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Absturz des spanischen Fußballs Mausgraue Gegenwart: Der FC Barcelona und Real Madrid arbeiten an ihrer Selbstverzwergung

Die Champions-League-Trikots leuchten gelb, aber die in Wahrheit ist die Gegenwart des FC Barcelona mausgrau
Triste Gegenwart trotz leuchtend gelber Champions-League-Trikots: Der FC Barcelona geht durch eine schwere Krise
© David Ramos / Getty Images
Der FC Barcelona, einst weltweit verehrt wegen seines zauberhaften Spiels, ist noch ohne Sieg in der Champions League. Auch Real Madrid blamiert sich und verliert gegen ein Team aus Transnistrien. Der spanische Fußball steckt in einer tiefen Krise.

Stammtisch-Lyrik besticht zwar selten durch ihren künstlerischen Wert, bündelt aber mitunter Wahrheiten in einen griffigen Reim. So wurde in den 90er Jahren über den ruhmreichen FC Schalke gespöttelt: "Willst Du Schalke oben sehen, musst Du die Tabelle drehn‘!"

Diese Sentenz gilt seit Mittwochabend auch für den FC Barcelona, das sich anschickt, das Gelsenkirchen der Champions League zu werden: viel Tradition, aber die Gegenwart ist mausgrau. Mit null Punkten und minus sechs Toren steht der Klub am Tabellenende der Vorrundengruppe E und muss sich damit hinter Mittelklassevereinen wie Benfica Lissabon und Dynamo Kiew einreihen. Jener Klub, der vor gar nicht so langer Zeit in aller Welt verehrt wurde für sein Tiki-Taka. Jenes Kurzpass-Spiel, bei dem der Gegner oftmals minutenlang vom Mitwirken ausgeschlossen wurde, weil er gar nicht an den Ball kam.

Die Krise setzt vor dem Abgang Messis ein

Pep Guardiola kultivierte das Tiki Taka einst bei den Katalanen, deren stolzer Slogan lautet: "Més que un club" – mehr als ein Klub. Heute hat Barca einen Trainer, der nicht mal um die funkelnde Vergangenheit zu wissen scheint – jedenfalls rief der Niederländer Ronald Koeman kürzlich entnervt in einer Pressekonferenz: "Sollen wir Tiki Taki spielen?"

Derzeit spielt Barcelona tatsächlich nur Tiki Taki, für mehr reicht es nicht. Und das hat wenig mit dem Abgang von Lionel Messi nach Paris zu tun. Die Krise setzte schon früher ein, nämlich mit dem mittlerweile legendären 2:8 im Viertelfinale der Champions League 2020 gegen den FC Bayern. Selten wurde der große FC Barcelona so gedemütigt wie in dieser Partie; auch Messi ging damals mit unter.

Tröstlich für die Katalanen mag nur sein, dass auch der Rivale Real Madrid an seiner Selbstverzwergung arbeitet. Am Dienstag verlor Real zu Hause mit 1:2 gegen Sheriff Tiraspol, einem Verein aus Transnistrien, das wiederum zur Republik Moldau gehört. Auch das eine historische Schlappe, auch dies ein Ergebnis, das sich ins Gesamtbild fügt: Die große Zeit des spanischen Fußballs ist vorerst beendet. "To big to fail", das mag in der Weltwirtschaft gelten, nicht aber im Weltfußball. Fürchten muss sich die Konkurrenz nicht mehr vor Barca und Real; die Kraftzentren liegen in Paris, London, Manchester, Liverpool und auch in München, beim FC Bayern.

Real Madrid leidet unter verpasster Verjüngung

Real Madrid leidet unter einer verpassten Verjüngung des Kaders: Spieler wie Toni Kroos (31), Marcelo (33) oder Luka Modric (36) haben ihren Zenit überschritten. Von unten drängt aber niemand nach, der sie dauerhaft ersetzen könnte – deshalb hält der Klub an ihnen fest. In Barcelona hingegen hat man sich längt von vielen großen Namen verabschiedet, nicht nur von Messi. Der Klub ist dem Vernehmen nach mit 1,3 Milliarden Euro verschuldet, da leiht man dann einen Stürmer wie Luuk de Jong, der sich einst in Mönchengladbach nicht durchsetzen konnte, und gibt gleichzeitig Antoine Griezmann ab, Weltmeister 2018 mit Frankreich.

Für einen geordneten Neuaufbau wird Ronald Koeman in Barcelona wenig Zeit gegeben. Zwar bittet der Coach immer wieder um Geduld und beschwört eine Phase des Übergangs, aber Klubpräsident Joan Laporta will sich nicht vertrösten lassen. Im Hintergrund wird angeblich schon nach einem Nachfolger für den amtierenden Trainer gesucht, aber dies nur mit gebremstem Elan. Eine Abfindung für Koeman und dazu noch ein Salär für den neuen Coach – Barcelona kann es sich im Moment einfach nicht leisten.

tis

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