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Euro 2004: Gute Vorlage

Prima Idee, die EM in Portugal zu veranstalten: Die Spiele begeistern, die Fans pendeln vom Strand ins Stadion, und die Stimmung ist wie das Land - entspannt und leidenschaftlich zugleich

"Am schlimmsten sind die Iren, sagen die Hotelportiers in Fátima, gut, dass die bei dieser EM nicht dabei sind. Pilger aus Irland würden sich in Portugals heiliger Stadt üblicherweise erst ihren Segen holen und dann saufen wie die Löcher, dagegen seien manche Fußballfans rechte Mönche. Wer will da über das Dutzend Kroaten schimpfen - 2:2 gegen Frankreich -, das nachts um drei in einer Bar der Pilgerstadt grölt, dass die Gläser wackeln? Oder über all die anderen Gäste dieser EM.

Natürlich, mit "futebol" ist eine Naturgewalt über dieses Land hereingebrochen, hat jeden Winkel erfasst. Doch in Fátima geschahen schon größere Wunder als im Estádio da Luz, 1917 soll hier drei Kindern die Jungfrau Maria erschienen sein, und heute strömen nur nach Lourdes mehr katholische Pilger. Jeden Sonntag stehen Tausende Gläubige auf dem Platz vor der Basilika; nun, während der EM, halten eben Kroaten ihre Fahnen in den Himmel. Als fromme Gewänder tragen sie bunte Hemden, darauf die Namen ihres Götzen Prso. Das kroatische Nationalteam selbst reiste gar zweimal nach Fátima, überreichte einem Pater eine Marienstatue und bat ihn um - was wohl? - Segen und Sieg. Vergeblich. Die französischen Fußballhelden Henry und Pires beteten ebenfalls im Schatten des schlanken Turms. Auch sie brauchen neuerdings offenbar himmlischen Beistand. Und in Fátima? Bleiben sie unbeeindruckt, bemvindo.

So ist es in ganz Portugal, dieses Fußballfest findet schließlich in einem Urlaubsland statt. Zwölf Millionen kommen jedes Jahr, Holländer, Engländer, Deutsche. Nun sind sie wieder da, diesmal in Trikots halt. Spannen am Strand aus, jubeln und weinen im Stadion, feiern in den Kneipen. Für die Fans ist alles so, wie ein Fußballfest zu sein hat. Das ist der ganze Geist dieser Europameisterschaft.

Bei der WM in Japan und Südkorea glichen manche Partien Geisterspielen, der Weltverband Fifa hatte den Fußball an internationale Multis verkauft. In Portugal halten sich die Sponsoren sichtbar zurück, es wird ihnen nicht schaden. Und wie fühlte sich die EM 2000 in Holland und Belgien an? Gar nicht.

Portugal dagegen hat geflaggt, an den Balkonen

, in den Geschäften, selbst an jedem Brummi schlägt eine rot-grüne Fahne im Fahrtwind. Es ist für Portugiesen ein ungewohntes Gefühl, der Stolz auf ihr Land, aber sie geben sich ihm einfach hin. Kein geiferndes Bedürfnis da, alte Kriege noch einmal zu gewinnen, auf dem Rasen. Und kein Gast fühlt sich bedrängt. Fast jeder ausländische Fan kauft sich eine portugiesische Flagge, nicht nur, weil sie so schön ist. Denn diese EM ist ein durch und durch portugiesisches Turnier, entspannt und leidenschaftlich zugleich.

Wenn Holland in Porto antritt, macht sich frühmorgens in der Algarve eine Karawane in Oranje auf, flatternde Antennenwimpel auf der A8. Abends ergießt sich ein orangefarbenes Meer über die Kneipenstraßen von Porto, unten am Flussufer des Douro; drei Tage später schwimmt die alte Handelsstadt in Gelb und Blau, hej hej, die Schweden sind da, viele Papas mit ihren halbwüchsigen Söhnen, das Trikot spannt den Alten über dem Bauch.

