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Gewaltexzess bei der EM: Wer hinter den rechten, russischen Schlägern steckt

Russland spielt bei der EM heute auf Bewährung. Der Grund: Die exzessive Gewalt in Marseille ging vor allem von russischen Hooligans aus. Doch warum waren sie so gut organisiert? Eine entscheidende Rolle soll der Vorsitzende des Fußballfan-Verbandes spielen.

Ein russicher Hool attackiert im Stadion von Marseille einen englischen Fan

Bestens organisiert und brutal: Ein russicher Hool attackiert im Stadion von Marseille einen englischen Fan

Am Dienstagnachmittag nahm die französische Polizei 43 russische Fans in der Nähe von Cannes fest, die in einem Reisebus unterwegs waren. Die Gruppe soll maßgeblich an den Gewaltexzessen in Marseille beteiligt gewesen sein. Die Russen weigerten sich zunächst, den Bus zu verlassen und ihre Ausweise vorzuzeigen. Daraufhin wurden sie nach Marseille gefahren. Ihnen droht jetzt die Ausweisung oder ein Verfahren.

Die Festnahme ist nur der jüngste Vorfall in einer traurigen Geschichte, die seit Samstag einen dunklen Schatten auf die Europameisterschaft wirft (ein paar kleinere Ausschreitungen am Abend gehen bereits unter "ferner liefen" durch). Am Freitag und am Samstag war es im Marseiller Hafenviertel zu brutalen Straßenschlachten vor allem zwischen russischen und englischen Schlägern gekommen. Ein englischer Fan wurde so schwer verletzt, dass er noch in Lebensgefahr schwebt. Später im Stadion stürmten russische Hooligans nach Schlusspfiff den Fanblock der Engländer und prügelten auf diese ein. Zunächst konnte die Polizei keinen Russen festnehmen - bis zum Dienstagnachmittag.


Der Gewaltexzess wirft Fragen auf

Der Gewaltexzess wirft viele Fragen auf. Wieso konnten zunächst keine russischen Fans festgenommen werden? Wie kann es sein, dass die französische Polizei bei den Randalen zunächst überfordert erschien? Warum waren die Russen offenbar so gut organisiert? Ermittlungen der französischen Behörden weisen mittlerweile darauf hin, dass die Gewalt hauptsächlich von etwa 150 Russen ausging. Der französische Generalstaatsanwalt Brice Robin sprach von Schlägern, die auf die "ultraschnelle, ultraharte Gewalt" sehr gut vorbereitet gewesen sein sollen. 


Ein Drahtzieher der Gewalt soll der Vorsitzende des Dachverbands russischer Fußballfans (VOB) sein, Alexander Schprygin. Nach übereinstimmenden Berichten von "Spiegel online" und "Bild.de" verfügt der Mann über gute Verbindungen in die russische Politik. Zudem ist Schprygin ein bekannter Rechtsextremist. In den 1990er-Jahren war er demnach ein führendes Mitglied der russischen Neonazi-Szene und Anführer der Dynamo-Moskau-Hooligans. Es gibt ein Foto aus dieser Zeit, die Schprygin mit dem Hitler-Gruß zeigt (oben im Tweet zu sehen). Noch im vergangenen Jahr, so berichtet es "Spiegel online", forderte er in einem Interview, dass in der russischen Nationalelf nur slawische Spieler spielen sollten.

Seit 2007 ist Schprygin Vorsitzender des von ihm gegründeten VOB, den er offensichtlich zu einem Sammelbecken für rechte Hooligans und Ultras machte. Er ist parlamentarischer Mitarbeiter des Politikers Igor Lebedew, Vize-Vorsitzender der Duma, und Sohn des Rechtsextremisten Waldimir Schirinowski. Es war Lebedew, der nach dem Krawallen in Marseille den russischen Schlägern via Twitter gratulierte: "Ich sehe nichts Schlimmes daran, wenn sich Fans prügeln. Ganz im Gegenteil: Unsere Jungs haben das gut gemacht!"

Russischer Verband streitet alles ab

Lebedew wiederum sitzt im Präsidium des russischen Fußballverbandes RFS. Laut "Bild.de" und "Spiegel online" sorgt Lebedew dafür, dass Schprygin immer noch im Verbandskomitee sitzt, das für Sicherheitsfragen und Fanbelange zuständig ist. Der russische Sportminister Witalij Mutko soll demnach schon versucht haben, den umstrittenen Schprygin loszuwerden, blieb aber erfolglos.

Besonders pikant ist, dass Schprygins VOB für den Verkauf von Auswärtstickets der Nationalmannschaft sowie die Organisation der Auswärtsfahrten zuständig ist. Der VOB-Chef soll auch Teil der russischen Delegation gewesen sein, die im März die Spielorte der russischen Nationalmannschaft besuchte. Die Hooligans sollen mit einer vom VOB organisierten Chartermaschine nach Frankreich geflogen sein. Der russische Fußballverband erklärte auf Anfrage der DPA hingegen, Schprygin habe weder mit dem Verband noch mit der offiziellen EM-Delegation zu tun.

Tim Schulze

Wissenscommunity