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Fußball: "Das ist doch ein Witz"

Bayerns Vorsitzender Karl-Heinz Rummenigge über den Streit der Bundesliga mit Bundestrainer Klinsmann und den Millionenpoker um die TV-Rechte.

Herr Rummenigge, in der vergangenen Woche gab es den Krisengipfel zwischen Bundestrainer Jürgen Klinsmann und der Bundesliga. Wer ist denn jetzt der Sieger?

Keiner, darum ging es doch auch nicht. Aber selten gab es danach so unterschiedliche Bewertungen.

Zwei Beispiele: "Bild" schrieb von zwei Aufpassern für Klinsmann, die "Abendzeitung": "Klinsmann zieht die Liga übern Tisch". Was denn nun?

Es gibt keine Aufpasser für Klinsmann. Das ist Unsinn. Wir alle wollen vor allem enger zusammenarbeiten.

Aber wo hat Klinsmann denn nachgegeben? In der Torwartfrage um Oliver Kahn und Jens Lehmann offenbar nicht. Bei den Trainingsmethoden auch nicht. Sein einziges Zugeständnis: Er will öfter in Deutschland sein.

Die Entscheidungen müssen ja auch von Klinsmann getroffen werden, was Kader und Aufstellung betrifft. Sonst hätten wir das Chaos perfekt. Es ging darum, ihm zu sagen, was der Liga nicht gefällt.

Und das wäre?

Ein Beispiel: Die Nationalelf ist keine stabile Mannschaft mehr. Wir haben uns dann alle gemeinsam gefragt, wer denn in diesem Team überhaupt eine gefestigte Persönlichkeit ist. Da kamen wir auf zweieinhalb Spieler. Und einer von denen ist natürlich Oliver Kahn. Die große Frage ist: Wenn man einen solchen Spieler hat, muss man den dann mit einer Rotation infrage stellen? Auch wenn das vonseiten des Trainers gar nicht so gemeint ist.

Das scheint Klinsmann dennoch nicht sonderlich beeindruckt zu haben: Beim nächsten Länderspiel in Paris gegen Frankreich steht Lehmann im Tor und nicht Kahn.

Er war schon nachdenklich, der Jürgen, weil er gemerkt hat, wie einheitlich sich die Liga bei einigen Themen, auch bei diesem, gezeigt hat. Dass Klinsmann jetzt nicht sofort reagiert, ist doch klar. Es geht hier auch um Gesichtswahrung.

Sie waren der Einzige der mächtigen Klubvertreter, der Klinsmann in den Tagen nach dem China-Spiel verteidigte. Warum?

Vielleicht gehörte da auch Mut dazu, für Klinsmann Partei zu ergreifen. Die ganze Aufregung habe ich von Anfang an nicht verstanden. Ich gehörte aber auch nicht zu den großen Jublern im Sommer 2004, als Klinsmann anfing. Weil ich damals schon die Probleme gesehen habe, die jetzt leider in den letzten drei, vier Spielen offensichtlich geworden sind: In gewissen Bereichen der Mannschaft fehlt einfach die Qualität, speziell in der Abwehr. Rückschläge waren doch zu befürchten. Aber jetzt tun viele so, als sei das vollkommen unerwartet gekommen.

Klinsmann schien die Probleme dank seiner Motivationstricks überdecken zu können.

Das konnte aber nicht zwei Jahre gut gehen. Denn wenn man sich die ersten vier Klubs in der Bundesliga anschaut, findet man in der Abwehrmitte fast nur Ausländer.

Warum?

Weil es offensichtlich auf diesen Positionen keine guten deutschen Spieler gibt. Da kann man nicht von Klinsmann verlangen, dass er sich irgendeinen in Oberammergau schnitzen lässt. Und diese Themen wie Gummitwist und Fitnesstest halte ich für Larifari. Daran werden sich demnächst aber wieder Grundsatzdebatten entzünden. Wenn Klinsmann infrage gestellt wird, frage ich mich: Wo waren die Alternativen vor eineinviertel Jahren? Klinsmann war der Einzige, der's gemacht hat. Und der hat's ein Jahr gut gemacht, mit viel Euphorie. Nur jetzt, wo die Probleme da sind, sollten wir besser an einem Strang ziehen. Mit jeder Kritik an Klinsmann diskreditiert man ihn auch innerhalb der Mannschaft. Die Spieler lesen das ja genauso.

Sind die Klubchefs reif genug, um die Eitelkeiten bis zur WM zurückzustellen?

Der deutsche Fußball muss zeigen, ob er klug genug ist.

Viele Nationalspieler sind noch sehr jung. Bei der letzten Heim-WM 1974 waren Sie 19 Jahre alt, in der Saison danach ging Ihr Stern bei den Bayern auf. Können Sie sich vorstellen, wie die Jungen sich fühlen?

