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International: Der Titelkampf in Spanien

Real Madrid oder FC Barcelona? Diese Frage spaltet nicht nur in Spanien, auch deutsche Fans können leidenschaftlich über die verschiedenen Philosophien diskutieren. Beim kommenden spanischen Meister gibt es auch nur diese beiden Auswahlmöglichkeiten, wir vergleichen die Teams und wagen eine Prognose.

In der vergangenen Saison wurden die Fans in Spanien regelrecht verwöhnt. Gleich fünf Mal traf der spätere Meister und Champions League-Sieger FC Barcelona im Clásico auf den Erzrivalen Real Madrid. Letztlich sprach die Bilanz nach der 5:0-Demontage in der Liga, dem 2:0-Auswärtserfolg in der Champions League und den beiden Titeln für die Katalanen, auch wenn Real im Pokalfinale mit 1:0 gewann.

Allerdings lagen die beiden Rivalen nicht mehr so weit auseinander wie noch in den Jahren zuvor, zudem hatten beide über 20 Punkte Vorsprung auf die Verfolger in der Primera División. Damit ist die Favoritenrolle für die kommende Saison erneut klar verteilt, denn beide Clubs investierten nochmal jeweils 55 Millionen Euro in ihre Kader. Für die Konkurrenz wird es nur darum gehen, die beiden anderen Champions League-Plätze auszuspielen, vielleicht hat ja sogar ein Antrag auf eine weitere Trophäe für Rang drei Erfolg.

Für die Königlichen zählt dabei nur eines: Endlich wieder Meister werden, den verhassten Konkurrenten hinter sich lassen und möglichst auch in der Champions League ins Finale einziehen. Für das Ego von Trainer José Mourinho gilt das Gleiche.

Dessen ungeachtet steht der Saisonstart am kommenden Wochenende noch auf wackligen Beinen, die Spielergewerkschaft hat zum Streik aufgerufen, da immer noch über 40 Millionen Euro an Gehältern ausstehen und viele Vereine im Konkursverfahren stecken. Vor dem Rückspiel um den spanischen Supercup (Hinspiel 2:2) kümmern wir uns aber wieder um die sportlichen Dinge, vergleichen die Ausgangslage in Barcelona und Madrid und verraten, wer am Ende die Nase vorn haben wird.

Die Neuzugänge

Erst zu Beginn dieser Woche hat der FC Barcelona den seit Jahren angestrebten Königstransfer unter Dach und Fach gebracht. Denn mit Cesc Fàbregas kommt der verlorene Sohn zurück nach Katalonien - für 29 Millionen Euro Ablöse, die sich im Erfolgsfall noch erhöhen kann. Fàbregas wurde in Barcelona ausgebildet, entschied sich dann aber mit 15 Jahren für einen Wechsel zum FC Arsenal, da er dort schon früher an die Profiabteilung herangeführt werden konnte.

Tatsächlich debütierte er schon mit 16 für die Gunners in der Premier League, kommt mit der Erfahrung von über 300 Spielen und der frühen Kapitänsverantwortung für Arsenal zurück zur Blaugrana. Allerdings steht Trainer Pep Guardiola nun vor der schwierigen Aufgabe, Fàbregas auch in die Mannschaft zu integrieren. Denn die Erfahrungen aus der spanischen Nationalmannschaft zeigen, dass es schwer ist, Fàbregas zusammen mit Xavi und Andrés Iniesta in einem Team spielen zu lassen. Und auch Sergio Busquets und Javier Mascherano drängen auf die Rolle im defensiven Mittelfeld.

Mit Thiago Alcántara kommt sogar noch ein weiterer Kandidat hinzu. Der 20-Jährige kommt aus dem B-Team von Barca, spielte in Abwesenheit der Stars eine bemerkenswerte Vorbereitung und debütierte mittlerweile schon für Spanien unter Nationalcoach Vicente del Bosque.

