HOME

Länderspiel gegen Argentinien: Jogi Löw traut sich was

Am Mittwoch im wichtigen Test gegen Argentinien steht für Bundestrainer Joachim Löw viel auf dem Spiel. Ein positives Ergebnis würde die WM-Vorbereitung in ruhigen Bahnen verlaufen lassen. Aber schon vor dem Match droht neuer Zündstoff.

Von Klaus Bellstedt, München

Bundestrainer Joachim Löw hat sich in den letzten Wochen rar gemacht. Nach dem unsäglichen Hickhack um seine Vertragsverlängerung hatte es Löw die Sprache verschlagen. Er war verärgert, das hatte er noch verlauten lassen. Danach tauchte er unter. Man durfte also gespannt sein, wie sich der Bundestrainer zum ersten Mal nach den geplatzten Verhandlungen der Öffentlichkeit präsentieren würde. Am Tag vor dem wichtigsten Testspiel der deutschen Nationalmannschaft vor Beginn der WM am Mittwoch in München gegen Argentinien (ab 20.45 Uhr im stern.de-Liveticker) war es soweit: Der DFB lud in die Mercedes-Benz-Niederlassung nach München - und schickte den Bundestrainer vor die Presse.

Griesgrämig? Übel gelaunt? Reserviert? Mitnichten! Joachim Löw trug sein schönstes Lächeln zur Schau. Der Bundestrainer war sogar zu Scherzen aufgelegt. In Anspielung auf den Zigarre rauchenden Trainer der "Gauchos", Diego Maradona, brachte Löw Nationalmannschafts-Pressesprecher Harald Stenger eine Zigarre nebst Aschenbecher mit. Stenger reagierte leicht verwirrt. Die Lacher hatte der Bundestrainer auf seiner Seite. Nein, von Verbitterung war bei Löw nichts zu spüren. Nichts MEHR zu spüren - zumindest rein äußerlich.

"Die Mannschaft ist voll im Soll"

Und wenn man ehrlich ist, wäre das auch wenig professionell gewesen. Mittwoch trifft Deutschland auf Argentinien. Auch wenn die Partie von der Fifa als "Testspiel" geführt wird. Dieses Match ist und bleibt ein Klassiker des internationalen Fußballs. Es geht um Ehre. Es geht um Prestige. Und es geht um die WM-Vorbereitung. Nur ungern erinnert man sich beim DFB an das 1:4-Debakel gegen Italien vor der WM 2006. Danach überschlugen sich beinahe die Ereignisse. Selbst eine Ablösung von Jürgen Klinsmann wurde angedacht. Es ist leicht vorhersehbar, was passieren würde, sollte die Löw-Elf am Mittwoch gegen die südamerikanische Startruppe von Coach Diego Armando Maradona ähnlich vorgeführt werden wie damals in Florenz.

Viel steht auf dem Spiel für Joachim Löw und die deutschte Fußball-Nationalmannschaft. Ein positives Ergebnis muss her, damit die heiße Phase vor der WM in Südafrika in ruhigen Bahnen verläuft. Von ruhigen Bahnen ist derzeit beim DFB nämlich wenig zu spüren. Was zugegeben eher an Vertragstreitereien und Schiedsrichteraffären liegt, als an der Nationalmannschaft. Trotzdem verglich das Fußball-Fachmagazin "Kicker" die Nationalmannschaft vor dem Kräftemessen mit den Argentiniern mit einer "Großbaustelle".

Zu viele Positionen seien noch offen, zudem sei die Rolle von Kapitän Ballack auf dem Rasen nicht klar. Löw widersprach dem vehement: "Die Mannschaft ist voll im Soll", sagte er. Gerade der Auftritt im entscheidenden WM-Qualifikationsspiel in München gegen Russland stimme ihn nachhaltig positiv. "Wir haben uns taktisch weiterentwickelt und junge Spieler integriert." Das habe man immer als Ziel ausgegeben. Der Bundestrainer ließ auf der Pressekonferenz in München keine Kritik an seinen Mannen zu.

Torgefahr auf der 6

Löws Laune verschlechterte sich auch nicht als es um die wichtigste Personalie in seinem Kader ging. Klar strukturiert dozierte er über die Führungsrolle von Michael Ballack, seinen Kapitän: "Er ist mein wichtigster Spieler. Er ist es, der die jungen Spieler führt." Soweit so gut. Aber welchen Platz wird Ballack denn nun auf dem Platz einnehmen. Jetzt, wo sein Kumpel und Bodyguard auf dem Platz, Torsten Frings, nicht mehr dabei ist? Gesucht wird nämlich der neue Partner von Ballack im zentralen Mittelfeld. Und das ist ein Thema, das viel Zündstoff birgt und das nicht immer störungsfreie Verhältnis zwischen Löw und seinem Kapitän auf eine erneute Probe stellen könnte.

Auch diesbezüglich redete Löw Tacheles: "Ich möchte auf der 6-er-Position einen Spieler einsetzen, der Torgefahr ausstrahlt. Deshalb stelle ich die Überlegung an, Bastian Schweinsteiger gegen Argentinien dort in der Mitte aufzustellen." Michael Ballack bliebe in dieser Konstellation also nur die Rolle des Schattenmannes. Er selber würde gewissermaßen in die Rolle von Torsten Frings schlüpfen. Das liebt der Profi von Chelsea London gewiss nicht. Ballack hat seine Qualitäten, wenn er aus der Tiefe kommt und das Spiel eröffnet. Nun also ließ der Bundestrainer durchblicken, dass er die Grundausrichtung der Nationalmannschaft mit einem offensiveren Bastian Schweinsteiger an der Seite von oder sollte man besser sagen, vor, Michael Ballack, verändern wird. Dafür sei er, Löw, auch bereit, ein Risiko einzugehen. "Ich traue mich alles", sagte er cool lächelnd.

Löw treibt ein riskantes Spiel

Es ist ein riskantes Spiel, das der DFB-Coach treibt. Sollte das Schweinsteiger-Experiment im Spiel gegen Argentinien schiefgehen, würde das Rumoren im Umfeld wieder größer werden. Soweit dachte auch Löw 30 Stunden vor dem Spiel in der Münchener Allianz-Arena schon: "Für die weitere Stimmung ist ein gutes Ergebnis wichtig", sagte er. Und er grinste dabei wieder. Löw ging an diesem Tag in Sachen guter Stimmung permanent mit gutem Beispiel voran. So wie er kam, so ging er: mit einem Lächeln auf den Lippen. Apropos Lächeln: Als Michael Ballack , der das Podium unmittelbar nach dem Verlassen von Löw betrat, gefragt wurde, was er denn vom Schweinsteiger-Experiment halte, tat er so, als wisse er von nichts. Dazu setzte er ein sehr gequältes Lächeln auf.

Wissenscommunity