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HSV-Trainersuche: Von Osterhasen und Pfingstochsen

Es ist die gefühlt längste Trainersuche in der Geschichte der Bundesliga. Seit Ende November vergangenen Jahres rätseln Fans und Medien, wer Nachfolger von HSV-Trainer Huub Stevens wird. Statt für Klarheit zu sorgen, stiften die HSV-Bosse Verwirrung. Eines steht immerhin fest: Peter Neururer darf es nicht werden.

Von Kai Behrmann

Am Ende des TV-Fußballstammtisches mimte HSV-Vorstandschef Bernd Hoffmann den Verwirrten. "Jetzt habe ich vollkommen den Überblick verloren", bekannte der 45-Jährige am Sonntag, als die Kapelle im Studio die Schlussakkorde anstimmte. Dabei musste er über sich selbst schmunzeln. Tatsächlich war es Hoffmann, der zwei Stunden lang erfolgreich mehr Dunkel als Licht in die Frage brachte, wer ab kommender Saison Nachfolger von Trainer Huub Stevens beim HSV werden wird. Der Auftritt passte jedoch ins Bild. Die Trainersuche beim HSV - sie ist bereits jetzt ein episches Stück mit Seltenheitswert in der 44-jährigen Bundesligageschichte.

Warten auf den großen Knall

Seit Wochen gefallen sich Hoffmann und HSV-Sportchef Dietmar Beiersdorfer in der Rolle der Geheimniskrämer. "Es ist eben wie eine Kaugummi-Blase, die immer wieder rund wird - bis sie irgendwann platzt", beschreibt Beiersdorfer die Suche nach dem Mann, der bei den Hanseaten in der kommenden Saison auf der Bank sitzen soll.

Doch der Reihe nach. Erst wollten sie, konnten aber nicht. Zu gerne hätten die HSV-Bosse Ende vergangenen Jahres den Vertrag mit Erfolgscoach Stevens verlängert. Dieser hatte den Hamburger Traditionsverein Anfang 2007 als Abstiegskandidat übernommen und zurück in die Bundesligaspitze geführt. Doch der Niederländer erklärte Mitte November, dass er seiner kranken Frau zu Liebe in seine Heimat zurückkehrt und ab Sommer bei der PSV Eindhoven anheuert. Mittlerweile könnten die HSV-Bosse wahrscheinlich einen Nachfolger präsentieren, wollen es aber (anscheinend) noch nicht. "Wenn wir schneller entscheiden müssten, hätten wir das auch getan", gibt Beiersdorfer zu. Statt sich jedoch an öffentlichen Spekulationen zu beteiligen, stiften die HSV-Verantwortlichen mit ihrem Schweigen vor allem eins: Verwirrung.

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Hamburger Schweigmauer

Die Folge: Unkommentiert, aber auch undementiert von den Verantwortlichen, sprießen die Namen möglicher Kandidaten an der Elbe. Der Mainzer TV-Bundestrainer Jürgen Klopp? Oder doch lieber Stevens' Landsmann Fred Rutten? Mit Bruno Labbadia vielleicht gar ein Trainernovize aus der Zweiten Liga? Auch Basels Christian Gross, Dieter Hecking von Ligakonkurrent Hannover und Ex-Tottenham-Coach Martin Jol wurden schon gehandelt. Das mediale Trainer-Karussell ist prominent besetzt. Jetzt ist noch ein weiterer Kandidat aufgesprungen: Slaven Bilic. Der kroatische Nationalcoach saß am Wochenende beim 1:0-Sieg des HSV über Dortmund sogar schon auf der Tribüne.

Offiziell war Bilic in der Hamburger Arena, um seine Spieler Ivica Olic auf Seiten des Hamburger SV sowie die beiden BVB-Asse Mladen Petric und Robert Kovac zu beobachten. Ein Treffen mit Hoffmann und Kollegen wollte der ehemalige Karlsruher Bundesliga-Profi aber auch nicht ausschließen. "Nein, dass kann ich nicht", sagte der 39-Jährige geheimnisvoll. Es wäre wohl nicht der erste Meinungsaustausch. Bereits Anfang März war das HSV-Führungstrio Hoffmann, Beiersdorfer und Vorstandsmitglied Katja Kraus zu einem Kurzbesuch in die kroatische Hauptstadt Zagreb gereist. "Das stimmt", bestätigte Hoffmann. Ob Bilic allerdings der Grund gewesen sei, wollte er nicht natürlich verraten. Stattdessen streute Hoffmann wieder Verwirrung. In Kroatien gebe es auch eine Menge hochbegabter Fußballer, sagte er. Und schließlich sei Zagreb im Frühling auch immer eine Reise wert. Dass der Abstecher auf den Balkan allerdings touristische Gründe gehabt hat, darf ausgeschlossen werden.

