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Fußball-EM 2012: Podolski - auf dem Weg zum Problemfall

Die Nationalmannschaft war für Lukas Podolski immer eine Wohlfühloase. Damit ist vorerst Schluss. Der Außenstürmer ist der Verlierer der ersten beiden EM-Spiele. Das liegt auch an Mario Gomez.

Von Klaus Bellstedt, Danzig

So richtig rund läuft diese EM für Arsene Wenger noch nicht. Dem Trainer von Arsenal London, der für das französische Fernsehen als Experte vor Ort ist, wurde in Warschau von der Uefa zunächst die Ausgabe seiner Akkreditierung verweigert. Er hatte seinen Reisepass nicht dabei. Das Problem konnte behoben werden. Beim Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Holland war Wenger im Stadion. Und er steckte nach dem Spiel, wie Zigtausend andere Besucher dieser Partie für Stunden am Flughafen von Charkow fest. Der Coach wirkte genervt, ließ sich nicht ansprechen und wurde schließlich von Sicherheitskräften vorbei an der wartenden Masse zu seinem Gate geschleust. Es ist nur eine Vermutung, aber vielleicht hatte ihm zusätzlich auch die Darbietung von Lukas Podolski die Laune vermiest. Ab der kommenden Saison spielt der Ex-Kölner ja in den Farben von Arsenal London Fußball. Weil Wenger ihn unbedingt haben wollte. Die Gunners blätterten zwischen zwölf und 13 Millionen Euro für den Außenstürmer hin. Vielleicht ein bisschen zu viel, mag sich der Gentleman-Coach gedacht haben.

Wie schon beim Auftakt gegen Portugal gehörte Podolski auch beim 2:1-Sieg über Holland zu den schwächsten deutschen Spielern. Er selbst sah das, Überraschung, nicht so. Angesprochen auf den Besuch seines zukünftigen Trainers beim zweiten Gruppespiel der deutschen Mannschaft in Charkow sagte der Außenstürmer: "Ich denke nicht, dass ich Arsene Wenger irgendetwas beweisen muss. Er hat mich einige Male spielen sehen und weiß, was ich kann." Und dann wurde er noch richtig forsch: "Tatsächlich bin ich sehr erfreut darüber, dass mich die Arsenal-Fans bei einem Turnier wie diesem spielen sehen können und sie sich vorstellen können, was ich auf höchstem Niveau zu leisten im Stande bin. Bald werde ich das auch in London zeigen", so versprach er. Podolskis EM-Zeugnis als Appetizer für die Anhänger von Arsenal? Nun ja, Wunsch und Wirklichkeit liegen nach zwei Spielen bei diesem Turnier noch weit auseinander.

Wo ist das explosive Offensivspiel hin?

Schon sein Auftritt gegen Portugal war eine Enttäuschung. Einsatz und Laufbereitschaft stimmten zwar, aber im Spiel nach vorn gelang es Podolski nie, Akzente zu setzen, geschweige denn auch einmal selber zum Abschluss zu kommen. Das ist ja eigentlich seine große Stärke. Ein einziges Mal in 90 Minuten deutete der 27-Jährige in Lwiw seine Gefährlichkeit an. Nach glänzender Vorarbeit von Mesut Özil drosch er den Ball mit seinem starken linken Fuß aber in den ukrainischen Nachthimmel. Sein zweiter EM-Auftritt war noch ein Stückchen bedenklicher. Das Kölner Idol leistete sich beim 2:1 über Holland zahlreiche Fehlpässe, dribbelte sich oft fest und kam nicht ein Mal zum Abschluss. Sogar bei der Ballannahme offenbarte er Schwächen. Einzig sein Einsatz in der Defensive war lobenswert. 41 Ballkontakte hatte Podolski gegen Holland, 46 beim Auftaktspiel, insgesamt ist das der viertschlechteste Wert im deutschen Team.

