Fußball-Presseschau "Daum wirkt wie gutes Kokain"


Der Amtsantritt von Christoph Daum wird von der deutschen Presse weiter ausgeschlachtet. Die Journaille attestiert dem Messias "eine Art konstruktiven Größenwahn". stern.de und indirekter-freistoss.de blicken in die Gazetten.

Weiter viel Wirbel um Christoph Daum, doch Stefan Hermanns (Tagesspiegel) lenkt den Blick zunächst auf die sportliche Aufgabe: "Wo immer Daum angefangen hat, fand er Mannschaften vor, die besser waren als ihr Tabellenstand, und Spieler, die zu den stärksten ihrer Zeit gehörten: Klaus Allofs und Toni Schumacher in Köln, dazu die drei künftigen Weltmeister Bodo Illgner, Thomas Häßler und Uwe Bein; in Stuttgart Guido Buchwald, der gerade im WM-Finale Diego Maradona ausgeschaltet hatte, und Matthias Sammer; bei Bayer schließlich Ulf Kirsten, Jens Nowotny, Christian Wörns. In Köln aber: Broich, Cullmann, Scherz, viel Mittelmaß insgesamt. Für Daum ist das die Chance seines Lebens. Wer es mit diesem Kader schafft, hat endgültig bewiesen, dass er ein großer Trainer ist."

"Er hellt die Stimmung auf"

Stars in der Zweiten Liga - Daniel Theweleit (Berliner Zeitung) deutet Daums Selbstvergleich mit Juventus: "Inzwischen gehört es zu den rheinischen Tugenden, den 1. FC Köln ungeachtet aller tabellarischen Fakten in die Phalanx des großen Spitzenfußballs hineinzufantasieren. Daum mischte dem verzerrten Selbstbild einen neuen Farbton bei. Galten die Kölner in den 60er und 70er Jahren als "Real Madrid vom Rhein', sind sie nun 'Juventus Turin vom Dom'. (…) Er hat seinen Mangel an kritischer Selbstreflexion sogar kultiviert. Wie selbstverständlich nahm er zur Kenntnis, dass seine Antrittspressekonferenz bei einem Zweitligisten von drei Fernsehsendern live übertragen wurde. Wahrscheinlich ist die Tatsache, dass er über eine Art konstruktiven Größenwahn verfügt wie sonst nur Franz Beckenbauer, sogar eines seiner Erfolgsgeheimnisse." Hermanns ergänzt: "Daum - Entschuldigung für den Vergleich - wirkt wie gutes Kokain. Er hellt die Stimmung auf, führt zu Euphorie, zu einem Gefühl gesteigerter Leistungsfähigkeit und vermehrter Aktivität. Den Spielern des 1. FC Köln hat schon eine kleine Prise genügt, um zum ersten Mal seit zwei Monaten ein Ligaspiel zu gewinnen."

"Der Sport muss mit seinen eigenen Mitteln zurechtkommen"

Zwei Beiträge aus der SZ unterstützen die Forderung der Bundesanwaltschaft Robert Hoyzer und Co vom Vorwurf des Betrugs freizusprechen - und zwar mit formaljuristischen Argumenten. Hans Holzhaider legt nahe, dass der Bestand der Vermögensschädigung anderer und damit ein notwendiges Kriterium für einen Betrugsdelikt nicht gegeben sei: "Wessen Vermögen soll durch die Spielmanipulation geschädigt worden sein? Mit Sicherheit nicht das der Firma Oddset. Denn der Wettanbieter gewinnt immer, unabhängig davon, wie ein Spiel ausgeht, weil immer nur ein bestimmter Prozentsatz der Einsätze als Gewinn ausbezahlt wird. Es spricht im Gegenteil viel dafür, dass Oddset durch die Spielmanipulationen sogar finanziell besser gefahren ist. Zum Beispiel das berüchtigte Pokalspiel SC Paderborn gegen den HSV. Der HSV war hoher Favorit. Mit Sicherheit haben wesentlich mehr Wetter auf einen Hamburger Sieg gesetzt als umgekehrt. Hätte der HSV erwartungsgemäß gewonnen, hätte Oddset also weit mehr an Gewinnen auszahlen müssen als nach den zwei falsch gepfiffenen Elfmetern für Paderborn. Wer könnte noch geschädigt sein? Die Wetter, die auf einen HSV-Sieg gesetzt haben? Abgesehen davon, dass das ein unbekannter Personenkreis ist und der denkbare Schaden deshalb nicht zu beziffern wäre, eine höchst fragwürdige These: Es handelte sich ja um ein fiktives Vermögen, die bloße Chance eines Vermögenszuwachses. Alles in allem eine juristisch höchst knifflige Angelegenheit. Mit falsch pfeifenden Schiedsrichtern, diese Folgerung liegt nahe, muss der Sport eben doch mit seinen eigenen Mitteln zurechtkommen."

"Rehhagel die Gräten rausgezogen"

Heribert Prantl billigt die moralische Empörung über Hoyzer, wie sie etwa DFB-Präsident Theo Zwanziger äußert, zweifelt aber auch an der rechtlichen Belangbarkeit: "Falsch-Pfeiferei ist zwar eine Sauerei, weil sie gegen die Fußballregeln, die Standesregeln der Schiedsrichter und den Dienstvertrag mit dem DFB verstößt. Aber der Straftatbestand heißt nun einmal nicht 'Sauerei', sondern 'Betrug’.“ Matti Lieske (Berliner Zeitung) hingegen kann aus der Begründung des Staatsanwalts nicht schlau werden: "Der betroffene Wettanbieter Oddset sei, wenn wir das richtig verstanden haben, quasi selbst schuld, weil er nicht nachdrücklich genug deutlich gemacht habe, dass er Schummelei ganz und gar nicht billige."

Die Zeitungen würdigen den verstorbenen Max Merkel. Das Streiflicht (SZ) schätzt die Art, wie Merkel die Wahrheit bloßstellte und freilegte: "Seine Sprüche waren manchmal ziemlich gut. Warum? Weil das Showtalent Merkel sich die Freiheit nahm, einen Schritt weiterzugehen und die Show auf ihren lächerlichen Kern zu reduzieren. Dem Trainer Otto Rehhagel, der über Fußball redet, als ginge es um eine Theaterinszenierung (und über sich selbst, als ginge es um einen Literaturnobelpreisträger), hat er mit einem Satz die Gräten rausgezogen: 'Früher hatte er Mühe, Omelett von Hamlet zu unterscheiden.' Auch wenn vieles längst abgeschmackt und verbraucht wirkte, auch wenn er dauernd daneben lag mit seinen Prognosen - in lichten Momenten sah er, was die vielen Fußballjubeljournalisten im Fernsehen und auch in seinem Blatt nicht sehen. Das verzweifelte Bemühen, das hilflose Rackern hinter der auf Hochglanz gewienerten Hülle."


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