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Kevin Kuranyi: Beraten und verkauft

Seit Tagen schlägt der "Fall Kuranyi" hohe Wellen. Bundestrainer Joachim Löw und DFB-Manager Oliver Bierhoff mussten sich nach dem "Rauswurf" des Stürmers den Vorwurf gefallen lassen, Schalker Spieler bei Nominierungen bewusst zu benachteiligen.

Von Oliver Trust

Fakt ist: Im Hintergrund tobt ein erbitterter Streit der beiden Kuranyi-Berater Karl-Heinz Förster und Roger Wittmann, dem Chef der "Rogon AG". Im Kölner Boulevardblatt "Express" lieferte man sich heftige Wortgefechte. Der ehemalige Rogon-Mitarbeiter Förster, der Rogon vor eineinhalb Jahren verließ, warf Wittmann Geheimnisverrat vor. Wittmann konterte mit dem Hinweis Förster habe von Spielerberatung keine Ahnung. Förster, der Kuranyi seit der B-Jugend begleitet, verlangt nun von Kuranyi eine Entscheidung. "Kevin braucht eine Imagekorrektur, dingend", sagt Förster.

Oliver Bierhoff und Joachim Löw weisen alle Vorwürfe zurück. Eine Nominierung hänge nicht davon ab, welches Trikot einer Trage oder welche Haarfarbe sein Berater habe. Zudem wolle man keinen bis in alle Ewigkeit verdammen hieß es aus DFB-Kreisen. Die "Rogon AG" kann auf den größten Klienten-Stamm in Deutschland verweisen, was man seit jeher als Vertrauensbeweis wertet.

"Ich habe mich um Kevin gekümmert - und sonst um nichts"

In der Nacht der Flucht war es in der Villa von Kuranyi in Moers unter dem Beisein von Schalkes Manager Andreas Müller zu einem offenen Streit zwischen Förster und Wittmann gekommen, der später ausuferte. "Ich stehe für seriöse Arbeit", erklärte Förster am Montag dem "Express", "mit diesem Mann will ich mich nicht mehr zeigen. Mit den Geschäften, die Herr Wittmann führt, möchte ich nicht mein Geld verdienen." Man habe die Entschuldigung von Kuranyi an Löw am Telefon erst einen Tag später während Pressekonferenz bekannt geben wollen. Aber Wittmann habe das bereits vorher in der Presse lanciert. Förster spricht von einem "Vertrauensbruch".

Wittmann, so das Blatt, konterte: "Ich bin nicht bereit, mit Förster einer Meinung zu sein. Er hat etwas vorgeschlagen, ich war dagegen. Für mich ist nur Kevin wichtig, deshalb habe ich den Jungen auch am Tag der PK vor Ort unterstützt, während Förster daheim auf dem Sofa saß. Förster hat von dem Geschäft keine Ahnung!" Wittmann legt größten Wert darauf, nichts in der Presse lanciert zu haben: "Ich habe mich um Kevin gekümmert - und sonst um nichts." Schalkes Manager Müller sagte schließlich, für ihn sei eindeutig Wittmann Kuranyis Berater. Auf Schalke spielen neben Kuranyi, Ernst und Jones auch die Rogon-Kunden Rafinha, Bordon, Ze Roberto und Halil Altintop.