Dafür verließen die Defensivspieler Martin Cáceres (FC Sevilla) und Gabriel Milito (Independiente) den Club, genauso wie die Offensiv-Talente Bojan (AS Rom) und Jeffrén (Sporting Portugal). Vor allem für Bojan war kein Platz mehr im Dreiersturm, denn der Chilene Alexis Sánchez (Udinese Calcio/26 Millionen Euro) war Guardiolas zweiter Wunschspieler. Noch fehlt Sánchez die Bindung zum Team, seine Spielweise in Italien lässt aber vermuten, wie gut er ins System der Katalanen passt.

Auch die Königlichen gaben bisher 55 Millionen Euro an Ablöse aus, holten dafür aber insgesamt fünf Spieler. Dazu gibt es immer noch den Wunsch, Neymar vom FC Santos zu verpflichten, bis Ende August ist eine Einigung noch möglich, auch wenn Real nicht gewillt scheint, jeden Mondpreis zu bezahlen - eine dankbare Entwicklung angesichts der grundsätzlichen Probleme im spanischen Fußall.

Sowohl für die Supercoppa als auch für den Saisonstart gegen Bilbao - so er denn stattfindet - kommen allerdings nur zwei Neuzugänge für einen Einsatz infrage. Hamit Altintop fehlt noch länger verletzt und auch beim Ex-Dortmunder Nuri Sahin lief die Vorbereitung alles andere als optimal. Mit diesem großen Rückstand wird sich der türkische Nationalspieler, der es in den spanischen Medien zunächst ohnehin nicht leicht hatte, ebenfalls noch länger gedulden müssen. Aber Mourinho hat Sahin ganz bewusst geholt und will so die spielerische Dominanz im Mittelfeld erhöhen.

Da sich auch Raphael Varene (Lens) im neuen Umfeld schwer tut, drängen vorerst nur José María Callejón (Espanyol) und Fábio Coentrao in die Startelf. Gerade Youngster Callejón harmonierte sehr gut mit Mesut Özil und könnte Angel di María verdrängen. Coentrao war mit 30 Millionen Euro der bisher teuerste Transfer, doch der Portugiese gilt sowohl links hinter Marcelo als auch im defensiven Mittelfeld hinter Sami Khedira als erste Ersatzlösung.

Fazit: Auf den ersten Blick hat sich Barcelona namhafter und damit besser verstärkt. Doch auch die Königlichen haben viel Qualität hinzu gewonnen. Letztlich werden aber nicht die Neuzugänge über den Titel in Spanien entscheiden.

Die Trainer

Die Sommerpause kam für Mourinho zum richtigen Zeitpunkt. Mit seinen Verschwörungstheorien gegen Barcelona und die FIFA tat er sich selbst keinen Gefallen und auch im Umfeld von Real gab es kritische Stimmen. Die wichtigen Leute standen aber weiter zum Portugiesen, denn in der Sommerpause ging mit Generaldirektor Sorge Valdano ein ungeliebter Kollege von Mourinho. Stattdessen wurde Zinedine Zidane als Sportdirektor verpflichtet, Mourinho selbst stieg zum Generaldirektor auf und so sind die Machtverhältnisse klar und zu Gunsten des Trainers geordnet.

Nachdem ihm zwischenzeitlich die Unterstützung aus dem Verein fehlte, will es Mourinho nun nochmal wissen. Bleibt der Erfolg aus, dürfte es aber auch die letzte Saison in Madrid sein. Sein Gegenpart Guardiola ist zwar insgesamt wesentlich ruhiger, die vergangene Saison hat aber gezeigt, wie ähnlich die beiden sich aber doch sind.

Guardiola kokettierte in den letzten Jahren immer wieder mit seinem Rücktritt, da der Job als Trainer von Barcelona so anstrengend sei. Motivationsproblemen tritt er aber entgegen, wenn es auch schon mal überzeugendere Zitate gab: "Natürlich ist das vierte Jahr nicht so wie das erste. Die Motivation bewegt sich auf einem anderen Level. Wir sind alle etwas gelassener als früher, aber meine Begeisterung ist nach wie vor groß", sagte Guardiola am Rande des Audi-Cups in München.

