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England vs. Schottland Alle Schotten dicht – und Deutschland auf die Knie

Schottische Fans
Schottische Fans vor dem Spiel gegen England in London
© Kieran Cleeves / DPA
Nicola Sturgeon hoffte aufs Wetter, Rod Stewart sang und auf Londons Straßen wurde geschunkelt, als wäre Corona längst wieder das, was hier in Hektolitern floss, Bier nämlich. Beim ältesten Fußballduell der Welt gab es fast alles, nur keine Tore. Richtig ernst wurde es nach Abpfiff.

Die ersten sportrelevanten News an jenem Tag, da "The Battle of Britain", das EM-Spiel zwischen England und Schottland, ansteht, kommen nicht etwa aus London oder Glasgow, sondern aus Tokio. In schöner Tradition sollen hier zu den Olympischen Spielen, so sie denn stattfinden, Kondome verteilt werden, insgesamt um die 150.000 Packungen. Klingt erstmal aufmunternd, ist aber nicht so gemeint. Benutzen möge man die Dinger um Himmels willen nicht, vielmehr, so das Orga-Kommittee, sollen sie wieder mit nach Hause genommen werden, "um das Bewusstsein für HIV und AIDS zu schärfen".

Auf London am Nachmittag des 18. Juni bezogen, könnte man es fast adaptieren: Bier bekommt ihr. Aber getrunken wird nix. Nehmt die Blechvasen mal schön mit nach Hause. Vielleicht etwas krumm, der Vergleich, aber Sie wissen ungefähr, was gemeint ist. Kümmern wir uns statt um Mitbringsel-Mauscheleien vielleicht lieber um den Tag der Tage, zumindest, was die Kombi 'Gruppenphase & Großbritannien' angeht. Dabei ist der 18. Juni für das schottische Team ein besonders bedeutsames Datum, ein Fun Fact, der sich durch sämtliche Vorberichte zog, denn: Zwei EM-Siege konnte die Tartan-Army in ihrer Historie bislang verbuchen, 1992 gegen die GUS, 1996 gegen die Schweiz, beide am 18. Juni. Es lag also etwas in der Luft, auch wettertechnisch. Und da vernahm Schottlands First Minister, Nicola Sturgeon, die meteorologischen Aussichten und (t)witterte sogleich Petrus' Beistand: "Even the weather in London is Scottish today". Zwinkersmiley, dazu jener wunderbare Terminus, der selbst den miesesten Regenschauer samt nasser Socken irgendwie knuffig klingen lässt: Drizzle. 

Rod Stewart muss noch warten

Ungeachtet jenes Drizzles füllten sich die Straßen rund um den Leicester Square mit derart trinkfesten Scharen, als hätten Schottland und England, "the auld enemy", bereits zusammen den Cup gewonnen. Steckt halt viel Rivalität drin, eine Extraprise Brexit-Pfeffer und natürlich Jahrhunderte währende Geschichte: 1872 trafen die beiden zur ersten von bislang 115 Partien aufeinander, damit handelt es sich um das älteste Fußball-Match der Welt. Einen erklecklichen Anteil dieser vielen Dekaden hat Rod Stewart live miterlebt, auch wenn man das ihm und seinem Wuschelkopf nicht ansieht.

In einer Schalte wurde Rod, "The Mod", in London geboren, im Herzen ein Schotte, überaus emotional, schmetterte ein Liedchen und machte aus seinem Herzen keine Mördergrube. Was ihm ein Sieg der Schotten bedeuten würde, lautete die Frage. "Ich würde als glücklicher Mann sterben", seine Antwort. Beides muss noch etwas warten. Für einen Sieg reichte es am Ende, selbst an einem so magischen Tag wie dem 18. Juni, dann doch nicht. Und Rod Stewart erfreut sich nach wie vor bester Gesundheit. 

Im EM-Studio ging derweil Christoph Kramer steil, denn vor den UK-Kick hatte das ZDF noch die tägliche Jogi-Ration gestellt. Ein guter Anlass für Kramer, am Vortag des vorentscheidenden Spiels gegen Portugal, schon einmal mit dem Hochjazzen anzufangen. Was noch einigermaßen untertrieben ist, denn in seiner unterhaltsamen Spontan-Tirade forderte der zugezogene EM-Experte mehr Selbstbewusstein, Siegeswillen und Stärke, also sehr engagiert das, was Olli Kahn einst als "Eier" bezeichnete, womit wir fast, aber wirklich nur fast, wieder bei den Kondomen sind. Kramer is on fire, schon jetzt einer der Sieger der Herzen dieser EM. 

Vor dem Spiel schließlich gab es noch eine mäßig ergiebige Schalte Richtung Themse zu Danny Mills, Ex-Internationaler aus den Reihen von Leeds United. Den übersichtlichen Infoertrag machte Taktik-Tycoon Peter Hyballa jedoch wieder wett, der mit seinen Schub- und Greif- und Ruder-Bewegungen, seitlich zum Screen stehend, immer so ein bisschen aussieht wie ein Wettervorhersager, der die Wolkenbewegung irgendwo über den Alpen pantomimisiert. Alles andere als pantomimisch diesmal Per Mertesacker, der endlich auch im Turnier angekommen zu sein scheint, und ungleich alerter wirkt als noch zu Beginn der ganzen EM-Sause. So gut aufgelegt, verdonnerte man ihn denn auch gleich zum Mehrfach-Jobber, setzte ihn Oliver Schmidt im Kommentatoren-Kabuff zur Seite, und ließ ihn auch gleich das Spiel mitkommentieren. Was die beiden in der Tat grundsolide, kompakt und treffsicher absolvierten. 

Kurz vor Mitternacht wird's ernst

Nach dem prestigereichen – und mehr als verdienten – torlosen Remis wurde Außenreporterin Diana Zimmermann noch einmal vom Glasgower Public Drinking zugeschaltet. Einen ungleich ernsteren Ton schlug am Ende Studiogast Jimmy Hartwig an. Der Ex-Bundesliga-Profi und Nationalspieler war weniger zum aktuellen Spiel geladen – auch wenn er in punkto Motivationssalve für das deutsche Team selbst Captain Kramer noch in den Schatten stellte – vielmehr ging es um die im Anschluss ans EM-Studio laufende Doku "Schwarze Adler", die sich mit Profis wie eben Hartwig, Otto Addo, Steffi Jones, Erwin Kostedde und Gerald Asamoah und deren Erfahrungen mit Rassismus im Profigeschäft befasst.

So nahm der Fußballabend mit diesem so wichtigen Thema eine ernste Wendung und bot einiges an Einsichten, die man gut und gern auch zu früherer Stunde, als kurz vor Mitternacht gehört und gesehen hätte. Auf die Frage, ob im deutschen Fußball heutzutage genug gegen Rassismus getan würde, hatte Jimmy Hartwig eine klare Antwort: Nein. Und wenn es nach ihm ginge, dann sollte die Nationalmannschaft es morgen den Engländern und Schotten gleichtun – und vor Anpfiff solidarisch auf die Knie gehen. Heute Abend gegen 21 Uhr werden wir wissen, ob Hartwigs Forderung erhört wurde.


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