Kuranyis Kritik an der Schalker Einkaufspolitik

Vor der WM 2006 in Deutschland sortierten der damalige Bundestrainer Jürgen Klinsmann und sein Assistent Löw nicht nur Kuranyi, sondern auch dessen "Rogon-Stallgefährten" Fabian Ernst aus. Aber schon Tage zuvor hatte man für bundesweite Aufmerksamkeit gesorgt. Kuranyi sollte für Microsoft Tochter "msn" ein WM-Tagebuch schreiben. "Der reichste Mann der Welt kauft sich Kevin Kuranyi" verkündete "Bild" stolz. Beim Deutschen Fußball Bund (DFB) standen derweil Sponsoren wie die Deutsche Telekom, direkter Mitbewerber von Microsoft, Schlange und beklagten sich. Zudem war der Vertrag schon Oliver Kahn und Lukas Podolski angeboten worden, wobei dort schnell klar wurde, Tagebücher, die Interna nach außen transportieren, würden weder von DFB noch von Klinsmann geduldet. Nun steht die Vermutung im Raume, man habe sich des Restrisikos entledigen wollen und deshalb Kuranyi und Ernst gestrichen - wofür es aber auch genug sportliche Gründe gab. Vor der EM 2008 fiel mit dem Schalker Jermaine Jones ein weiterer Rogon-Jünger durchs Raster, der Bremer Tim Wiese (auch bei Rogon) verlor das "Rennen" um die Nummer eins gegen Rene Adler. Seit der WM 2006 nun gerät Kuranyi scheinbar immer mehr in Schieflage. Branchenkenner waren zudem überrascht, wie offensiv man Kuranyi in den Monaten danach als Schalker Führungsfigur zu platzieren versuchte. In großen Storys, vor allem in "Sport-Bild" und "Bild", trat der sonst stille und sensible Deutsch-Brasilianer als Meinungsmacher auf. Kuranyi hielt dem Druck nur schwer stand. Auf dem Rasen lief es durchwachsen und vom Schalker Anhang gab es böse Pfiffe, die Kuranyi mehr und mehr zermürbten. Was beim "Knappen"-Anhang außerdem nicht gut ankam, waren Angebote im zweistelligen Millionenbereich aus der Türkei, die stets mit dem Hinweis verbunden waren, Kuranyi verzichte auf eine Menge Geld, weil er bei Schalke bleibe. "Die Türken ködern Kuranyi mit 40 Mio", titelte "Bild". Kurz zuvor hatte Kuranyi die Schalker Einkaufspolitik kritisiert. Hatte man die Chance zum Absprung oder zur eigenen Gehaltsaufbesserung nutzen wollen?

Die Frage nach dem Beratermandat

Als Kuranyi nun zur Halbzeit der WM-Qualifikationspartie gegen Russland in Dortmund als Nummer 19 des Kaders nur auf der Tribüne saß, hieß sein Sitz-Nachbar Jermaine Jones. In den Tagen nach Kuranyis Flucht entstanden deshalb allerlei Verschwörungstheorien. Ernst sei mit 20 Länderspielen aus Bremen nach Gelsenkirchen gekommen und habe bis zu seiner Streichung 2006 als Schalker nur noch vier Einsätze bekommen, klagte wieder "Bild" und zitierte Schalkes Manager Andreas Müller, der meinte, als Bayern Spieler sei es sicher leichter, ins Nationalteam berufen zu werden.

Karl-Heinz Förster traf die Erkenntnis, sich von Wittmann und Co trennen zu müssen, spät. Den sensiblen Kevin Kuranyi aus zwei Lagern zu "beraten" war wohl von Anfang an keine gute Idee ahnt der ehemalige Nationalverteidiger inzwischen. Es passte nicht mehr viel zusammen als die "Rogon AG" und Förster sich vor eineinhalb Jahren trennten. Försters guter Name hatte bei Rogon auch als "Aushängeschild" getaugt. Insgesamt betreut Rogon rund 300 Spieler aus allen Klassen. "Jetzt hat das ganze keinen Zweck mehr. Ich warte jetzt darauf, dass sich Kevin entscheidet von wem er sich beraten lässt", sagte Förster, der inzwischen bei der Firma "IMG" unter Vertrag steht.

"Die Frage des Beratermandates könnte eine elementare Karriereentscheidung für den Schalker Angreifer sein", mutmaßt die "SZ". "Vielleicht muss Kuranyi ja gar nicht den Verein wechseln, um doch mal in Gnaden aufgenommen zu werden beim DFB." Ob er das wirklich für nötig hält, muss nun Kuranyi entscheiden.

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