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International: Fünf Fragen an das Manchester-Derby

Mit den Spielen gegen Wigan und Everton vor der Brust wurde in Manchester für die Meisterfeier geplant - bei United. Acht Punkte Vorsprung auf Man City schienen ein beruhigendes Polster. Doch der Schonwaschgang hat dieses kratzig werden lassen. Im Vorfeld der Manchester-Derbys stellen wir die wichtigen und entscheidenden Fragen.

Noch vor zwei Wochen galt das Manchester-Derby als ein Spiel unter vielen. United hatte den Vorsprung auf den Stadtrivalen ausgebaut, lag acht Punkte vor den Citizens. Das spektakuläre 4:4 im Heimspiel gegen den FC Everton und die 0:1-Niederlage bei Wigan Athletic haben nun dafür gesorgt, dass die Premier League ein Endspiel bekommt.

In der Bundesliga freuten sich die Fans über das Duell zwischen den Bayern und dem BVB, in Spanien avancierte der Clasico zum entscheidenden Spiel um die Meisterschaft. Und auch in Italien ist das Titelrennen spannend, allerdings müssen die Tifosi auf ein Match zwischen Juventus Turin und dem AC Milan verzichten.

Lange ist es her, dass Manchester City überhaupt eine Hand am Pokal hatte. Im Jahr 1937 feierten die Citizens ihren ersten von zwei Meistertiteln (1968) und genau in diesem Jahr stiegen die Red Devils in die zweite englische Liga ab. Dieses Schicksal bleibt United in diesem Jahr definitiv erspart, trotzdem bleiben vor dem Derby einige Fragen offen - fünf, um genau zu sein.

1) Wird Manchester City benachteiligt?

"Die Regeln sind nicht für alle Mannschaften gleich", erklärte City-Coach Roberto Mancini gegenüber soccernet. Klugerweise vermied es der Italiener, im Vorfeld des Spiels genauere Angaben über diese Aussage zu machen. Doch jedem Fan und Kenner des englischen Fußballs ist klar, dass Mancini sich auf die beiden Strafstöße bezieht, die Ashley Young für United in den Spielen gegen Aston Villa und die Queens Park Rangers rausholte.

"Ich bin glücklich darüber, dass die Spieler an den Titel glauben. Aber ich denke, es wird sehr schwierig. In den letzten Wochen habe ich einige Situationen beobachtet, die mich in meinem Glauben bestätigt haben." Auf Nachfrage, ob die Regeln für sein Team anders wären, als für Manchester United, führte Mancini seine Gedanken dann weiter aus.

"Das werde ich hier nicht bestätigen und will das hier auch nicht behaupten. Ich habe nur gesagt, dass sie manchmal unterschiedlich sind. Als ich in Italien war, dachte ich, dass es in England die besten Schiedsrichter gibt. Aber da muss ich meine Einschätzung wohl relativieren." Geht man alleine von der Anzahl der Strafstöße aus, führen beide Teams die Tabelle an. United bekam elf Strafstöße zugesprochen, City deren acht.

2) Wird Mario Balotelli auflaufen?

Mario Balotelli ist eine Art Ziehsohn von Mancini. Allerdings ist der Offensivspieler mehr pubertierender Junge als Vorzeigeprofi. Und deswegen hat Mancini ihn aussortiert. Nach der Gelb-Roten Karte gegen den FC Arsenal und dem zuvor nicht geahndeten brutalen Foul an Alex Song erklärte der Trainer auf soccernet: "Ich bin fertig mit ihm. Wir haben noch sechs Spiele und er wird nicht spielen."

Ähnliches hatte auch Carlos Tevez schon zu hören bekommen, darf mittlerweile jedoch seinem erlernten Beruf wieder nachgehen – mit Erfolg. Das Manchester-Derby ist größer als jedes Ego – das weiß auch Mancini, der sich mit einem Sieg und der Übernahme der Tabellenführung nahezu unsterblich machen würde. Beim letzten Aufeinandertreffen gewann City mit 6:1, Balotelli traf damals doppelt.

Seine Sperre hat er abgesessen, könnte theoretisch auflaufen. Nicht nur Verteidiger Joleon Lescott macht sich für eine Rückkehr stark. Auch der Trainer ist ins Grübeln gekommen. "Wenn er spielt, ist alles möglich", erklärte Mancini der Sun. "Es ist schwierig zu sagen, ob ich ihn berufen werde. Denn alle sind fit und ich werde mich am Sonntag entscheiden."

3) Hat City das bessere Team?

