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EM-Qualifikationsspiel gegen die Türkei: Özil und Sahin: spielerische Integration

Durch Sarrazin aufgeheizt - von zwei Weltklasse-Fußballern wieder runtergekühlt. Vor dem brisanten Länderspiel zwischen Deutschland und der Türkei sorgen Mesut Özil und Nuri Sahin in der Integrationsdebatte für Entspannung.

Von Klaus Bellstedt, Berlin

Wohl kaum ein anderer deutscher Nationalspieler prägt das Image der Multi-Kulti-Truppe von Bundestrainer Joachim Löw so sehr wie Mesut Özil. Im DFB-Team, das am Freitag in Berlin auf die Türkei trifft, gehört Özil, in dritter Generation Sohn einer türkischen Einwanderfamilie, seit der Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika zu den tragenden Säulen. Im Sommer wagte der 21-jährige Mittelfeldspieler, aufgewachsen in Gelsenkirchen-Bulmke, den Sprung zum Weltclub Real Madrid. Er lernt einmal die Woche Spanisch, spricht bald drei Sprachen fließend.

Zwei Tage vor dem EM-Qualifikationsspiel gegen die Türkei sitzt dieser schmächtige Kerl bei der DFB-Pressekonferenz in der riesenhaften Lobby eines Autohauses in Berlin-Charlottenburg und sagt Sätze wie diesen: "Ich bin stolz, für Deutschland spielen zu dürfen." Mesut Özil ist kein Mann der großen Worte, aber er ist ein außergewöhnlich guter Fußballer. Und: Er ist ein Paradebeispiel für erfolgreiche Integration.

"Ich bin ein Beispiel für gelungene Integration"

"Nationalspieler mit Migrationshintergrund wie Mesut Özil sind gelebte Beispiele erfolgreicher Integration", sagt Gül Keskinler. Die Deutsch-Türkin ist seit 2006 Integrationsbeauftragte des DFB und stolz auf den großen Anteil von Nationalspielern mit Migrationshintergrund. "Vielleicht erkennt man daran, dass unser Fußballsystem durchlässiger ist, als andere Bereiche der Gesellschaft, meint Keskinler. Als Beleg für die gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland, außerhalb der Wahrnehmung eines Thilo Sarrazin, dient zum Beispiel auch die Özils Entscheidung, trotz seiner elterlichen Wurzeln nicht für die türkische, sondern für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft zu spielen.

"Wir leben in der dritten Generation in Deutschland. Ich habe alle DFB-Jugendteams durchlaufen. Eine andere Nation als die deutsche kam für mich nie in Frage." Und dann sagt Özil noch etwas Überraschendes. Etwas, das man ihm, dem Spezialisten für geniale Pässe und einfache Worte, gar nicht zugetraut hätte: "Ich bin ein Beispiel für gelungene Integration in Deutschland." Özil, der über die Stationen DJK Westfalia 04, Rot-Weiss Essen, FC Schalke 04 und Werder Bremen zu Real Madrid kam, hat recht.

"Ich bin zwar Türke, aber auch ein bisschen Deutscher"

Nuri Sahin, Mittelfeldstar von Borussia Dortmund, hat einen anderen Weg gewählt als sein Freund Özil, als er wie so viele junge türkischstämmige Fußball-Talente vor der Entscheidung stand: Deutschland oder Türkei? Es liegt sicher nicht an mangelnder Integration, dass Sahin am Freitagabend im Berliner Olympiastadion im roten Trikot mit Halbmond und Stern spielt, und nicht im weißen mit dem Bundesadler. "Unsere dritte Generation der Türken ist sehr gut integriert. Und aus der vierten Generation kann vielleicht ein Bundeskanzler kommen", sagt der 22-Jährige: "Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft macht es doch vor, spielt mit einem multikulturellen Team, und ganz Deutschland jubelt, wenn der Türke Mesut Özil ein Tor schießt."

Seine Entscheidung, nicht für Deutschland, sondern für die Türkei aufzulaufen, hat der gebürtige Lüdenscheider trotz der verpassten WM-Qualifikation nicht bereut. "Das Wichtigste ist, dass man sich bei seiner Entscheidung wohl fühlt, und das tue ich. Ich bereue nichts", sagt Sahin, der von der U15-Auswahl an alle Nachwuchsteams der Türkei durchlaufen hat. Trotzdem schlagen beim zuletzt so überragenden BVB-Profi vor dem EM-Qualifikationsspiel zwei Herzen in der Brust. "Ich bin zwar Türke, aber auch ein bisschen Deutscher. Ich bin stolz, hier geboren und aufgewachsen zu sein", sagt Sahin - und hört sich dabei ein bisschen an wie Mesut Özil.

"Deutschland hat eigentlich gar kein Integrationsproblem"

Sahin und Özil sind dicke Kumpels. Sie kennen sich von Kindesbeinen an. Noch heute telefonieren die beiden Mittelfeldstrategen regelmäßig. So sehr sie sich in ihrer genialen Spielanlage manchmal ähneln, so unterschiedlich verhalten sie sich abseits des Platzes. Während Özil eher gequält Journalisten-Fragen beantwortet und nur selten echte Meinung äußert, spricht Sahin Klartext. Der 22-Jährige hat Abitur gemacht, er war im südwestfälischen Meinerzhagen einer der wenigen Türken auf dem Gymnasium - und er bezieht in der zuletzt so aufgeflammten Integrationsdebatte, angestoßen durch das Buch von Thilo Sarrazin, deutlich Stellung: "Ich finde das nicht in Ordnung. Wir Muslime passen uns an. Die dritte Generation ist sehr gut in Deutschland integriert, viel besser als die früheren Generationen. Deutschland hat eigentlich gar kein Problem mit der Integration", sagte Sahin, der schon mit 16 Jahren in Dortmund zum jüngsten Bundesligaspieler aufgestiegen war, Anfang dieser Woche bei einem Sponsorentermin in Berlin. Bei seinem Sarrazin-Konter soll er trotzig und überzeugend geklungen haben.

Mesut Özil und Nuri Sahin sind auf ihre Art Paradebeispiele für erfolgreiche Integration. Was sie von denjenigen unterscheidet, die häufig in eine Schublade gesteckt werden: Beide sind Fußballer und damit in einer Branche aktiv, in der das Zusammenleben von Menschen verschiedener Herkunft wesentlich besser zu klappen scheint als in anderen Bereichen der Gesellschaft. Am Freitagabend treffen sich Özil und Sahin mit ihren Mannschaften auf dem Rasen des Berliner Olympiastadions. Es kann eigentlich nur ein Fußballfest geben.

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