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Freigeist des Fußballs: Günter Netzer wird 75: Die Würde des Langen ist unantastbar

Günter Netzer galt als erster Popstar des Fußballs. Seine viel größere Leistung gelang dem Freigeist aber erst im Anschluss an seine aktive Karriere. Eine Verneigung zum 75. Geburtstag.

Günter Netzer

Fußballer, Manager, TV-Experte: Günter Netzer feiert heute seinen 75. Geburtstag

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Ich kann die Geschichte nicht mehr hören. Wann immer der Name Günter Netzer fällt, kommt die Sprache auf das Pokalfinale von 1973. Gladbach gegen Köln im Düsseldorfer Rheinstadion. Netzer, in seinem letzten Spiel vor dem Wechsel zu Real Madrid, schmort auf der Bank – bis er sich beim Stand von 1:1 selbst einwechselt und Minuten später mit einem Traumtor das Spiel entscheidet.

Eine geile Aktion, keine Frage, aber auch so toterzählt wie nur wenige andere Anekdoten der deutschen Fußballgeschichte. Vor allem wird sie dem an Anekdoten nicht eben armen Leben des Günter Netzer, der heute seinen 75. Geburtstag im kleinen Familienkreis feiert, nicht gerecht.

Aura ohne Anflug von Arroganz

Ich bin zu spät geboren, um "den Langen", wie sie ihn nannten, noch live erlebt zu haben. Die Fußballhelden meiner Kindheit hießen Matthäus, Völler, Klinsmann, Brehme. Netzer ist mir zum ersten Mal Ende der 90er in seiner Rolle als Fernsehexperte begegnet – die er an der Seite von Wortspielführer Gerhard Delling mit einer Selbstironie ausfüllte, die derart dezent daherkam, dass sie mir als stumpfem Teenager beinahe verborgen geblieben wäre.

Trotzdem faszinierte mich der Typ auf den ersten Blick, weil er so gar nichts gemein hatte mit den anderen Fußballnasen außer Dienst. Es ging eine Aura von ihm aus, mit der er stets ein paar Zentimeter über den Dingen zu schweben schien – ähnlich wie bei Franz Beckenbauer, aber ohne dessen Anflug von Arroganz.

Vor seiner Zeit als ARD-Experte war Netzer über mehr als ein Jahrzehnt beinahe völlig verschwunden aus der deutschen Öffentlichkeit. Als er schließlich zurückkehrte, begegneten mir plötzlich all die kleinen und großen Geschichten seiner Karriere – nicht zuletzt, weil die älteren Männer am Tresen des Vereinsheims meines Fußballvereins sie sich jetzt wieder erzählten.

Ich hörte von Netzers großen Spielen für Gladbach, vom 7:1 gegen Inter Mailand und dem Büchsenwurf vom Bökelberg gegen Roberto Boninsegna; von der vielleicht besten deutschen Nationalmannschaft aller Zeiten, die mit Netzer als kreativem Kopf den EM-Titel 1972 holte; von besagtem Pokalfinale 1973 natürlich.

Günter Netzer: "Lover's Lane" und Frank Sinatra

Ich hörte aber auch die herrlichen Stories abseits des Platzes, zum Beispiel von Netzers Diskothek "Lover’s Lane" in Mönchengladbach – was für ein Name! Ganz abgesehen von der skurrilen Tatsache an sich, dass ein Fußballer einen mondänen Club in der niederrheinischen Provinz betrieb. Oder von Netzers heimlichem Ausflug nach Las Vegas, wo der Real-Star ein Konzert von Frank Sinatra besuchte.

Es ist nicht schwer, sich anhand dieser Schnurren seinen Status als ersten "Popstar" des Fußballs zu erschließen. Und doch macht auch diese unterhaltsame Biografie oder sein unumstrittenes Genie als Spieler das Idol Günter Netzer nicht alleine aus. Denn seine größte Leistung gelang ihm nach seiner aktiven Zeit.

Dazu würde es schon genügen, den Vergleich zu anderen großen Idolen seiner Zeit zu ziehen, denen es so schwer fiel, im späteren Leben Fuß zu fassen: an George Best oder an Gerd Müller zum Beispiel. Oder jenen, die zwar auch in anderen Funktionen große Karriere machten, sich dabei aber offenbar nicht immer so sauber verhielten, wie sie sich gaben, vergleiche Michel Platini.

Netzer schien dagegen immer eine gewisse persönliche Distanz zum Fußballbusiness (mit Betonung auf Business) zu wahren, und war damit auf allen Stationen erfolgreich: Als Manager prägte er von 1978 bis 1986 die erfolgreichste Zeit in der Geschichte des Hamburger SV; später war er als Medienunternehmer mit seiner Sportrechte-Agentur erfolgreich; und als Fernsehexperte gewann er den Grimme-Preis. Dabei machte er sich nie zur Marionette. Wenn er eine Entscheidung getroffen hatte, war er nicht umzustimmen, mochten es auch noch so viele versuchen wie zum Ende seiner HSV-Zeit. 

Netzer spielte immer nach seinen eigenen Regeln. Deshalb gelang ihm auch stets, was vielen Erfolgsmenschen so schwer fällt: aufzuhören, wenn es am schönsten ist. Eine Fähigkeit, die Netzer als Spieler, Manager und Fernsehgesicht gleichermaßen beherrschte. Er habe zu viele Menschen erlebt in zu vielen Genres, die man mit dem Lasso von der Bühne holen musste, hat er mal gesagt. Das hat er sich als abschreckendes Beispiel genommen. So wahrte er sich seine Unabhängigkeit und Würde, die er ohnehin wie wenige in der deutschen Fußballgeschichte verkörpert.

Und deswegen bleibt nach 75 Lebensjahren unterm Strich das Urteil, das Netzers langjähriger Nationalmannschaftskonkurrent Wolfgang Overath über seinen Weggefährten gefällt hat: "Egal, wie er sich gekleidet, welche Autos er gefahren oder was er alles erreicht hat: Er ist immer ein ganz feiner Mensch geblieben."

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