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Irakische Fußball -Nationalmannschaft: "Fußball ist Völkerverständigung"

Seit letztem Mittwoch ist der ehemalige DDR-Auswahltrainer Bernd Stange mit seiner irakischen Nationalmannschaft in Deutschland im Trainingslager. Trotz der katastrophalen Situation im Land will er seinen Vertrag bis 2006 erfüllen.

Kein Fleckchen Rasen gibt es mehr in Bagdad, in der instabilen Situation nach dem Krieg ist in der irakischen Hauptstadt an Fußball nicht zu denken. Doch Bernd Stange und die Nationalmannschaft des Irak träumen von Olympia und von der Weltmeisterschaft. "Natürlich ist das jetzt fast unmöglich geworden, doch wir glauben weiterhin daran", sagte Stange. Seit Mittwochabend sind er und sein Team in Deutschland angekommen. Mehr als zwei Wochen wollen sie in Bad Wörishofen trainieren.

"Wir sind froh, hier zu sein"

Die Einladung zu diesem Trainingslager kam vom Deutschen Fußball-Bund (DFB). "Deutschland hat uns als erstes Land die Hand gereicht. Wir sind froh, hier zu sein", meinte Stange. Die meisten Spieler seiner Mannschaft seien zum ersten Mal in Europa, berichtete der ehemalige DDR-Auswahltrainer. Am Sonntag waren sie von Bagdad aus in einer 14-stündigen Busfahrt in die jordanische Hauptstadt Amman gereist, wo sie gegen Jordanien ein Freundschaftsspiel absolvierten. Am Mittwoch wurden sie schließlich mit einer Schweizer Maschine nach München geflogen.

"Für einige Wochen alles hinter uns lassen

Die Stimmung im Team war während des Fluges und anschließend auf dem Münchner Flughafen locker und entspannt. "Wir wollen alles für einige Wochen hinter uns lassen und Fußball spielen", erklärte Stange. Die Spieler freuten sich sichtlich über den Medienrummel - mehrere Kamerateams und zahlreiche Fotografen verfolgten die Ankunft der irakischen Kicker - und über die Begrüßung durch die Stadt Bad Wörishofen und durch den Bayerischen Fußball-Verband.

Udai war Chef des Fußball-Verbandes

Im November übernahm Stange das Training der irakischen Nationalmannschaft. Dieses Engagement war heftig umstritten. Es gebe keine Anzeichen, "dass ich im Irak auf irgendeine politische Schiene geschoben werden soll", verteidigte Stange im Dezember 2002 seinen Arbeitsplatz im Irak. Nach dem Krieg betonte der 54-Jährige mehrmals, dass er zu Saddam Husseins Sohn Udai, dem Chef des nationalen Fußball-Verbandes, nie Kontakt gehabt habe.

Fußball ist Völkerverständigung

Auf den langen Weg zurück in die Normalität nach dem Krieg hofft Stange auf den Friedensstifter Sport: "Fußball ist der beste Weg zur Völkerverständigung", sagte er. Auch wenn er die Chancen seines Teams auf die Qualifikation für Olympia 2004 oder gar die WM 2006 als sehr gering einstuft, vermittelt er seinen Spielern Optimismus: "Vielleicht gibt es ja 2006 hier in Deutschland ein Wiedersehen."

Stadion als Stellplatz des US-Militärs

Stange schilderte drastisch die momentane Situation im Irak: "Wir kommen aus der Hölle von Bagdad." Nach dem Krieg habe sich die Lage alles andere als entspannt, "alles hat sich noch einmal zugespitzt". Trotz der widrigen Umstände habe er es geschafft, einen Großteil der Mannschaft wieder zusammenzuführen, um nach Bad Wörishofen zu fahren. In Bagdad gebe es keine Trainingsmöglichkeit mehr, das Stadion werde inzwischen als Stellplatz des US-Militärs genutzt. Auch die Ausrüstung der Nationalmannschaft sei in den Kriegswirren verschwunden.

"Tief betroffen" über die Entwicklung im Nachkriegsirak

" Natürlich mache ich mir große Sorgen. Aber wir werden die nächste Zeit erst einmal nicht in Bagdad sein, das ist doch etwas beruhigend», sagte Stange am Rande des Trainingslagers. Er und seine Spieler seien angesichts der Nachkriegsentwicklung im Irak sehr besorgt. "Wir sind tief betroffen", kommentierte Stange die Reihe von Anschlägen im Land.

Stange will Irak-Trainer bleiben

Das alles bringt Bernd Stange nicht aus seinem Konzept. An Fahnenflucht denkt der ostdeutsche Querdenker nicht. "Ich werde meinen Vertrag erfüllen", betonte der bis 1988 als DDR-Auswahltrainer tätige Fußball-Lehrer. Seine Engagement in dem geschundenen Land sieht er vor allem als fussballerische Entwicklungshilfe, und nicht als politisches Statement. "Ich mache meine Arbeit unabhängig von diesen Dingen.". Darin bleibt Stange stur.

"Es werden gute Ergebnisse erwartet"

Inzwischen ist Stange auch anerkannt bei den irakischen Spielern. "Captain Stange" rufen sie ihren Trainer, der sehr wohl weiß, dass er auch in einer so schwierigen Situation wie nach einem Krieg zu allererst an seinen sportlichen Erfolgen gemessen wird: "Ich mache meinen Job und es werden gute Ergebnisse erwartet." Als nächstes stehen die Asien- Spiele auf dem Programm. Danach geht es zu Trainingslagern nach Australien und Bahrein. Bagdad soll - so gut es geht - gemieden werden.

DPA

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