Was ist bloß los mit diesem wunderbaren Fußballer, der ja über die Jahre zu einer Art Symbolfigur dieser unbekümmerten jungen und talentierten Mannschaft geworden ist? Mit 43 Treffern in bislang 99 Länderspielen weist Podolski zwar eine sensationelle Quote auf, der beste Nachwuchsspieler der WM 2006 in Deutschland hat im Nationaltrikot aber seit neun Spielen nicht mehr getroffen. Letztmals trug sich Podolski beim 6:2 in der EM-Qualifikation gegen Österreich im vergangenen September in die Torschützenliste ein. "Podolski ist mit zu vielen anderen Dingen beschäftigt. Er ist mit Köln abgestiegen und muss jetzt seinen Umzug nach London organisieren. Er ist vom Kopf her nicht frei", kritisierte Ehrenspielführer Lothar Matthäus den Ex-Kölner nach dem Auftaktsieg gegen Portugal. Das mag schon stimmen, aber es gibt auch greifbarere Gründe.

Mit Klose konnte Poldi noch kombinieren

Unter Jürgen Klinsmann durfte Podolski stets als zweiter Stürmer ran – und traf regelmäßig. Das ist lange vorbei. Im System von Joachim Löw ist er auf der linken Seite festgetackert, soll dort permanent Gegenspieler binden, um so Platz im Mittelfeld zu schaffen. Bastian Schweinsteiger nahm seinen Kumpel am Tag nach dem wichtigen Sieg in Schutz: "Er hat sehr viel und sehr gut nach hinten gearbeitet. Das geht ein bisschen unter. Die Arbeit, die die offensiven Spieler nach hinten machen, ist sehr wichtig." Podolski war aber noch nie ein Arbeiter. Er ist ein Künstler. Einer, der im Moment auch wegen taktischer Zwänge nicht mehr zündet.

Und es scheint noch ein weiteres internes Problem für Podolski zu geben: Mario Gomez. Der Dreifachtorschütze, der sich nach seinem starken Auftritt gegen Holland in der ersten Mannschaft festgespielt hat, ist ein anderer Stürmertyp als Poldis alter Spezi Miro Klose. Der öffnet durch seine Beweglichkeit und Laufbereitschaft in der deutschen Offensive erst die Räume für nachrückende Spieler wie Podolski. Gomez spielt anders, er hält seine Position im Sturmzentrum länger und setzt seine Mitspieler weniger in Szene. Mit Klose ist Deutschland nicht erfolgreicher, aber sicher kreativer. Podolski kam das immer entgegen. So leidet der Außenspieler im Moment auch ein bisschen unter der Spielweise Gomez'.

Gegen Dänemark winkt Poldi der 100. Länderspieleinsatz

Am Sonntag im letzten EM-Gruppenspiel steht für Lukas Podolski möglicherweise eine große Partie an. Gegen Dänemark könnte der Noch-Kölner zum 100. Mal das Nationaltrikot tragen. Er wäre damit erst der zehnte Akteur in der deutschen Fußball-Geschichte, der eine dreistellige Anzahl an Länderspielen vorweisen kann. "Mich freut es, dass Lukas sein 100. Spiel macht", sagte Bastian Schweinsteiger. Die Aussage war vielleicht ein bisschen voreilig. Denn ob es wirklich so kommen wird, bleibt nach den ersten beiden Auftritten Podolskis abzuwarten. André Schürrle, der in 14 Länderspielen zumeist als Joker schon sieben Treffer erzielte, macht seit der Vorbereitung enorm Druck auf Löws Sorgenkind und steht für einen Einsatz bereit. Der Bundestrainer hält sich beim Thema Aufstellung wie immer bedeckt. Aber er sagt auch: "Ich bin unberechenbar und entscheide auch mal aus dem Bauch heraus und nach Gefühl." An Löws Gefühl hängt jetzt Podolskis Schicksal.

Was glauben Sie, sollte Podolski auch gegen Dänemark von Beginn an spielen? Oder würden Sie Schürrle oder Reus eine Chance geben? Diskutieren Sie mit. Auf Facebook in der Fankurve von stern.de.

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