als stärker einzuschätzen als vor zwei Jahren. Die jungen Wilden sind keine aufstrebenden Talente mehr, sondern internationale Spitzenspieler. Toni Kroos hat sich dazu gesellt. Außerdem drängen andere nach: Mats Hummels oder Lars Bender in Abwehr und defensivem Mittelfeld, Mario Götze, André Schürrle oder Marco Reus in der Offensive - die deutsche Elf ist reif für den Titel.


Die Stars:

Schweinsteiger, Lahm, Özil, Klose, Podolski.


Die Stärken:

Vor allem die Offensive, die das Prunkstück der deutschen Mannschaft ist. Pressing, schnelle Balleroberung und Umschalten – das sind Grundlagen der offensiven Ausrichtung in Löws 4-2-3-1-System. Garniert wird das Ganze durch das starke Kombinationsspiel, zu dem die Mannschaft in der Lage ist. Im Tor steht mit Manuel Neuer einer der besten Keeper der Welt zur Verfügung und auf der Ersatzbank sitzen fähige Talente.


Die Schwächen:

Khedira mahnte nach der Pleite im Testspiel gegen die Schweiz an, die Defensive nicht zu vernachlässigen. Wenn die deutsche Mannschaft eine Schwachstelle hat, dann hier. Der moderne Fußball, wie ihn Löw spielen lässt, verlangt von allen elf Spielern auch defensive Arbeit. Das wird vor allem gegen die offensiv starken Vorrundengegner Holland und Portugal überlebenswichtig sein.


Besonderheit:

Die deutsche Elf ist wie vor zwei Jahren in Südafrika das jüngste Team des Turniers. Das Durchschnittsalter beträgt gerade Mal 23,5 Jahre.


Gruppengegner:

Portugal, Holland, Dänemark.


Wahrscheinliche Stammelf:

Neuer – Lahm, Badstuber, Mertesacker, Boateng – Schweinsteiger, Khedira – Podolski, Özil, Müller – Klose.


Prognose:

Rekordnationalspieler Lothar Matthäus vertritt eine andere Meinung als Platini oder Menotti. "Deutschland ist für mich nicht Topfavorit", orakelte er. "Eine EM ist so ausgeglichen, da ist Spanien, auch Holland, die Engländer, Italien oder Frankreich. Und auch Polen könnte eine besondere Rolle spielen." Auch diese Einschätzung ist nicht von der Hand zu weisen. Für die deutsche Mannschaft spricht, dass sie viel Selbstvertrauen hat und sich alles zutraut. Der Titel ist - anders als 2008 oder 2010 – definitiv möglich.

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