Pfingstochse statt Osterhase?

Nicht mehr ausschließen wollte Hoffmann dagegen, dass der neue HSV-Trainer nun doch nicht wie im Dezember angekündigt "eher vom Osterhasen, als vom Weihnachtsmann" gebracht wird. Diese Aussage habe er damals nämlich getroffen, ohne vorher in seinen Terminkalender zu schauen. "Mittlerweile habe ich mich schlau gemacht und gemerkt, dass Ostern in diesem Jahr so früh wie seit 95 Jahren nicht mehr ist." Gut möglich also, dass sich Fans und Medien noch länger gedulden müssen. "Wir lassen uns alle Zeit der Welt. Ob es bis Pfingsten dauert, weiß ich nicht, will ich aber auch nicht ausschließen."

Die Neugier wächst

Beim HSV fühlt man sich nicht unter Druck gesetzt. Ein Schnellschuss soll unbedingt vermieden werden. Bei den vergangenen drei Trainerwechseln während seiner fünfjährigen Amtszeit hätte man immer sofort handeln müssen, sagte Hoffmann. Das sei jetzt nicht der Fall. "Wir haben Glück, dass wir einen langen Vorlauf haben bis zur neuen Saison." Klar ist aber auch: Mit jedem weiterem Tag, den die Entscheidung auf sich warten lässt, steigen die Erwartungen an den Stevens-Nachfolger. Frei nach dem Motto: Was lange währt, muss schließlich auch gut sein. Monatelang suchen und am Ende Peter Neururer aus dem Hut zaubern, das können sich die HSV-Bosse nicht erlauben.

Bestärkt werden Hoffmann und Kollegen in ihrer Ruhe allerdings durch die Tatsache, dass sich die Stevens-Elf bislang nicht hat verunsichern lassen durch die ungeklärte Frage, wer in der kommenden Saison ihr Chef sein wird. Aus dem DFB-Pokal und Uefa-Cup haben sich die Hamburger erhobenen Hauptes und mit viel Pech verabschiedet. In der Liga halten Rafael van der Vaart und Kollegen als Tabellenzweiter aber weiterhin stramm Kurs auf die Champions League. Dennoch wächst auch bei den HSV-Profis langsam die Neugier auf den neuen sportlichen Taktgeber. Zwar herrsche in der Mannschaft keine Unruhe, sagt Abwehrmann Guy Demel zu stern.de. "Aber man hat das Thema im Hinterkopf. Wir möchten schon gerne wissen, wer kommt."

Der neue Trainer soll perfekt passen. Dafür wurde intern ein detailliertes Anforderungsprofil erstellt. Scouts haben daraufhin die Kandidaten vor Ort auf die Kritierien abgeklopft: beim Training, in Pressekonferenzen und während der Spiele. Gerüchten zu Folge haben sich einige Kandidaten dabei nicht immer positiv präsentiert. Mainz-Trainer Klopp soll beispielsweise nicht nur zum Training, sondern auch zu Gesprächen mit den HSV-Bossen verspätet erschienen sein. Bei Fred Rutten bemängelten die Scouts angeblich dessen ungelenken Umgang mit den Medien. Und bei Bilic ist die Frage, ob ein Raucher mit Brilli im Ohr und Tattoos auf dem Körper auf die Bank des Hamburger Traditionsclubs passt?

"Die kenne ich alle nicht"

Um diesem Geheimnis auf die Spur zu kommen, griff Moderator Jörg Wontorra am Schluss seiner Sendung übrigens noch einmal tief in die Trickkiste. Rutten, Klopp, Labbadia oder Bilic? In "Wer-wird-Millionär-Manier" sollte das HSV-Trainergehemnis doch noch gelüftet werden. Aber trotz 50:50-Joker und geballter Medien-Kompetenz in der "Doppelpass"-Runde brachte der gut gemeinte Versuch keine Klarheit - im Gegenteil. Am Ende bestritt Bernd Hoffmann sogar, überhaupt jemals von den vier genannten Namen gehört zu haben. "Die kenne ich alle nicht." Um weiterer Verwirrung vorzubeugen, schloss zumindest Deutschlands erfolgreichster Vereinstrainer ungefragt ein Engagement beim HSV aus. Auf Udo Lattek war zuvor allerdings auch noch keiner gekommen.

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