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Vor der EM: Das sind die Schwachstellen der Nationalelf

Die deutsche Mannschaft geht als einer der großen Favoriten ins EM-Turnier - zu Recht. Doch Tatsache ist auch: Die Bilanz seit dem Gewinn des WM-Titels ist eher dürftig. Löws Team hat immer wieder Schwachstellen offenbart.

Bastian Schweinsteiger im Testspiel gegen Ungarn in Gelsenkirchen

Noch etwas ungelenk: Der Kapitän der Nationalelf, Bastian Schweinsteiger, im Spiel gegen Ungarn

Am Dienstagnachmittag ist die Nationalelf in ihrem schicken EM-Quartier am Südufer des Genfer Sees eingetroffen. Sie logiert im palastartigen Hotel Ermitage, das Trainingsgelände ist nur einen Kilometer entfernt. Im Hotel können sich die Spieler im Pool, in der Piano-Bar oder im hoteleigenen Casino entspannen, das im rustikalen Western-Stil gehalten ist. Oder Sie spielen eine Runde Golf auf dem nahe gelegenen Evian-Golfplatz.

Doch wahrscheinlich bleibt in den Tagen vor dem ersten Spiel gegen die Ukraine am Sonntagabend in Lille kaum Zeit, um Zerstreuung zu suchen. Denn auf die Nationalspieler wartet harte Arbeit. Löw will der Mannschaft in den kommenden Tagen den Feinschliff verabreichen - da ist einiges zu tun. Seit dem Gewinn des WM-Titels hat die Nationalelf eine eher dürftige Bilanz vorzuweisen. Es gab zehn Siege, zwei Unentschieden und sieben Niederlagen. Neben souveränen Auftritten zeigte der Weltmeister immer wieder Schwächen, die sich kontinuierlich durch die EM-Qualifikation zogen. Und die muss Löw abstellen, wenn er den Titel gewinnen will.

Das Defensivverhalten

Das allgemeine Defensivverhalten der DFB-Elf war oft schwach. Wie zuletzt gegen drittklassige Ungarn, als zwischen den einzelnen Mannschaftsteilen große Lücken klafften und den spielschwachen Gegner zum Angriff einluden. Jerome Boateng sprach anschließend im Interview davon, dass verteidigen die gesamte Mannschaft betreffe. Das bedeutet auch: Das Team muss sich als Team nach Ballverlust richtig verhalten. Vor allem bei Umschaltaktionen von Offensive auf Defenisve, wenn die Mannschaft weit aufgerückt ist, ist Löws Team anfällig. Das zu beheben, ist die wichtigste Baustelle für den Bundestrainer.

Zudem fehlte häufig die Konzentration im Zweikampfverhalten. Sowohl im defensiven Mittelfeld als auch in der Abwehr. Das dürfte im Ernstfall eines Turniers nicht mehr so oft vorkommen. Die Spannung und die Konzentration sind in Frankreich sicherlich höher als in einem Testspiel gegen England.

Die rechte Außenverteidiger-Position

Diese Position ist seit dem Rücktritt von Philipp Lahm vakant. Vor zwei Jahren in Brasilien nahm anfangs Jérôme Boateng die Position ein, bevor Lahm aus dem Mittelfeld zurückrotierte und Boateng auf die Innenverteidigerposition rückte. Nach der WM spielten hier Kevin Großkreutz, Antonio Rüdiger, Sebastian Rudy, Matthias Ginter und Emre Can, wenn Löw eine Viererkette einsetzte. Keiner hat sich als dauerhafte Lösung aufgedrängt. Bei der EM wird Löw wohl zunächst auf Benedikt Höwedes setzen. Das ist die Sicherheitsvariante. Doch offensiv kann Höwedes kaum Impulse setzen. Vielleicht schafft es Löw, den hochbegabten Joshua Kimmich einzubauen. Vom dem technisch stärkeren Bayern-Jungstar wären sicherlich mehr Flankenläufe zu erwarten.

Mangelnde Durchschlagskraft im Angriff

Seit der Diskussion um die "falsche Neun" ist die mangelnde Durchschlagskraft im Angriff ein Thema. Oft tritt die Nationalelf spielerisch überlegen auf, ohne sich klare Torchancen zu erarbeiten. Das war zuletzt gegen die schwachen Ungarn der Fall. Spielende Angreifer wie Mario Götze oder Thomas Müller sind auf schnelle Kombinationen und präzise Pässe angewiesen, was gegen tiefstehende Gegner immer ein Problem darstellt. Ihre Schwäche ist die fehlende Kopfballstärke, um eine Abwehr per Flanke zu knacken. Mit Mario Gomez feiert ein klassischer Mittelstürmer sein Comeback. Es wird eine der spannendsten Fragen sein, wen Löw im Angriffszentrum ranlässt.

Linke offensive Außenbahn

Die Position war bislang eigentlich keine Schwachstelle. Doch nach dem Ausfall von Marco Reus ist noch nicht klar, wer ihn ersetzen wird. Mesut Özil soll zentral spielen. Erster Anwärter als Reus-Ersatz ist Julian Draxler, den Löw hier schon mehrmals einsetzte. Auch André Schürrle wäre ein Kandidat. Oder der Bundestrainer lässt Götze, wie früher schon, links außen spielen. Die Position ist zumindest eine Baustelle. Ausgang offen.

Bastian Schweinsteiger

Die Fitness des Kapitäns beschäftig alle: Bundestrainer, Mitspieler, Fans. Franz Beckenbauer gab Schweinsteiger via "Bild"-Zeitung Motivationshilfe: "Schweini, Du schaffst das". Doch das ist keineswegs gewiss. Der 31-Jährige ist nach einer dreimonatigen Verletzungspause kaum in der Lage, eine Halbzeit durchzuhalten. Sein schwerfälliger Auftritt gegen Ungarn hat das deutlich gezeigt. Schweinstieger wird frühestens zu den K.o.-Spielen voll einsetzbar sein - und das ist ein Problem. Toni Kroos und Sami Khedira sind im defensiven Mittelfeld gesetzt, doch sollte sich einer verletzten, wird es eng. Emre Can oder unerfahrene Spieler wie Kimmich oder Julian Weigl sind kein gleichwertiger Ersatz. Der Einsatz von Özil auf der defensiven Sechs ist eine weitere Variante, die Löw schon einmal ausprobiert hat. Aus der Tiefe kann der Arsenal-Star mittlerweile auch das Spiel aufziehen. Doch ob Özil zweikampfstark genug ist im Duell mit Topleuten wie Busquets, Iniesta oder Pogba, dürfte mehr als fraglich sein.

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