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EM 2016: Warum die ARD so auf Packing steht

Packing ist das Wort, das in jeder EM-2016-Übertragung der ARD fällt. Die Sportschau-Macher scheinen schwer begeistert von ihrem neuen Analyse-Spielzeug. Die Fans sind da weit kritischer.

EM 2016: Matthias Opdenhövel, Stefan Reinartz und Mehmet Scholl analysieren die Packing-Rate von Toni Kroos

Die Drei von der Packing-Stelle: Matthias Opdenhövel, Stefan Reinartz und Mehmet Scholl (v.l.n.r.) analysieren bei der EM 2016 in der ARD die Packing-Rate von Toni Kroos

Am Ende dürfte es wirklich jeder verstanden haben: Die Packing-Rate bezeichnet die Anzahl der Gegenspieler, die ein Spieler während einer Partie mit seinen Pässen überspielt. Denn von der Viertelstunde Spielanalyse der Partie Deutschland-Ukraine widmete die ARD dem Thema Packing mehr als die Hälfte der Zeit - inklusive Studiogast Stefan Reinartz. Der Ex-Fußballprofi stellte seine Geschäftsidee vor, erwähnte die Begeisterung mehrerer Bundesliga-Trainer und bekam so vor einem Millionenpublikum die Gelegenheit für reichlich Eigenwerbung.

"Wir hatten uns dazu entschieden, Stefan Reinartz im Nachlauf des deutschen Länderspieles gegen die Ukraine vorzustellen, damit der Zuschauer über die Entstehung-und Entwicklungsgeschichte informiert wird und somit auch ein anderes Verständnis für die Analyse erzeugt wird", sagte eine Pressesprecherin des WDR, der für die ARD-Sportschau zuständig ist, auf Anfrage des stern.

WM-Halbfinale statt aktuelle Spielanalyse

Um die Aussagekraft der Packing-Rate zu untermauern, analysierte Reinartz erst einmal das WM-Halbfinale 2014 gegen Brasilien statt des gerade abgepfiffenen EM-Spiels der DFB-Elf. Co-Moderator Mehmet Scholl war voll des Lobes für Packing. "Ich glaube, dass dieser Wert das Scouting und die Trainingsmethodik verändern wird, weil man auf ganz andere Spieler kommt", sagte Scholl. Erst dann ging es doch noch um das Ukraine-Spiel.

Das Ergebnis: Deutschland hatte 391 Ukrainer überspielt, umgekehrt waren es nur 162. Die beste Packing-Rate auf dem Platz hatte Toni Kroos, der mit seinen Pässen 112 ukrainische Spieler alt aussehen ließ.

"Mit den herkömmlichen Daten werden die reinen statistischen Werte, wie 'Laufleistung', 'gewonnenen oder verlorene Zweikämpfe' oder 'Passquote' ermittelt. Dadurch können allerdings Begrifflichkeiten wie 'Torchance kreieren', 'Gegner überspielen' oder 'Überzahl erzeugen' nicht dargestellt werden", so die WDR-Pressesprecherin . "Durch das zusätzliche Analysetool ist das möglich." Das eröffne einen zusätzlichen Blick auf die Bewertung eines Fußballspiels.

EM 2016: Warum das ZDF sich gegen Packing entschied

Seitdem kommt kein EM-Spiel, das von der ARD übertragen wird, mehr ohne den Hinweis auf Packing aus. Auch beim ZDF hat man über die Analyse-Software diskutiert - und sich dagegen entschieden. "Wir haben uns für die Touchscreen-Analysen mit Holger Stanislawski entschieden", sagte ein ZDF-Pressesprecher dem stern. "Wir wollten die Analyse auch nicht überladen."

Die Fußballfans vor dem Fernseher hat Packing anscheinend ebenso wenig überzeugt wie das ZDF. So twitterte Matthias Seidel etwa: "Dieses moderne Packing gibt es übrigens schon seit ewig in der Fußballtheorie: hoch und weit bringt Sicherheit."

Twitter-User "DenniS" hält Packing für einen Hype und schreibt: "Die Packing Geschichte nervt etwas." Es sei ja klar, dass Innenverteidiger und Mittelfeldspieler bessere Werte hätten als Stürmer. Am Ende zählten drei Punkte!

Sportjournalist Jens Weinreich stellt die Frage, was denn die ARD für die Dauerwerbesendung kassiert.

Wahrscheinlicher ist jedoch, dass die ARD für ihr neues Lieblings-Tool bezahlt. Vom WDR hieß es dazu: "Für die Fußball-Europameisterschaft arbeiten wir mit verschiedenen Dienstleistern in unterschiedlichen Bereichen zusammen. Bitte haben sie Verständnis dafür, dass wir zu Vertragsdetails keine Auskünfte erteilen."

Völlig ungerührt von dem Thema zeigte sich Nationalspieler Jérôme Boateng. Auf der Pressekonferenz vor dem Polen-Spiel auf Packing angesprochen, antwortete er knapp: "Ich weiß nicht, was das ist."

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