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EM 2016: Der Löw-Modus: Keine Panik, wir warten auf die großen Gegner

Nach dem 0:0 gegen Polen sieht Bundestrainer Jogi Löw keinen Anlass für Grundsatzdebatten. Tatsächlich scheint seine Elf vor allem nach einer echten Herausforderung zu dürsten, die ihr die Sinne schärft.

Von Mathias Schneider, Evian Les Bains

Joachim Löw Kaffee bei Pressekonferenz

Abwarten und Kaffee trinken: Joachim Löw im Keine-Panik-Modus

Joachim Löw hat vor einigen Wochen, diese Europameisterschaft lag noch einige Wochen in der Zukunft, gesagt, er habe mittlerweile gelernt, die Hysterie rund um sein Team bei einem Turnier auszublenden. Man muss ihm das glauben. Niemand kann ja charmanter demonstrieren als er, was es heißt, über den Dingen zu stehen. Löw hat die Fähigkeit, Scheindiskussionen als solche zu enttarnen, zu einer Kunst erhoben. Und wer ihn am Samstag in Evian Les Bains auf der Pressekonferenz erlebte, muss zu dem Schluss kommen, dass er in dieser Hinsicht im Zenit seiner Schaffenskraft steht. Es scheint ihn neuerdings fast zu amüsieren, sich den Untergangsszenarien aus der Heimat anzunehmen.

Es gibt ja allerlei zu diskutieren nach der Partie gegen Polen. Man muss fast von einem Polen-Gate sprechen, wenn man liest und hört, welche Rückschlüsse aus jenem tatsächlich kargen 0:0 im zweiten Spiel schon gezogen werden. "Heute morgen habe ich gesehen, dass es eine Führungsspieler-Diskussion gibt", erklärt Löw also mit gedehnten Worten, "das zaubert mir ein Lächeln ins Gesicht." Schließlich seien es doch diese Spieler gewesen, mit denen Deutschland Weltmeister geworden sei. "Sie erfüllen großartige Führungsqualitäten."

Weder Müller, Özil noch Götze sind bisher angekommen

Tatsächlich steht bislang als einzige taugliche Erkenntnis der Tage von Frankreich, dass in der Offensive gegen Polen merklich der Schuh drückte. Für grundsätzliche Urteile ist es freilich viel zu früh. Zwar sind weder Thomas Müller noch Mesut Özil oder Mario Götze bislang im Turnier angekommen, mit veritablen Formkrisen hat all das allerdings wenig zu tun. Eher die Statik des Offensivspiels wies diesmal ein paar bauliche Sünden auf. So tauchte Müller neuerdings immer wieder als Außenverteidiger auf, wo er seinen Hintermann Benedikt Höwedes selbstlos unterstützte. In vorderster Front fehlte er freilich damit als Anspielstation. Statt ihre Positionen zu halten, ließen sich auch Özil und Götze immer wieder fallen, um Fuß im Spiel zu fassen.

Eine weitere Anspielstation im defensiven Mittelfeld, die bei der Weltmeisterschaft Bastian Schweinsteiger hieß, könnte die Unwucht beheben. Der Passautomat Toni Kroos rückte dann weiter nach vorn, was wohl Özil wie Müller gleichermaßen begrüßten. Julian Draxlers Tage in der Startelf scheinen dagegen gezählt. Das alte Phlegma will ihn einfach nicht verlassen.

Er sehe die fehlenden Chancen auf jeden Fall "nicht als Grundproblem an", erklärte Löw, bevor er noch einmal seine Fehleranalyse wiederholte: Die Laufwege in die Tiefe hätten gefehlt, er wolle das im Videostudium und auf dem Trainingsplatz in den folgenden Tagen beheben. Vielleicht ist alles auch viel einfacher. Vielleicht fehlt dieser Elf schlicht die Intensität, wie sie nur noch wirklich große Gegner bei ihr freizusetzen vermag. Gegen die Ukraine und Polen wirkte diese Löw-Mannschaft wie ein Team auf Montage irgendwo auf einer Bohrinsel draußen in der Nordsee: bemüht aber freudlos - irgendeiner muss den Job halt machen. Wie Löw betrauert nicht umsonst auch Thomas Müller die Aufblähung des Turniers von 16 auf 24 Mannschaften. All die Wadenbeißer in der Vorrunde - kein Zuckerschlecken. Schon am Dienstag gegen Nordirland geht die Plackerei weiter. Auch dann ist nicht mit einem offenen Schlagabtausch zu rechnen.

EM 2016 auch nicht unholpriger als WM 2014 

Es mag chronische Pessimisten beruhigen, dass die Nationalmannschaft auch auf dem Weg zum Weltmeistertitel das Auge nicht oft mit atemberaubenden Torabschlüssen umschmeichelte. Gegen die USA, Algerien und Frankreich rumpelte man sich wie früher zum Sieg. Auch damals verfügte die Elf über keine Tempodribbler Robbenscher Prägung und legten gegen Brasilien dennoch Zeugnis ab, welche Kraft ein kollektives Kombinationsspiel entfachen kann. Überleben, darum geht es vor allem in einem Turnier. Auch jetzt.

Den Samstag hat Löw übrigens seinen Spielern frei gegeben. Mal durchatmen. Aber natürlich war auch da die Frage nicht fern, ob die Maßnahme nicht als Reaktion auf die beschwerlichen Tage zuvor zu verstehen sei.  "Das haben wir schon länger geplant", erklärte Löw nachsichtig. Er klang wie ein Lehrer, der im Zoo eine aufgelöste Schulklasse vor dem Löwengehege beruhigte. Er schien es fast zu genießen.

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