Das war ganz anders, damals. Es gab eine total gefestigte Nationalelf. Erst 1976, also nach zwei Jahren als Stammspieler im Verein, bekam ich die erste Chance. Aber Klinsmann hat keine Alternativen. Wir haben seit 1996 eine instabile Nationalelf. Und dass wir 2002 Vizeweltmeister geworden sind, war eine glückliche Fügung des Schicksals. In den 90er Jahren hat der DFB das Thema Nachwuchsarbeit gnadenlos vernachlässigt. Den Preis bezahlen wir heute. Erst seit drei, vier Jahren wird wieder gut gearbeitet, aber nur in den Klubs. Der DFB macht nach wie vor keine erstklassige Nachwuchsarbeit.

Dabei hat der Verband doch eine millionenschwere Förderung ins Leben gerufen.

Er investiert in die Breite, mit Stützpunkttrainings an allen Ecken und Enden. Er müsste in die Spitze investieren, in die Elite. Genau wie in der Wirtschaft oder der Politik sind wir ein Land der Gleichmacherei. Das ist auch im Fußball ein Fehler. Wir müssen die Besten besser machen, nichts anderes. Unser Regionalligatrainer Hermann Gerland, ein großer Statistiker, hat mal nachgerechnet: Wenn ein junger Spieler heute 18 ist, fehlen ihm 6000 bis 7000 Stunden Training im Vergleich zu uns früher - das Kicken auf den Straßen und Wiesen.

7000 Stunden?

Und die muss man irgendwie kompensieren. Was wir vor allem brauchen, sind Trainer! Erstklassige Nachwuchstrainer. Das ist für den FC Bayern kein Problem, wir können die bezahlen. Aber gehen Sie mal nach Rosenheim oder sonst wohin, die können das nicht. Der DFB wird das eine oder andere Geldsilo, das er sich in den letzten 30 Jahren angeeignet hat, wohl knacken müssen.

Sind die mangelnden Talente auch der Grund, warum die Bundesliga international so zurückgefallen ist?

Nicht nur. Vor allem fehlt den Klubs die Möglichkeit zu investieren.

Die Bundesliga bietet ja gerade ihre TV-Rechte für die Saison ab 2006 zum Verkauf an. Ein idealer Zeitpunkt, so kurz vor der WM. Bisher erhalten die Klubs pro Spielzeit 300 Millionen, Sie haben nun sogar 500 Millionen aufgerufen - pokern Sie da nicht zu hoch?

Wir sind bei Bayern früher auch oft belächelt worden, etwa, als mein Kollege Uli Hoeneß mal sagte, wir müssten eines Tages 100 Millionen haben. Da hat ihn der ARD-Moderator Heribert Fassbender für geisteskrank erklärt. Ich sehe auch dieses Mal gute Chancen, dass wir unser Ziel erreichen. Der Markt hat total gedreht. Beim letzten Mal, vor drei Jahren, sind wir nach Hamburg zu Jobst Plog geflogen, dem NDR-Intendanten, und mussten den beinahe auf Knien bitten, dass die ARD die Free-TV-Rechte kauft! Aus heutiger Sicht natürlich für einen Dumping-Preis, 45 Millionen pro Saison. Jetzt wissen sie, was sie für ein Produkt, was für ein Image sie sich da eingekauft haben.

Und nun kommen die Sender zu Ihnen, die ARD schickt etwa Monica Lierhaus.

Richtig. Das ist natürlich angenehm, diese Situation. Aber es gibt noch ein zweites, entscheidenderes Kriterium: Es ist ziemlich sicher, dass wir im Fußball bald kein Monopol mehr im Pay-TV haben.

Weil Kabel Deutschland, der Premiere-Rivale, unbedingt den Fußball braucht, um bekannt zu werden und seinen Abonnentenstamm von etwa 300 000 zu erhöhen?

Ich bin sehr hoffnungsvoll, dass Kabel Deutschland bei den TV-Rechten auf den Markt kommt. Und vielleicht wird es sogar noch einen dritten Nachfrager geben.

Das klingt nach einer Drohung gegenüber Premiere, damit der Sender mehr als 180 Millionen pro Saison bezahlt. Die Klubs hätten ja gern allein aus dem Pay-TV 300 Millionen.

Das ist keine Drohung. Wenn es mehrere Nachfrager für das Pay-TV gibt, und damit rechne ich ganz fest, werden diese auch berücksichtigt werden. Weg vom Monopol bedeutet höhere Preise zugunsten der Bundesliga. Das zeigt die Erfahrung in Frankreich, England oder Italien.

Es kursieren viele Modelle, wo und wann die Bundesliga zu sehen sein wird. Welche Variante favorisieren Sie?

