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EM-Pleite gegen Island: Warum England so schlecht war - und trotzdem eine große Zukunft hat

Die englische Nationalmannschaft hat sich mit der Niederlage im Achtelfinale der EM 2016 gegen Island nach Kräften blamiert. Wie konnte das passieren? Und warum ist mit dieser Truppe schon 2018 trotzdem zu rechnen?

England bei der EM 2016: Daniel Sturridge sitzt auf dem Rasen und lässt den Kopf hängen

Kopf unten: Nach der Niederlage gegen Island im Achtelfinale der EM 2016 sitzt Daniel Sturridge auf dem Rasen des Stade de Nice

Was ist das Beste, was einer haushoch favorisierten Mannschaft passieren kann? Richtig, ein frühes Tor, um ein bisschen Druck vom Kessel zu nehmen, um die Angst vor der Blamage besser in den Griff zu kriegen. Mit anderen Worten: Der englischen Fußballnationalmannschaft hätte im EM-Achtelfinale gegen den allseits beliebten Underdog aus Island nichts Besseres passieren können als Wayne Rooneys früher Führungstreffer per Elfmeter in der 4. Minute.

Nach dem bisherigen Turnierverlauf war ab diesem Zeitpunkt eigentlich zu erwarten, dass die Engländer das Spiel jetzt dominieren und das isländische Sommermärchen in Frankreich beenden würden. In seinen Vorrundenspielen hatte sich das Team von Roy Hodgson zwar auch schwer getan, seine spielerische Überlegenheit gegen Russland (1:1), Wales (2:1) und die Slowakei (0:0) in zählbaren Erfolg umzumünzen - trotzdem vermittelte die junge Truppe das Gefühl, dass da noch mehr geht. Noch viel mehr.

England: Makellose Quali, unglückseliges Turnier

Aber genau hier lag das große Problem der englischen EM-Mission 2016: Von der makellosen Qualifikation zum Turnier (10-0 Siege) oder dem unbeschwerten Auftreten beim 3:2-Erfolg gegen die deutsche Nationalmannschaft im Berliner Olympiastadion im März blieb in Frankreich nicht viel übrig. Ein großes Turnier ist nun mal ein anderer Schnack als ein Freundschaftsspiel - und für die Engländer bedeutete das Gütesiegel "jung und talentiert" bei dieser EM gleichzeitig auch: zahm und naiv. Also kassierten sie nur zwei Minuten nach Rooneys Führung den Ausgleich der Isländer: der Anfang vom Ende und ein Schock, von dem sich Kane & Co. nicht mehr erholen sollten.

Eine Mannschaft mit Talent, aber ohne Erfahrung, braucht den richtigen Trainer. Roy Hodgson war der falsche. Das Spiel gegen Island war eine Ausnahmesituation für seine Mannschaft, die von der Favoritenrolle gegen den wohl sensationellsten K.o.-Runden-Teilnehmer der EM-Geschichte hoffnungslos überfordert schien. Seiner eigenen Körpersprache nach zu urteilen, war Hodgson nicht in der Lage, den Druck von seiner jungen Truppe zu nehmen - im Gegenteil: Er haderte auf der Trainerbank, machte verzweifelte Miene zum schlechten Spiel und vergrub immer wieder fassungslos das Gesicht in seinen Händen. Die vorbereitete Rücktrittserklärung nach Spielschluss rundete das traurige Bild ab. Seine Mannschaft animierte er so nach einer uneffektiven, aber ansehnlichen Vorrunde zur mit Abstand schlechtesten Turnierleistung.

Auch Hodgsons personelle Entscheidungen der letzten zweieinhalb Wochen gaben große Rätsel auf: So kam der bissige Jamie Vardy nur gegen die Slowakei von Beginn an zum Einsatz, während der unerklärlicherweise komplett indisponierte Harry Kane immer wieder den Vorzug erhielt. Hodgson schien trotz seines glücklichen Händchens gegen Wales, als er die Torschützen Vardy und Sterling brachte, noch zaghafter zu Werke zu gehen als seine Mannschaft - spätestens als er beim Stand von 1:2 gegen Island bis zur 87. Minute wartete, ehe er das Super-Sturmtalent Marcus Rashford endlich - aber viel zu spät - einwechselte. Wenn dann auch noch erfahrene Kräfte wie die völlig orientierungslos wirkenden Hart und Rooney ihrer Form hinterhinken, endet die Europameisterschaft auch schon mal vorzeitig gegen Island.

EM 2016: Das Aus der Engländer ist erklärbar

Das Aus der Engländer und die besonders schlechte Leistung gegen Island ist also erklärbar. Und trotzdem: Diese englische Nationalmannschaft hat eine große Zukunft vor sich. Die Tottenham-Talente Alli, Dier oder Kane sind kaum über 20 Jahre alt, Sterling und Rashford sind ebenso große Offensiv-Juwelen. Lange vereinte eine englische Mannschaft nicht mehr so viel Talent in seinen Reihen. Das sollte Team und Fans bei aller Niedergeschlagenheit schon jetzt ein bisschen Zuversicht für Russland 2018 und die folgenden Turniere geben.

Es klingt in Zeiten der Krise komisch, aber in ein paar Jahren könnte der englische Fußball auf den schwarzen Abend von Nizza zurückblicken und sagen: Nach dieser historischen Pleite gegen Island wurde alles besser - mit dem neuen Trainer, der den Talenten den Druck nahm; mit den Talenten, die ihre Versprechen einlösten; und mit den Lehren, die alle Engländer aus dieser für sie so unglückseligen EM 2016 gezogen haben.

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