HOME

Stern Logo EM 2012

Siegtorschütze beim Spiel Dänemark - Deutschland: Lars Bender, Löws neues Luxusproblem

Gegen Dänemark sollte er Jerome Boateng ersetzen. Aber Lars Bender tat viel mehr: Der Ersatzmann avancierte zum Matchwinner im DFB-Team.

Von Klaus Bellstedt, Lwiw


Als die deutsche Nationalmannschaft bei dieser EM noch keine Sekunde gespielt hatte, äußerte sich Joachim Löw zum zweiten Mal öffentlich über Lars Bender. Das erste Mal war Pfingstmontag. Da gab der Bundestrainer seinen endgültigen Kader für das Turnier bekannt. Bender saß damals vor dem Fernseher und erfuhr so von seiner Nominierung. Er erfuhr auch, dass sein Zwillingbruder Sven nicht dabei sein würde und dass er, Lars, von Löw wegen seiner Vielseitigkeit durchaus auch ein Kandidat für die rechte Abwehrseite sei. Nun muss man wissen, dass der 23-Jährige bei Bayer Leverkusen im zentralen Mittelfeld seine Arbeit verrichtet und dort zuletzt unter anderem einen gewissen Michael Ballack überflüssig gemacht hat. Rechts hinten aber hatte er niemals zuvor gespielt. Bender wunderte sich ein bisschen. Aber vor allem freute er sich, die Reise zur EM nach Polen und in die Ukraine mitmachen zu dürfen.

Als nun vor etwas mehr als einer Woche das erste Match der Nationalmannschaft gegen Portugal anstand, und die Besetzung der gefühlt einzigen neuralgischen Position im Team rechts in der Viererkette scheinbar noch offen war, sang Löw ein für seine Verhältnisse bemerkenswertes Loblied auf Bender: "Er hat im Training gezeigt, dass er die Position extrem gut begleiten kann. Er gefällt mir dort sehr gut", sagte der Trainer damals kurz vor dem Start der EM und fügte hinzu: "Lars hat auf dieser Position unglaublich gutes Potenzial. Ich habe ihn dort drei oder vier Mal im Training getestet. Er gibt mir ein gutes Gefühl, dass ich ihn jederzeit bringen kann."

Der Bundestrainer nannte den gebürtigen Oberbayern zudem "absolut hochbelastbar, stark im Zweikampfverhalten und der Balleroberung." Der Rest ist bekannt. Jerome Boateng spielte, er spielte gut und nur weil der Bayern-Profi gegen Dänemark gesperrt war, bekam Bender seine Chance. Was soll man sagen? Er hat sie genutzt – sogar eindrucksvoll. Löws Lobeshymnen vor dem Turnier waren also vollauf gerechtfertigt.

So fit wie kaum ein anderer

"Als ich ihm sagte, er würde spielen, hat er geantwortet: 'Ich freue mich darauf.' Das sagt alles über Lars Bender. Er ist ein echter Siegertyp", sagte Löw nach dem Sieg über Dänemark, den sein von ihm zum Außenverteidiger umgepolter Startelfdebütant in der 80. Minute ja erst möglich gemacht hatte. Bender selbst beschrieb die Szene, die zum 2:1 führte so: "Ich habe den Raum gesehen und gehofft, dass es bis oben hin reicht. Vor allem auch deshalb, weil wenn ich dem Torwart den Ball in die Arme geschossen hätte, ich die 80 Meter hätte zurücklaufen müsste." Bender traf stattdessen nach einem atemberaubenden Sprint über das halbe Feld ins Tor. "Dass es mit dem Siegtor geklappt hat, ist natürlich eine Riesengeschichte. Man braucht Zeit, um das zu realisieren", sagte der Matchwinner der Nationalmannschaft am Tag danach auf der Pressekonferenz im DFB-Medienzelt in Danzig. Und er wirkte dabei so cool und abgeklärt, als habe er nicht mehr als die paar Stunden Schlaf nach der Rückkehr aus Lwiw dafür gebraucht.

Lars Bender, der wie sein Bruder Sven in Unterhaching und bei 1860 München fußballerisch ausgebildet wurde, ist nicht der Typ, der nach dieser starken Leistung abheben wird. Dafür ist er zu intelligent und bescheiden. Und er ist selbstkritisch. Ein Mix aus Eigenschaften, den Löw besonders schätzt. Vor dem 1:1 der Dänen wurde Bender von Nicklas Bendtner übersprungen. "Darüber habe ich mich wahnsinnig geärgert. Aber der ist halt einen Kopf größer als ich", sagte der Boateng-Vertreter, der an diesem Abend in Lwiw viel mehr war als nur ein Lückenbüßer.

Er biss sich in die Partie, war ein Vorbild an kämpferischem Einsatz und Laufbereitschaft. Anders als Bastian Schweinsteiger ("Ich bin sehr müde") oder auch Mesut Özil, hatte der Leverkusener keine Probleme mit der Hitze in der Ukraine. Im Gegenteil: Bender wirkte so fit wie kaum ein Zweiter in der deutschen Mannschaft. Sein 80-Meter-Sprint in der 80. Minute diente dafür als Beleg. "Lars ist eben ein echter Kämpfertyp, der steigert sich dann halt in so etwas rein und macht es am Ende sehr gut," hob auch Torjäger Mario Gomez die starke Leistung seines Mannschaftskollegen hervor.

Bender wie Gomez

Bender, dessen Handy nach eigener Auskunft wegen der vielen Glückwünsche aus der Heimat fast "explodiert" sei, ist ein bisschen vergleichbar mit Gomez. Die beiden sind ruhig, klug und angenehm unaufgeregt. Und sie verfügen über die gleiche Art von trockenem Humor. Auf die Frage eines Journalisten, was er denn mehr habe, als sein Startelfkonkurrent Jerome Boateng, antwortete Bender: "Ich glaube ein Tor."

Am Freitag im Viertelfinale gegen Griechenland ist Boateng jetzt wieder einsatzbereit. Und auf Joachim Löw kommt ein schönes Luxusproblem zu. "Ich bin froh, dass ich der Mannschaft gegen Dänemark helfen konnte. Alles andere ist nicht meine Angelegenheit. Aber der Bundestrainer kann auf mich setzen", sagte Bender am Tag nach seinem bis jetzt größten Tag als deutscher Nationalspieler.

Was halten Sie von Lars Bender? Soll er auch im Viertelfinale gegen Griechenland von Beginn an spielen? Diskutieren Sie mit. Auf Facebook in der Fankurve von stern.de.

Wissenscommunity