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Magath-Interview: "Mir wurde klar, dass ich mich ändern muss"

Ganz Deutschland bejubelt die Stuttgarter Hurra-Kicker und Felix Magath. Der VfB-Coach über seinen Wandel zum nachsichtigen Erfolgstrainer und Familienvater, über ewige Missverständnisse und nötiges Misstrauen.

Herr Magath, der VfB?
Eine Frau steht plötzlich am Tisch im Cafe Schulz in der Stuttgarter Innenstadt: "Hallo, Herr Magath, darf ich Sie kurz stören? Ich hätte so gern ein Autogramm. Ich bin aus Berlin und hier zu Besuch."
Selbstverständlich. "Danke. Haben Sie auch welche vom Timo Hildebrand und Kevin Kuranyi dabei? Ist für meine Kinder."
Leider nicht. "Trotzdem, vielen Dank. Auf Wiedersehen."
Äh, ja, tschüs. Hm, das wäre vor einem Jahr noch nicht passiert.

Ihr VfB Stuttgart hat plötzlich Fans im ganzen Land. Können Sie sich das erklären?

Es ist die alte Sehnsucht der Leute nach einer Mannschaft, die wenig Geld hat und trotzdem schön und erfolgreich spielt. Die Wertschätzung für dieses junge Team ist einzigartig. Nach dem Sieg gegen Manchester United in der Champions League haben wir sogar Faxe von Fanklubs anderer Vereine bekommen. Muss man sich mal vorstellen! Aus Dortmund, aus Nürnberg, was weiß ich woher. Selbst aus Karlsruhe, wo sie eigentlich die Stuttgarter hassen, schicken sie uns Glückwunschschreiben.

Klingt das nicht zu romantisch für eine Fußballgeschichte?

Vielleicht, aber es ist so. Wir lösen bei allen, die den Fußball lieben, und selbst bei denen, die sich gar nicht dafür interessieren, eine unglaubliche Begeisterung aus. Haben Sie doch gerade bei dieser Frau gesehen. Mir fällt in Deutschland nur eine Mannschaft ein, die so eine Ausstrahlung hatte: Borussia Mönchengladbach vor 30 Jahren, die Fohlenelf von Hennes Weißweiler um Netzer, Vogts und Heynckes. Gladbach war damals das Antimodell zum FC Bayern. Nun sind wir der Gegenpart zu Borussia Dortmund und den immer noch übermächtigen Bayern.

Samstag spielen Sie gegen Bremen um die Tabellenspitze in der Bundesliga, am Mittwoch können Sie auch noch die Führung in Ihrer Champions-League-Gruppe übernehmen. Ist der VfB nicht mehr zu stoppen?

Sagen wir so, ich glaube fest daran, dass wir die zweite Runde in der Champions League erreichen können. Und dass ich Deutscher Meister werden will, habe ich schon oft genug gesagt. Auch wenn uns das bisher keiner zutraut, gönnen würden uns das viele.

Und Sie gelten auf einmal als der sanfte Papa dieser Rasselbande. Nicht schlecht für einen Trainer, dem Spieler einst Kriegsnamen wie Saddam oder Quälix gaben?

Jaja? die alte Schublade.

Noch vor zweieinhalb Jahren wurden Sie in der Bundesliga so angefeindet, dass Sie am liebsten in die Karibik auswandern wollten, wo nur barfuß gespielt wird.

Wäre ich in Stuttgart auch nicht zurechtgekommen, hätte ich das wohl gemacht.

Jetzt verbringen Sie dort Ihre Ferien. Was zieht Sie immer wieder in die Karibik?

Mein Vater stammt aus Puerto Rico. Er verließ uns, als ich zwei Jahre alt war. Er war Besatzungssoldat der US Army und ging danach in seine Heimat zurück. Ich hatte lange keinen Kontakt zu ihm. Erst als ich 16 war, fanden wir zueinander. Seitdem besuche ich ihn fast jedes Jahr auf seiner kleinen Mangoplantage. Nur in Puerto Rico kann ich richtig abschalten. Ohne Telefon, Fax, Fernseher. Ich rede viel mit meinen Vater. Und er liebt es, für uns zu kochen - Hühnchen, Reis und Bohnen. Und dann Reis, Bohnen und Hühnchen. Oder Bohnen, