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GESPERRT! Kulttrainer: Das Prinzip Klopp

In Mainz wurde er zum Kulttrainer, im ZDF erklärte er Millionen den modernen Fußball. Die Fans von Borussia Dortmund lieben seine Leidenschaft, Frauen verehren seinen Charme. Wer ist dieser Jürgen Klopp? Und wie wird einer so?

Von Wigbert Löer

Der Trainer hieß Walter Baur, der Verein TuS Ergenzingen, tiefs­tes Württemberg. Baur entging nichts, und nach jedem Spiel schrieb er Einzelkritiken nieder. Einmal spielte seine A-Jugend gegen Reutlingen, und weil die Akten noch existieren, kann man nachlesen, wie die Partie für den Stürmer Jürgen Klopp lief. Note: sechs, daneben: "Ganzer Ausfall, kein Zweikampf gewonnen. Spurt Einstellungssache."

Als Jürgen Klopp von dem Sechser vor zweieinhalb Jahrzehnten hört, schiebt er den Oberkörper zurück und lacht. Er lacht viel an diesem Herbstnachmittag im kargen Raum des Trainingszentrums von Boruss ia Dortmund, er grinst auch sein Großer-Junge-Grinsen.

Der Charismatiker

Klopp eben, der frohsinnige Typ, schon bei der Begrüßung: Gut gelaunt winkelt er den rechten Arm ab, holt weit aus und lässt ihn zum Handschlag herabkrachen. Alte Bekannte grüßen sich so, es könnte schnell unangemessen wirken, übertrieben, sogar aufdringlich. Doch bei ihm schafft es Nähe. Man hat in dem Moment das Gefühl, dass man auf seiner Seite steht. Mit dem Lachen ist es ähnlich: Man lacht mit, fast automatisch, ohne es zu wollen. Und fragt sich hinterher: warum eigentlich?

Jürgen Klopp, 41, seit dem Sommer Trainer von Borussia Dortmund und dort bislang erstaunlich erfolgreich damit, dem gebeutelten Großverein wieder Leben einzuhauchen; vorher Trainer in Mainz und Fußballerklärer im ZDF, und, natürlich, Schwarm vieler Frauen. In der Politik würden sie ihn Charismatiker nennen. Barack Obama hat Charisma, ebenso Joschka Fischer, früher auch Willy Brandt. Wie diesen Menschen das gelingt, bleibt ein Rätsel, aber: Sie alle nehmen die Leute für sich ein, ziehen sie an, vermitteln ihrer Umgebung auf unerklärliche Weise ein angenehmes Gefühl. Im deutschen Fußball gibt es nicht allzu viel Charisma.

Schafft Klopp nach dem überschaubaren Mainz 05 auch einen brodelnden, hoch komplizierten Klub? Viele große Trainer hat Deutschland ja nicht, und so geht es nicht nur um die Borussia. Führt er Dortmund aus dem Mittelmaß, wäre er Spitzenkandidat für die höchsten Ämter: Klopp könnte der nächste Bundestrainer werden. Oder die Bayern übernehmen. Erklären das Lachen, der Frohsinn, die Anziehungskraft auf Menschen seinen Erfolg? Die Geschichte des Jürgen Klopp erzählt auch von gewaltigem Ehrgeiz, schweren Zeiten und strengem Regiment. Sie beginnt im Schwarzwald.

Behütete Kindheit

"Viele Freunde hatte er immer", sagt Elisabeth Klopp. Sie bittet ins Wohnzimmer des zweistöckigen Hauses in Glatten, in dem ihr Jürgen aufwuchs. Fünf Tage die Woche zog sie ihn und seine beiden älteren Schwestern allein groß, ihr Mann reiste als Vertreter für den Dübelerfinder Fischer durch Baden-Württemberg.

Es waren idyllische Jahre in dem 2000-Einwohner-Dorf mit Hügeln und viel Holz an den Fassaden. Elisabeth Klopp erinnert sich gern: "Probleme mit anderen hatte der Jürgen eigentlich nie." Im Sommer tobte ihr Sohn auf dem Fußballplatz herum. Im Winter hatte sie das Haus voller Kinder. Ein Tor stand dann im Wohnzimmer, Glattens Nachwuchs trainierte auf Socken. Später, als Jürgen 16 war und 28 Kilometer weiter in Ergenzingen spielte, in der höchsten Klasse für A-Junioren, kutschierte sie ihn und ein paar Mannschaftskameraden zum Training - und wartete, bis sie fertig waren. "Wenn es geschneit hatte", erzählt sie, "mussten die Jungs abends auf dem Rückweg manchmal schieben." Sonntagmorgens fuhren die Eltern Klopp zu den Spielen, auch zu den entferntesten Gegnern. Weit vor sechs klingelte dann der Wecker. Das habe ihnen nie etwas ausgemacht, sagt die Mutter.