Fazit: Mourinho ist hoch motiviert und will die Dominanz von Barcelona endlich brechen. Dafür wird er wieder jeglichen Druck von seinem Team nehmen. Ob die angebliche Amtsmüdigkeit von Guardiola nur eine Masche ist, sei mal dahingestellt, aber nach den vielen Erfolgen drohen erste Abnutzungserscheinungen.

Die Systeme

Von der Grundordnung her lassen beide Trainer ähnlich spielen, wobei das jeweilige 4-3-3 unterschiedlich interpretiert wird. Barcelonas Spiel ist bekanntlich auf Dominanz, Ballstafetten und Kurzpassspiel ausgelegt, über ihr berühmtes Tiki-Taka will die Blaugrana zu Torchancen kommen. Das Besondere an Barca ist, das Spiel gegen jeden Gegner immer gleich angehen zu wollen.

Real macht das anders, was insbesondere in den fünf Clásicos der vergangenen Saison zu beobachten war. Spielen die Madrilenen gegen kleinere Gegner ähnlich Ballbesitz ergreifend, so hatte Reals Spiel gegen den Erzrivalen zeitweilig etwas von dem Kaninchen vor der Schlange. Die Königlichen hatten nur dann eine Chance, wenn sie selbst kreativ wurden, Özil kann ein Lied davon singen.

Das 2:2 im Hinspiel des Supercups hat gezeigt, dass Mourinho aus der vergangenen Saison gelernt hat. Ohne ein eigenes Maß an offensiver Power ist Barcelona nicht beizukommen. Der Real-Coach will auch in den vermeintlich unwichtigeren Partien - die letztlich den Ausschlag über den Titelgewinn geben werden - häufiger zum Torabschluss kommen. Wobei die individuellen Stärken von Cristiano Ronaldo, Özil oder Karim Benzema stärker im Vordergrund stehen als beim kollektiven Spiel der Katalanen.

Fazit: Mourinho wird trotz des Remis' die positiven Dinge sehen und hervorheben. Beide Teams sind noch enger aneinander gerückt.

Die Verfolger

Das Rennen um die Plätze hinter Barcelona und Real scheint offener denn je. Neben den üblichen Verdächtigen wie FC Valencia, Atletico Madrid, FC Sevilla oder Villarreal drängt mit dem FC Malaga ein weiterer neureicher Club mit Macht nach oben. Die Millionen von Scheich Hamad bin Chalifa Al Thani aus Katar machten die Schulden vergessen und in diesem Sommer wurde der Transfermark mit einem Basar verwechselt.

Für die Herren Ruud van Nistelrooy, Joris Mathijsen (beide HSV), Jeremy Toulalan (Olympique Lyon), Santi Cazorla (Villarreal), Nacho Monreal (CA Osasuna), Diego Buonanotte (River Plate), Joaquin (FC Valencia), Sergio Sanchez (FC Sevilla) und Isco Alarcon (FC Valencia) wurde fast 60 Millionen Euro ausgegeben. "Unser Budget hat kein Limit", sagte dann auch Präsident Abdullah Ghubn und legte gleich nach: "Die Leute werden vom Clásico bald gelangweilt sein."

Das Beispiel Manchester City hat aber gezeigt, wie schwer es ist, aus dem Nichts um Titel mitzuspielen. So wird es auch Malaga ergehen, für die Europa League könnte es aber reichen.

Prognose

Auch wenn das 2:2 im Hinspiel der Supercoppa eher für Barcelona spricht, ist Real in dieser Saison bereit, die Dominanz zu brechen. Mourinho schafft es, den spielerischen Rückstand zu verkleinern, ohne die defensive Grundordnung zu vernachlässigen. Barca wiederum könnte nach den ganzen Erfolgen Probleme mit der Motivation bekommen. Wir sagen deshalb: Real Madrid wird erstmals seit 2008 wieder spanischer Meister.

Marcus Krämer

sportal.de / sportal

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