Wichtige Spieler gibt es auf beiden Seiten und das Duell um den Titel ist ein Kopf an Kopf-Rennen. Beide Teams verfügen über exzellente Spieler, bei einer Umfrage unter den Spielern in der Premier League schnitt der Tabellen-Zweite aber deutlich besser ab. Gleich vier Spieler der Citizens schafften den Sprung in die Elf der Saison, nur Wayne Rooney hielt die Fahne für United hoch.

Joe Hart, Vincent Kompany, Yaya Toure und David Silva wurden ob ihrer starken Leistungen gewählt und auch der ehemalige United-Akteur und Champions League Sieger von 1999, Nicky Butt, erklärte, dass die Citizens die wohl bessere Mannschaft hätten – zumindest das Mittelfeld hat es dem sechsfachen Meister angetan.

"Egal, welche Kombination man im Mittelfeld wählt, es ist Weltklasse", so Butt gegenüber menmedia.co.uk. "Es ist schon fast beängstigend, was für eine Auswahl dort besteht. Der Kader ist phänomenal besetzt und speziell das Mittelfeld ist eine Einheit." Mancini hat bei Spielern wie Yaya Toure, David Silva, Gareth Barry, James Milner, Nigel de Jong und Samir Nasri wirklich die Qual der Wahl.

"Ich habe schon viele große Spieler gesehen und mit ihnen zusammen gespielt. Bei United gab es Roy Keane und Paul Scholes als zentrale Mittelfeldakteure und diese beiden gehören sicherlich zu den besten Spielern überhaupt. Aber das City-Mittelfeld ist wirklich das Beste, das ich jemals gesehen habe", erklärte Butt weiter.

4) Wer hat den größeren Druck?

Manchester United ist als Team ein erfahrener Hase. Dass es nochmal spannend im Kampf um den Titel geworden ist, hat sicherlich nichts damit zu tun, das die Red Devils unter dem Druck, den der Stadtrivale aufgebaut hat, langsam zusammenbrechen. 19 Meisterschaften, elf Erfolge im FA Cup und der dreimalige Gewinn der Champions League stehen einer nahezu leeren Vitrine gegenüber.

Die Schwächen in der United-Defensive haben dazu geführt, dass Manchester City sich ernsthafte Hoffnungen auf den ersten Gewinn des Titels seit 1968 machen darf. "Wenn sie es schaffen, regelmäßig um den Titel zu spielen, dann wird das Manchester-Derby genau so wichtig wie das Derby gegen Liverpool", erklärte Ferguson dem Mirror. "City ist unser direkter Konkurrent und auf den bin ich fokussiert."

Trotzdem ist es gerade die Erfahrung, die United in die Waagschale werfen kann und die dem Druck entgegenwirkt. "Ich denke nicht, dass sie den Druck fühlen", bestätigt Roberto Mancini auf football.uk.reuters.com. "Sie sind es aus praktisch jedem Jahr gewöhnt. Für uns ist es anders, denn wir sind zum ersten Mal in dieser Situation."

5) Was sagt die Statistik?

Die Statistik spricht allerdings für Manchester City. Abgesehen von der guten Chancenverwertung im Spiel gegen den Rivalen beim 6:1 im Hinspiel, haben die Citizens aus den letzten 27 Heimspielen in der Liga von möglichen 81 Punkten stolze 77 Zähler eingefahren. Zudem hat es noch nie eine Mannschaft geschafft, nach einer Niederlage im Hinspiel mit fünf oder mehr Toren Unterschied noch zu gewinnen.

Sollte es zu einem Platzverweis kommen, die Chancen stehen gut, dass ein United-Akteur des Platzes verwiesen wird. Sechs Rote Karten gab es in den Manchester-Derbys, gleich fünf davon gingen an United. Die guten Nachrichten für City können noch weiter fortgeführt werden, denn Carlos Tevez ist nach dem Arsenal-Kurzarbeiter Thierry Henry der gefährlichste Stürmer dieser Saison.

Der Argentinier sorgt alle 55 Minuten für ein Tor oder einen Assist und wird auch gegen United wohl von Beginn an auflaufen. Zusammen mit Sturmpartner Sergio Agüero stand er 304 Minuten auf dem Rasen. Agüero kam auf sieben Tore, Tevez traf vierfach. In den letzten drei Spielen erzielten sie zusammen neun Tore.

Ist Manchester United also chancenlos? Nicht ganz, denn neben der Erfahrung gibt es immer noch Wayne Rooney und der Stürmer hat immerhin 13 Treffer in seinen letzten elf Spielen verbucht. Und trotz der 1:6-Niederlage im Hinspiel kann United auf eine gute Serie bauen. Denn nur eins der letzten vier Spiele verlor die Elf von Sir Alex Ferguson im Etihad Stadium.

Gunnar Beuth

sportal.de / sportal

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