An der Wand hängt ein gerahmtes Foto, ihr Mann, blond, große Nase, ein breites Lachen, das einem nicht unbekannt vorkommt. Norbert Klopp hatte Feintäschner gelernt, aber in seinem Herzen war er Sportler. "Oje, der Klopp isch da", hieß es in Glatten, wenn er von der Seitenlinie aus lautstark mitmischte.

Der ehrgeizige Vater

"Mein Glück war, dass ich das, was er wollte, auch wollte", sagt Jürgen Klopp. Natürlich war es der ehrgeizige Vater, der seinen Ehrgeiz anstachelte. Nach den Spielen, im Auto, sein Jürgen wurde in jener Saison Torschützenkönig, strich der nur die Leistungen der anderen heraus. Am Skihang bretterte der Vater dem Sohn regelmäßig auf und davon. Und wenn er ihn am Samstagmorgen aus dem Bett geschmissen hatte und die beiden auf dem Tennisplatz standen, endete das Match stets 6 : 0, 6 : 0 für den Senior. "Einmal habe ich ihn angeschrien: ‚Meinst du, mir macht das Spaß so?‘", erzählt Jürgen Klopp. "Da hat er zurückgeschrien: ‚Meinst du, mir macht das Spaß?‘"

Norbert Klopp verschenkte keinen Ball, keinen Punkt, kein Lob. Doch den Weg seines Jungen bis zum gestandenen Zweitliga-Spieler begleitete er trotzdem mit Hingabe. "Trainer war der Beruf, den er danach für mich im Sinn hatte", sagt Jürgen Klopp. Doch kurz bevor sein Sohn die Profimannschaft Mainz 05 übernahm, starb Norbert Klopp, 68 Jahre alt, an Krebs.

Jürgen Klopp kann darüber reden. Bisher ist er viel herumgerutscht, hat genickt, den Kopf dann wieder etwas schief gelegt, das Gesicht war in Dauerbewegung. Der ganze Körper arbeitete die Sätze heraus. Nun wird die Stimme leiser. Er sitzt jetzt ruhig auf seinem Stuhl.

"Spontan ist am leichtesten"

Die Krankheit wütete schon zwei Jahre, erzählt er, da habe sein Vater alle Kräfte mobilisiert: Er spielte noch einmal in seiner Tennismannschaft. Der Sohn ist beeindruckt, immer noch, "was für eine Willensleistung". Vor allem aber bedeutet ihm dieses letzte Tennismatch viel, weil der Vater sich noch einmal einen großen Wunsch erfüllt hat. Ein tröstlicher Gedanke.

Vom Vater, sagt seine Mutter, habe der Jürgen auch das mit dem Reden. "Der Norbert konnte einfach so loslegen." Klopp selbst sagt, spontan sei "am leichtesten". Ein bisschen kokett klingt das. Auswendig lernen kann jeder, spontan ist schwierig - ist das nicht so?

In seinen ersten Trainerjahren allerdings sprach Klopp spontan Sätze für die Mainzer Ewigkeit. Als der Verein 2003 zum zweiten Mal hintereinander am letzten Spieltag den Aufstieg in die Bundesliga verpasst hatte, sprach er tags drauf zu Tausenden Fans: "Sagt mir eine Stadt, eine Mannschaft, sagt mir Fans, die nach so einem Schmerz, den wir hatten, in der Lage wären, so eine Saison zu spielen wie die letzte, und nach so einem Schmerz, den wir gestern hatten, so eine nächste." In Mainz tragen sie das Zitat noch immer auf T-Shirts. Es gilt als Glaubensbekenntnis, weil es letztlich von Unverwundbarkeit kündet. Und ein Jahr später stieg die Mannschaft tatsächlich auf.

Emotionen gehören dazu

Selbst Gefühlsausbrüche hemmen ihn nicht. Am 23. Mai 2008 morgens ist er in Dortmund als neuer Trainer vorgestellt worden, nachmittags steht Klopp auf einer Bühne in der Mainzer Innenstadt. Fast 20.000 sind da, aus den Boxen tönt "Niemals geht man so ganz" von Trude Herr, Männer heulen. Dann drückt jemand dem scheidenden Trainer das Mikrofon in die Hand.

Jürgen Klopps Stimme stockt, Tränen rinnen ihm die Wangen runter. Mehrfach muss er ansetzen. "Alles, was ich bin, alles, was ich kann", sagt er, die Finger der Linken reiben durch die roten Augen, trommeln auf die Nase, er braucht 15 Sekunden, bis er weitersprechen kann, "habt ihr mich werden lassen."