Der Fußball spricht wieder für sich selbst, das konnte man schon bei der Eröffnungsfeier hoffen. Ein paar blaue Leintücher, die das Meer symbolisierten, ein Holzschiff draufgeschoben und ein paar Pappmachéfische drumherum. Das war's, sympathisch dilettantisch. Während in Deutschland bei jedem Testspiel Muskelprotze auf Trommeln schlagen, halten sich hier die Gastgeber höflich zurück.

Nur auf den Glanz des gewaltigsten Helden legt sich kein noch so dünnes Filmchen portugiesischer Bescheidenheit. Seit Sonntag ist klar, dass dieses Turnier für Deutschland ein versöhnliches Ende nehmen wird, und sei es auch nur wegen eines großen Sohns der Nation: Danke, Otto! Dass das Weiterkommen Griechenlands eine rein deutsche, weil reine Otto-Geschichte ist, wurde Kapitän Theodores Zagorakis schon nach dem ersten Match bewusst.

Es ist für alle ein Fußballurlaub. Und jeder verbringt ihn so, wie er es liebt. Die Engländer haben in Albufeira an der Algarve ihre Höhle, im "Linekers", dem Pub, der dem Bruder des großen englischen Stürmers gehört. Da beten sie die Bildschirme an. Es geht gegen die Schweiz, eine Niederlage wäre das Aus für Beckhams Mannen. Da wussten sie noch nichts vom Einzug ins Viertelfinale vier Tage später. Es ist drinnen noch heißer als draußen, wo 30 Grad herrschen, es riecht nach Schweiß und Bier, unter anderem. Der Boden vibriert, wenn sie brüllen: "Ingeländ!, Ingeländ!, Ingeländ!" Der Raum ist knallvoll, rote Trikots, weiße Trikots, und wer keines trägt, hat sich Englands weiße Flagge mit rotem Kreuz übers Herz tätowiert. Es ist eine Masse, ein Lebewesen, ein Muskel. Sie würden so gern mal wieder einen Titel gewinnen, seit 38 Jahren warten sie.

Es steht eins zu null gegen die Schweiz. Die Straße vor dem Linekers liegt wie leer gefegt, Albufeira ist englisches Urlaubsghetto. Stürmer Rooney zieht ab, und es passiert. Der Boden bebt, "Goooohl", nicht zu verstehen, was sie sonst schreien, sie umarmen sich, sie springen gegeneinander, der Raum scheint nur noch halb so voll, der Muskel zieht sich zusammen, Bier spritzt, "Ruuuhney", "Ruuuhney", draußen auf der Terrasse schlagen sie gegen die Schilder. Im Linekers geschah es kürzlich. Zwei Nächte hintereinander, sie schlugen Fenster ein, prügelten sich mit der Polizei, viele Verletzte, einige Festnahmen, ein Hooligan wurde zu zwei Jahren Haft verurteilt. Die Einzigen, die sich in Portugal in den ersten Wochen gekloppt haben, sind jene Engländer, aber die werden es nicht mehr lernen.

Dabei ist Europas ganze Kraft zur Freundschaft zu spüren in diesen Tagen. Und diese portugiesische Ruhe.

Als Spieler sollte man natürlich darauf achten, zu einem Haufen zu gehören, der gleich zu Beginn Erfolg hat. Nehmen wir den Schweden Johan Mjällby, zwar kein Stammspieler, dafür verfügt er über den beeindruckendsten Oberkörper dieser EM, was jedermann leicht nachprüfen konnte, wenn er sich nur ins Vorrunden-Quartier des Teams begab, ins Golfresort Quinta da Marinha in Cascais, wo sonst Lissabons Geldadel abschlägt. Durch die Atriumhalle zwei Treppen hinunter, vorbei an den Korbsesseln, war man schon am Pool, und mit ein bisschen Glück lag Mjällby dort, döste in der Sonne wie ein satter Löwe in der Savanne. Einssechsundachtzig groß, goldbraune Haut, ein Brustkasten wie eine Gefriertruhe, Haare bis zu den Schultern, das ist Mjällby. Man kann als Spieler in Portugal sehr gut dösen, nach einem fünf zu null gegen Bulgarien.