Das Ergebnis ist offen. Aber ich persönlich gehe nicht davon aus, dass es in der Zukunft keine "Sportschau" mehr gibt. Wir brauchen sie vielleicht nicht mehr um 18.10 Uhr, nur sollte sie vor der "Tagesschau" um 20 Uhr beendet sein.

Das heißt: Ab 19 Uhr rollt der Ball?

Zum Beispiel. Wer sich Pay-TV nicht leisten kann, kann nicht ausgegrenzt werden. Zu spät darf eine Highlight-Verwertung aber auch nicht laufen, etwa um 22 Uhr, sonst schließen wir die Kinder aus. Es gibt aber auch ein großes Eigeninteresse. Die Sponsoring-Einnahmen beim FC Bayern sind derzeit viermal so hoch wie die TV-Einnahmen. Das gilt für viele Klubs in der Bundesliga, da stehen rund 100 Millionen im Feuer. Wenn es die "Sportschau" nicht mehr gäbe, wären die infrage gestellt.

Aber die ARD wird mehr zahlen müssen und darf dabei nicht mal wie bisher sieben Spiele zeigen, weil die Liga den Spieltag auf mehrere Termine zerlegen will, um mehrere Sender zu bedienen.

Wir haben ja im Moment zwei Anstoßzeiten, Samstag 15.30 Uhr, Sonntag 17.30 Uhr. Es gibt eine Tendenz, in der Zukunft vier Anstoßzeiten zu haben. Damit gäbe es schon mal eine Verdoppelung des Spieltages, ohne die Dinge zu überdrehen. Man muss sensibel an die Geschichte gehen. Ein Freitagabend war in der Vergangenheit immer ein willkommener Spieltag. Und über ein Spiel am Samstag um 18.30 Uhr muss man nachdenken dürfen.

Wenn die Liga mehr Geld erhält: Wird der FC Bayern weiterhin am Solidaritätsprinzip der Verteilung festhalten?

Ich glaube, wir müssen neue Wege gehen. Denn die schwächeren Vereine profitieren sportlich überhaupt nicht von den ihnen zufließenden Millionen, das hat eine Studie gezeigt. Umgekehrt aber fehlen diese Mittel den reichen deutschen Klubs, um sich im Europapokal gegen noch reichere Vereine wie Chelsea oder Real durchzusetzen. Wir haben es in Deutschland leider geschafft, dass unsere Spitzenklubs international gesehen Tabellenletzte sind, was die Fernsehgelder angeht. Das ist einfach Fakt. Juventus Turin bekommt 115 Millionen aus dem TV-Topf. Real Madrid und Barcelona jeweils über 100, unsere Freunde in Manchester über 50. Und wir als FC Bayern stehen da mit unseren 16,2 Millionen. Das ist doch ein Witz. Etwas überpointiert ließe sich sagen: Wer will, dass ein deutscher Verein die Champions League gewinnt, müsste die Umverteilung der Fernsehgelder abschaffen. Ein allerdings sehr unpopulärer Vorschlag. Mein Argument dafür ist ziemlich einfach. Dass Bayern München überhaupt noch in einer zentralen Vermarktung mitmacht, ist die größte Solidarität, die wir der Bundesliga zuteil werden lassen. Ich wäre gern bereit, von 100 Millionen 50 abzugeben, aber erst mal müssen die 100 bei uns in der Kasse sein.

Das heißt, Sie werden den bisherigen Verteilungsschlüssel nicht mehr akzeptieren?

Der kann nicht Bestand haben. Deshalb gilt es, deutlich mehr als 300 Millionen einzunehmen, damit man den Status quo der Kleinen erhalten kann. Aber die Mehreinnahmen müssen anders verteilt werden.

Ganz so klamm ist der FC Bayern aber schon heute nicht: Ihrem Star Michael Ballack haben Sie ein Angebot vorgelegt, das mit dem europäischer Topklubs mithalten kann. Noch im Juni 2004 hätten Sie ihn am liebsten verkauft. Wie kommt der Sinneswandel?

Erst mal ist er fußballerisch gewachsen, ist jetzt Herdenführer dieser Mannschaft. Und zweitens hat er sich auch außerhalb des Platzes positiv entwickelt, er repräsentiert den Klub perfekt.

Wer könnte Ballack ersetzen?

Darüber haben wir noch nicht nachgedacht.

Wie bitte - der FC Bayern plant doch alles voraus!

Unsere Philosophie ist: Erst wenn der Spieler nein sagt, gehen wir auf den Markt. Aber dann richtig! Wir sind in der glücklichen Lage, etwas Fleisch auf den Knochen zu haben. Das würde uns also nicht umwerfen. Unter Trainer Felix Magath ist die Mannschaft wieder sehr stabil. Ich glaube, der ganze Klub ist in einer sehr stabilen Verfassung. Möglicherweise war er nie so stabil wie heute.

Interview: Rüdiger Barth/Giuseppe Di Grazia

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