Im Dortmunder Trainingszentrum hat sich das Gespräch vom Fußball entfernt. Was eigentlich zähle im Leben, hat man ihn gefragt, unvermittelt, und Klopp zählt auf: "Dass man die Orte, an denen man war, ein bisschen schöner gemacht hat. Dass man sich selbst nicht so wichtig genommen hat. Dass man vollen Einsatz gezeigt hat. Dass man geliebt hat und dass man geliebt wurde." Er schaut den Gast an. "Ja, das ist es eigentlich."

Klopps vielleicht größte Gabe ist, dass er auch bei solchen Sätzen echt wirkt. Seine Mannschaftskameraden aus der Jugend sagen, der Jürgen von damals sei der Jürgen von heute. In Mainz, wo sie ihn als Spieler und Trainer 18 Jahre um sich hatten, nennen sie ihn "absolut authentisch", in Dortmund auch schon. Klopp selbst sagt, er könne gar nicht schauspielern. Vor ein paar Jahren, erzählt er, trat er mal bei einem Werbespot der Bereitschaftspolizei auf. Die Aufnahme habe gedauert, dabei sollte er nur ein paar vorformulierte Sätze aufsagen. Einmal kurz nicht er selbst sein, das wollte ihm nicht gelingen.

Aber geht das überhaupt, immer nur ganz man selbst zu sein? Im Fall Klopp ist es nach vielen Gesprächen nicht möglich, das Gegenteil zu behaupten. Wenn er eine Rolle spielt, dann die des Jürgen Klopp. Im Moment ist das eine Starrolle, hoch bezahlter Trainer bei einem Traditionsverein, ein Arbeitsplatz vor 80.000 Zuschauern. Früher aber war es mal ziemlich anstrengend, Jürgen Klopp zu sein.

Als der junge Fußballer Klopp aus Württemberg nach Frankfurt kommt, gibt die Eintracht ihm, anders als erhofft, nur einen Amateurvertrag. Das reicht nicht, um vom Fußball zu leben. Er studiert Sportwissenschaften, wechselt mehrfach den Verein, kämpft um die Profikarriere - und wird Vater. Da ist er 21 und Sabine, eine Frankfurterin, ein paar Jahre älter. Bald nach der Geburt des Sohnes Marc arbeitet sie wieder bei einer Versicherung.

Harte Zeit

Der junge Vater besucht Vorlesungen, passt auf Marc auf, wenn Frau Reinke, die Tagesmutter, nicht kann, fährt abends zum Training. An manchen Tagen jobbt er in einem Filmverleih, wuchtet die Rollen auf Lastwagen, von sechs bis 16 Uhr geht die Schicht. Jürgen und Sabine Klopp führen nach ihrer Hochzeit kein beschauliches Familienleben. Sie müssen funktionieren. Doch beide sind auch lebensfrohe und kommunikative Typen, die so schnell nicht aufgeben. Erst mehr als ein Jahrzehnt später trennen sie sich, lassen sich scheiden.

Partys passen nicht in den Alltag, Skifreizeiten mit den anderen Sportstudenten auch nicht. Heute nennt er die Belastung der ersten Jahre in Frankfurt "hart", das Leben damals sei "intensiv" gewesen. Intensiv ist ein Wort, das Jürgen Klopp oft benutzt. Die Jahre in Mainz voller knapp verpasster Aufstiege waren "intensiv", auch die ersten Monate in Dortmund, als seine Mannschaft plötzlich auf Platz drei rückte, kurz darauf im Uefa-Pokal amateurhaft auftrat. Intensität ist für Jürgen Klopp etwas Positives.

Verbissen wirkt er in seinem Job bis heute nicht, vielleicht auch, weil er hin und wieder andeutet, dass Fußball zwar die wichtigste Sache der Welt, aber trotzdem nur ein Spiel ist - sogar in Dortmund, wo wohl zuerst die Borussia und dann erst die Stadt gegründet wurde. Fußball erlangt hier höchste Bedeutung, Spitzenpolitiker und Konzernlenker tummeln sich in den höchsten Vereinsgremien, die Fans sehnen sich zurück an Europas Spitze, vor elf Jahren gewann ihr Klub noch die Champions League. Danach versank man in den Schulden, 118 Millionen Euro fehlten, nur knapp entging man der Insolvenz, die Sanierung gelang. Geblieben sind die Ansprüche.

