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Kampf um die Meisterschaft: Alles Olé beim VehfB

Nervosität? Nein. Vor dem entscheidenden Spiel gegen Energie Cottbus gibt man sich beim VfB Stuttgart nicht nur gelassen - man ist es auch. Aus dem Geheim- wurde doch ein Zuschautraining. Erfolgstrainer Veh sprach über Druck und darüber, was er im Falle eines Scheiterns tun würde.

Von Jörg Isert, Stuttgart

Grau ist er an diesem Mittag, der Himmel über Bad Cannstatt. Es nieselt. Auf dem dunkelgrauen Asphalt liegt eine durchnässte Autogrammkarte von Karel Gott. Der nahe Mercedes-Stern scheint sich noch langsamer zu drehen als sonst: Das Chrysler-Debakel ist dort noch lange nicht verdaut. Grau in Grau: Sieht es so bei Siegern aus?

Ja, denn wenigstens der Name Gottlieb Daimler sorgt für positive Schlagzeilen in Stuttgart. Im Gottlieb-Daimler-Stadion treten am Samstag die Fußballprofis des VfB Stuttgart zum letzten Spiel der Saison an, gegen Energie Cottbus. "So sehen Sieger aus", singen die Stuttgarter Fans schon seit Wochen - und wenn nicht alle Stricke reißen, dürfte der VfB bald tatsächlich Deutscher Meister sein.

"Vom Himmel fällt so etwas nicht, wir haben uns stetig gesteigert", sagt der VfB-Trainer. Der Weg der Profi-Mannschaft in den vergangenen eineinhalb Jahren kommt einem Aufstieg in den siebten Fußball-Himmel gleich. Von der Mittelklasse-Mannschaft unter Giovanni Trappatoni zum Top Team unter einem Mann der leisten Töne. Selbst zwei Tage vor dem Saisonfinale tut der 46-jährige Armin Veh den Teufel, den Titel schon für eine sichere Sache zu erklären. Stattdessen reagiert der Trainer sogar einen Tick gereizt, als ein wohlmeinender Journalist die Stuttgarter schon vorab zum Deutschen Meister - und Pokalsieger - erklärt. "Das war keine Frage, das war ein Wunsch", meint Herr "VehfB" zu dem Pressemann. "Sie müssten sagen: Es könnte sein, dass der VfB Meister wird." Alles andere solle man nicht laut aussprechen, so Veh, denn: "Da bin ich sehr abergläubisch."

Veh und Heldt halten den Ball flach

Ansonsten sind Veh und Manager Horst Heldt vor dem Spiel gegen Energie Cottbus die Ruhe selbst. Heldt: "Die Mannschaft hat diese Woche super gearbeitet, sie waren sehr konzentriert." Business as usual also. Die ganze Saison über haben die Architekten des VfB-Erfolgs und ihre Spieler den Fußball flach gehalten. Vorzeitige Prognosen wurden vermieden, um das junge Team nicht unter Erfolgsdruck zu setzen. Wobei Armin Veh einschränkend meint: "Das erste Spiel der Saison gegen Nürnberg haben wir verloren. Glauben Sie nur nicht, dass wir da keinen Druck hatten. Auch gegen Bayern hatten wir Druck. Und vergangene Woche gegen Bochum hatten wir Druck. Druck haben wir immer."

Der gebürtige Augsburger Veh hat - schwäbisch gesagt - vor sich "hingeschafft". In aller Ruhe - einer authentische Ruhe. "Es ist wichtig im Leben, dass man eine gewisse Bescheidenheit hat. Wenn ich keinen guten Job mache, bin ich allerdings nicht so ruhig. Früher war ich da emotionaler. Mein Weg war relativ dornig", so Veh, der seinen unglücklichen Abgang als Trainer von Hansa Rostock noch in Erinnerung hat.

In diesen Tagen ist Veh so entspannt, dass er sogar das angekündigte "Geheimtraining" zum Zuschau-Training gemacht hat. "Geheimtraining geht gerade nicht bei uns. Wir dachten, auch weil Vatertag ist, lassen wir die Fans rein. So viele, wie wir dachten, waren es aber gar nicht." Der Enthusiasmus der Fans ist etwas, was Veh an Schalke bewundert. Da könne in Stuttgart noch mehr kommen. Die Menschen in Stuttgart seien halt etwas ruhiger. "Das ist aber auch positiv für uns gewesen. Wobei man als Trainer schon darauf hinarbeitet, dass die Spiele immer ausverkauft sind."

Die Aufstellung am Samstag wisse er noch nicht definitiv - "schaun mer mal" -, auch Tagträumen gibt sich zurückhaltende Trainer nicht hin. Sagt er. Denn zumindest eines gibt er schon zu, nachdem seine Mannschaft zur neuen Nummer Eins der Bundesliga-Tabelle geworden ist: "Für mich ist es schon ein bisschen anders. Ich habe auch die Spieler gefragt und die meisten sagen, es sei nicht anders. Aber es ist eben doch ein bisschen anders diese Woche."

Ein mexikanischer Fernsehreporter will wissen, wie wichtig die Spieler Ricardo Osorio und Pável Pardo für die Mannschaft sind. Veh scherzt: "Wir werden sie nächstes Jahr beide verkaufen. Nein, wir sind sehr glücklich, dass sie bei uns sind. Es sind tolle Profis und Menschen." Für einen anderen Menschen empfindet Veh Respekt: Schalke-Trainer Mirko Slomka. "Er hat hervorragende Arbeit geleistet, egal ob Schalke Meister wird oder nicht." Falls es nicht klappen sollte mit der Meisterschaft für den VfB, baut Veh vorsorglich vor, "Ich würde auch Schalke gratulieren. Wer am letzten Spieltag oben steht, hat es auch verdient." Im Gottlieb-Daimler-Stadion wird man am Samstag darauf hinarbeiten, dass der VfB verdient Meister wird.

Kürzlich hat der VfB-Sponsor EnBW eine Umfrage bei den Fans durchgeführt: Was würden Sie von einem Stadion namens EnBW-Arena halten? Daimler-Chrysler ließ schon einmal vorsorglich mitteilen, dass die Namensrechte des Gottlieb-Daimler-Stadions für immer vergeben sind. Wenn der VfB am Samstag Meister wird, könnte die Diskussion noch einmal aufflammen. Mit Fußballprofis, die nicht nur wie Sieger aussehen, sondern es auch sind, schmückt sich nun einmal jeder Konzern gern.

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