Als Zuschauer, wenn man nicht gerade Bulgare ist, genießt man solch ein messerscharfes Spiel erst recht. Und Partien wie England gegen Frankreich oder Tschechien gegen Holland hätte man sich in anderen Turnieren als Finale erträumt. Zu bestaunen ist die Wiedergeburt der Dribbelkünstler. Spieler, die mit Tempotänzen Breschen in jede Deckung schlagen. Der Fußball entdeckt das Abenteuer neu, durch den Portugiesen Ronaldo etwa. Oder durch den unwiderstehlichen Rooney. Oder die Tschechen und Skandinavier, die Dampf machen ohne Ende.

Da wird ihm der Pokal als bester Spieler überreicht, und schon kommt sein Trainer Otto Rehhagel aufs Podium, scheucht ihn mit strengem Blick und einem gerehhagelten Fuchteln auf seinen Platz. Dort kauert Zagorakis fortan hinter seiner Riesenvase, er ist raus, denn von nun an befragen deutsche Reporter den deutschen Trainerkönig auf deutsch, und der ist prächtig gelaunt, er ist sogar milde gesonnen und vergisst manch alte Feindschaft. Otto ist obenauf, endlich wieder.

Er strahlt seliger als jede Madonna in Fátima und spricht von seiner raffinierten Taktik und dass sich die Spieler vorbildlich daran gehalten hätten: Werder Hellas, ganz nach seiner Philosophie. Nach dem Sieg blickt der Trainer gerührt und sagt: "Die Menschen in Griechenland haben im Lauf der Zeit ein sehr schönes Verhältnis zu ihrem Trainer entwickelt." Für sie zieht er ins Viertelfinale ein.

Dies gelang auch den Portugiesen, und das ist ein kleines Wunder. Nach dem verlorenen Eröffnungsspiel erwarteten sie die Schmach des Ausscheidens und verfluchten schon ihren Trainer Luiz Felipe Scolari. Der aber ist ein echter Weltmeistercoach, keiner, der sich nur weltmeisterlich fühlt. Brasilien führte er 2002 zum Titel. Nun lehrt er Portugal das Kämpfen.

Dabei fing alles portugiesisch verträumt an. Óbidos, der uralte Königssitz nördlich von Lissabon, ist ein mittelalterliches Dorf, umgeben von hohen Mauern, durchzogen nur von zwei schmalen Straßen, Kopfsteinpflaster. Ganz in der Nähe bereitete sich Portugals Elf auf die EM vor, und als Höhepunkt rumpelte die Mannschaft in offenen Kutschen durch die Gassen, die 1000 Einwohner standen Spalier. Dann kam die Pleite gegen die Griechen, und die Zweifel im Land wurden groß.

In Óbidos hat man zur EM eine Leinwand an die Seitenwand der Kirche Santa Maria gehängt, auf dem Vorplatz bolzen Kinder gegen das hölzerne Kirchentor von 1737, und zehn Meter weiter sitzen die Einwohner unter ausladenden Platanen, starren in Richtung Kirche, und alle ertränken ihre Nervosität in Superbock, an diesem Abend geht es gegen Spanien, ein Sieg muss her, aber wann hat Portugal schon mal gewonnen, wenn es sein musste?

Als Nuno Gomes sein Team in Führung schießt, springen die Menschen auf, sie schreien, in ihrer Verzweiflung lässt sich tatsächlich so etwas wie Kampfgeist entdecken, mehr als 30 Minuten noch, Portugal führt. Hundert Kilometer südlich, im tobenden Estádio José Alvalade, wirft Trainer Scolari seine Spieler mit wilden Armbewegungen nach vorn und wieder zurück, die Spanier treffen den Pfosten, treffen die Latte, die Portugiesen haben, ja, sie haben es wirklich: Glück. Und dann ist es aus.

Ein Volk hat den Glauben an sich selbst gefunden, so etwas kann der Fußball.

Portugal ist bei den Siegern. Doch jetzt wartet Ingeländ.

Rüdiger Barth/Bernd Volland

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