Kumpel und Vorgesetzter

Beim Heimspiel gegen Bayern München hat Klopp gestampft und geschrien, hat die typischen Klopp-Tänze aufgeführt. Anschließend wird er auf seine Innenverteidigung angesprochen, Mats Hummels und Neven Subotic, zwei 19-Jährige. Das Thema ist wichtig, die Abwehr Symbol des sportlichen Misserfolgs der vergangenen Dortmunder Saison. Natürlich sei ihm klar gewesen, dass der Jahrgang 1988 ein sensationeller sei, antwortet Klopp. "Mein Sohn ist da schließlich auch geboren." Die Journalisten lachen, selbst Jürgen Klinsmann neben ihm muss lächeln, blond auch und jungenhaft, aber so viel blasser, angespannter, zugeknöpfter.

Hat einer wie Klopp überhaupt Feinde? Man findet in Deutschland ein paar Spieler, die ihn angeblich nicht leiden können, der meistgenannte heißt Michael Thurk. Thurk, 32, Frankfurter Straßenfußballer, spielt inzwischen in Augsburg, Zweite Liga. "Ich kann seine Sprüche nicht mehr hören", hat er mal über Klopp gesagt.

Michael Thurk steht noch zu diesem Satz, "aber", sagt er, "da ist doch auch nichts dabei nach der langen gemeinsamen Zeit". Ende der 90er Jahre fuhren die beiden immer zusammen zum Training nach Mainz, oft in Klopps Dreier-BMW Kombi, "der Aschenbecher war immer voll", erinnert sich Thurk. Meistens habe Klopp gesprochen, "ein Monolog". Er selbst habe aufgepasst, wie man sich zu verhalten habe. Als Anführer habe der Jürgen auch mal die anderen zusammengefaltet, die schossen dann zurück, "volle Emotion", auch später, als Klopp plötzlich Trainer wurde. "Da ist der Jürgen derselbe geblieben, aber dazu schon unheimlich streng."

Das erzählen sie auch in Dortmund: dass er Kumpel ist und trotzdem Vorgesetzter. Im Trainingslager verbot Klopp Einzelzimmer, loste die Bettenbelegung aus. Als der Mannschaftsrat später mit der Bitte an ihn herantrat, ab und an mal vorstatt nachmittags zu trainieren, der Familien wegen, knallte es. Das war zu einem Zeitpunkt, als die Spieler sich noch trauten, solche Ereignisse zu erzählen. Inzwischen herrscht absolutes Ausplauderverbot - Klopp, der "kein Problem mit Harmonie" hat, ist auch ein Freund der Disziplin. Und so trifft man nun Dortmunder Profis, die einen bitten, das Gesagte bloß nicht zu schreiben, selbst wenn sie nicht genannt werden. Der Trainer, sagen sie, habe mit harten Konsequenzen gedroht.

Ansteckende Begeisterung

Jürgen Klopp ist angekommen in der großen Sportwelt und deren Märkten. Dafür hat er, so viel Anpassung musste dann doch sein, im Fernsehen auf Motto-T-Shirts verzichtet. Unternehmen buhlen um ihn, für einen Autohersteller fährt er dieser Tage sein Lächeln spazieren. Zuletzt erklärte er in Hannover einem Versicherungskonzern, wie man nach Niederlagen aufsteht. Klopp hat gestaunt, als er in die Messehalle kam - 2500 Vertreter, die ihm ergriffen lauschten. Staunen, das gelingt ihm immer noch in diesem großen Geschäft. Während der WM 2006 kam der große Pelé nach Berlin ins ZDF-Studio. Pelé ist Brasilianer, zum Abschied drückte er seine Gastgeber. Als die Legende gegangen war, stand Klopp da mit großen Augen. "Pelé", sagte er, "Pelé! Hat mich gerade umarmt. Wahnsinn."

Es ist diese Begeisterung, mit der der Fußballtrainer Jürgen Klopp andere ansteckt. Fußball hat ihn gepackt wie so viele, doch der Griff war fester. In seiner A-Jugend-Mannschaft spielte der Rechtsaußen längst nicht am besten. Aber er ließ in seinem Kopf der Idee Raum, vom Fußball zu leben. Und schaffte das als Einziger.

Sogar seine zweite Frau hat er infiziert. Ulla Sandrock, eher öffentlichkeitsscheu und ebenfalls Mutter eines älteren Jungen, hatte Pädagogik studiert und ein Internat in Kenia geleitet. Er lernte sie durch Mainzer Freunde kennen, "das sind solche Leute, die sich freuen, dass samstags nachmittags die Cafés so schön leer sind, und die nicht wissen, warum". Ulla Sandrock las keinen Sportteil, sie wusste nicht, dass der Blonde mit der Brille Cheftrainer des FSV Mainz war. Inzwischen hat sie zwei Kinderbücher geschrieben. In beiden geht es um Fußball.

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