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Länderspiel: Herber Rückschlag auf dem Weg zum WM-Titel

80.000 Zuschauer fasst das Atatürk-Stadion in Istanbul, aber das Länderspiel gegen die Deutschen wollten nur 18.000 Türken sehen. Sie wussten offenbar warum, denn das DFB-Team enttäuschte auf ganzer Linie.

Acht Monate vor der Fußball-Weltmeisterschaft entfernt sich die deutsche Nationalmannschaft immer weiter von einer WM-tauglichen Form. Nach einer teilweise katastrophalen Leistung verlor die DFB-Auswahl am Samstagabend in Istanbul gegen die Türkei hoch verdient mit 1:2.

Im 20. Länderspiel unter Bundestrainer Jürgen Klinsmann offenbarte das ohne die grippekranken Michael Ballack und Miroslav Klose angetretene Team in allen Mannschaftsteilen erschreckende Defizite. Vor nur 18.000 Zuschauern im 80.000 Menschen fassenden Atatürk-Olympiastadion von Istanbul erzielte Halil Altintop in der ersten Halbzeit die Führung für die Türken, die am kommenden Mittwoch ihr entscheidendes WM-Qualifikationsspiel in Albanien bestreiten. Kurz vor Schluss sorgte der eingewechselte 17-jährige Dortmunder Profi Nuri Sahin für die Entscheidung. Oliver Neuville gelang in der Nachspielzeit nur noch der Ehrentreffer.

Ballack fehlte an allen Ecken und Enden

Das Fehlen von Leitwolf Ballack machte sich an allen Ecken und Enden bemerkbar. Doch das alleine kann die teilweise desolate Gesamtleistung der DFB-Auswahl nicht alleine erklären. Erneut war die Abwehr mit einfachsten Spielzügen auszuhebeln. Das deutsche Mittelfeld fand praktisch nicht statt. Der Bremer Tim Borowski, der eigentlich die Rolle des zentralen Spielgestalters übernehmen sollte, konnte keinerlei Initiativen setzen. Die beiden Sturmspitzen Kevin Kuranyi und Lukas Podolski hingen völlig in der Luft. Der Kölner Jungstar erreichte aber noch am ehesten Normalform.

Klinsmann zeigte sich nach dem Spiel enttäuscht, stellte sich aber zugleich vor sein Team: "Die Mannschaft ist im Stande, große Leistungen zu bringen." Der 41-Jährige räumte ein, dass ihm in der Pause der Kragen geplatzt sei: "In der ersten Halbzeit war das gar nichts." Danach habe sein Team den Rhythmus etwas besser gefunden. "Wir stecken den Kopf nicht in den Sand", sagte der Bundestrainer, der weiterhin am großen Ziel WM-Titel 2006 festhalten will: "Wir glauben an diese Mannschaft."

Die Türken, bei denen mit Sahin, den Altintop-Brüdern, dem Berliner Yildiray Bastürk und dem Kölner Alpay insgesamt fünf Bundesliga-Legionäre zum Einsatz kamen, waren von Beginn an die bestimmende Mannschaft. Vor allem Bastürk und Halil Altintop stellten die deutsche Defensive vor allergrößte Probleme. Zwar konnte auch der WM-Dritte keine spielerischen Glanzpunkte setzen; das musste er aber auch nicht, da die deutsche Hintermannschaft erneut wie ein Hühnerhaufen agierte und mit kaum zu fassenden Fehlern zum Toreschießen einlud. Der 0:1-Halbzeitrückstand schmeichelte noch, ein 1:4 wäre den Spielanteilen und Chancen eher gerecht geworden.

Vor allem der Bremer Patrick Owomoyela erwischte einen rabenschwarzen Tag und leistete sich auf der rechten Abwehrseite mehrere Böcke. Einer davon - ein zu kurzer Rückpass auf Kahn - hätte schon in der 10. Minute den Rückstand bedeuten müssen, doch Altintop vergab. In der 19. Minute ließ Altintop gleich mehrere deutsche Verteidiger wie Kreisligaspieler stehen, passte von der Torauslinie in die Mitte, doch Mittelfeldspieler Tümer zielte freistehend am Tor vorbei.

Altintop mit dem hochverdienten 1:0

In der 25. Minute stand wiederum Altintop nach einem Pfosten-Schuss Tümers vollkommen alleine und erzielte das hoch verdiente 1:0. Oliver Kahn, der wieder für Jens Lehmann zwischen die Pfosten gerückt war und von Ballack die Kapitänsbinde übernommen hatte, war chancenlos. Auch in der Folgezeit war nichts von einem Aufbäumen oder einer Trotzreaktion der Klinsmann-Elf zu sehen. Erst in der 42. Minute kamen die Deutschen zu ihrer ersten Chance überhaupt; doch den strammen Podolski-Schuss lenkte Torwart Volkan um den Pfosten.

In der zweiten Hälfte sollten Sebastian Deisler und Oliver Neuville an Stelle von Torsten Frings und Kevin Kuranyi die Offensive verstärken. Auf der anderen Seite nahm Trainer Fatih Terim den überragenden Halil Altintop aus dem Spiel, um ihn für die Albanien-Partie zu schonen. Beide Entscheidungen sorgten tatsächlich für einen ausgeglichen Spielverlauf, zumal die Türken zwei Gänge zurückschalteten. Aber selbst das genügte noch für einige Torchancen gegen die verunsicherte deutsche Defensive. Im Mittelfeld brachte Deisler aber tatsächlich etwas mehr Schwung. Auch Neuvilles Einwechslung wirkte sich belebend aus. Zu mehr als ein paar mittelmäßigen Torchancen - etwa durch einen Deisler-Freistoß nach gut einer Stunde und einen Volley-Schuss Neuvilles wenige Minuten später - reichte es aber zunächst nicht.

Jüngster Bundesligaspieler schießt DFB-Team ab

Kurz vor Ende war es dann ausgerechnet der Dortmunder Shootingstar Sahin, der die Deutschen endgültig abschoss. Der 17-jährige widmete den Treffer seinem verstorbenen Großvater. Neuvilles Tor in der Nachspielzeit war nur noch Kosmetik. Oliver Kahn mahnte nach dem Spiel: "Wir müssen jetzt schnell schauen, dass wir auf höchstes Leistungsniveau kommen." Es bleibe nicht mehr viel Zeit bis zur WM. Der 36-Jährige warnte aber zugleich vor Panikmache. Die nächste Gelegenheit für ein Erfolgserlebnis hat die DFB-Auswahl nun am kommenden Mittwoch beim Testspiel gegen China in Hamburg.

Froben Homburger, Torsten Holtz/AP / AP

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