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Kommentar

Endgültiger DFB-Kader nominiert: Löw streicht Sané - was dahinter steckt und warum die Entscheidung falsch ist

Es ist eine faustdicke Überraschung: Joachim Löw lässt den hochtalentierten Leroy Sané zu Hause. Aber warum nur? Sportliche Gründe können kaum der Grund sein.

IM DFB-Dress läuft Leroy Sané über den Trainingsplatz und sieht dabei unzufrieden aus

Bundestrainer Joachim Löw hat den endgültigen Kader für die WM in Russland bekannt gegeben - und es ist eine gewaltige Überraschung dabei: Zu den Gestrichenen gehört neben den erwarteten Jonathan Tah, Bernd Leno und Nils Petersen auch Leroy Sané. Das ist, gelinde gesagt, ein Hammer und von außen betrachtet schwer verständlich.

Der 22-jährige Sané hat in der abgelaufenen Saison seinen großen Durchbruch in England geschafft. Mit Manchester City wurde er Meister und zum besten Nachwuchsspieler gewählt. Er erzielte wettbewerbsübergreifend 14 Tore bei 19 Assists in 49 Spielen. Das ist absoluter Bestwert aller deutschen Spieler. Der frühere Schalker ist unbestritten nicht nur ein Riesentalent, sonder verfügt mittlerweile über eine gewisse Erfahrung. ManCity und sein Trainer Pep Guardiola zahlten vor zwei Jahren 50 Millionen Euro, um den Hochbegabten auf die Insel zu lotsen.

Sportliche Gründe dürften kaum den Ausschlag gegeben haben

Und jetzt das. Sané darf aus Südtirol abreisen, während Julian Brandt das Ticket nach Russland gelöst hat. Die Entscheidung sei knapp gewesen, sagte Löw auf der Pressekonferenz in Eppan. Später begründete er sie etwas ausführlicher. Brandt habe einen sehr guten Confed Cup gespielt und sich in der Nationalelf sehr gut entwickelt. Das mag sein, aber Sané hat sich ebenfalls entwickelt. Und zwar beim aktuellen englischen Meister. Sportliche Gründe kann es für die harte Entscheidung kaum geben. Brandt ist definitiv nicht der bessere Fußballer. Sané ist wie Brandt ein exzellenter Offensiv-Allrounder, der mit seinen Tempo-Dribblings jede Abwehr sprengen kann. Seine Technik und sein Tempo sind atemberaubend.

Sind charakterliche Eigenschaften entscheidend gewesen?  Angeblich hätten Sanés Auftreten und Verhalten in der Mannschaft und auf dem Platz keinen Ausschlag gegeben. Aber ist das die ganze Wahrheit? Möglicherweise findet sich ein Hinweis bei der Suche nach den Gründen in Toni Kroos harschen Worten nach dem Testspiel gegen Brasilien Ende März, das die Nationalelf 0:1 verlor. Kroos hatte nach dem Schlusspfiff im Berliner Olympiastadion die neuen Kollegen hart kritisiert. Die hätten ihre Chancen nicht genutzt, wetterte Kroos ganz offen. Die Deutlichkeit der Kritik ließ aufhorchen. Der Weltmeister und vierfache Champions-League-Sieger schimpfte nicht nur über spielerische und taktische Defizite, sondern störte sich offenbar am forschen Auftreten der jungen Garde, dem auf dem Rasen keine Leistung folgte. 

Joachim Löw braucht in der zweiten Reihe disziplinierte Typen

Löw ist bekannt dafür, dass er Überheblichkeit oder sogar Arroganz bei seinen Spielern nicht mag. Das Team und der gemeinsame Erfolg stehen über allem. Löw braucht disziplinierte Teamplayer, die sich unterzuordnen wissen. Möglicherweise traut Löw Sané hier nicht so viel zu wie dem Leverkusener Brandt. Schließlich wird der mit großer Wahrscheinlichkeit die meiste Zeit auf der Bank Platz nehmen müssen. Da kann Löw keinen Spieler brauchen, der vielleicht aufmuckt.


Es ist das gute Recht des Bundestrainers, seinen Gestaltungsspielraum zu nutzen. Es kommt nicht nur auf die besten Individualisten an, sondern auch auf die Mischung. Das ist klar. Dennoch hätte Sané eine Nominierung verdient gehabt. Es muss die Frage erlaubt sein, warum ein so großartiger Spieler, dem in seinen jungen Jahren Fehler erlaubt sein sollten, in der Nationalelf unter Löw offenbar nicht so gut funktioniert wie bei Manchester City unter Pep Guardiola.

IM DFB-Dress läuft Leroy Sané über den Trainingsplatz und sieht dabei unzufrieden aus

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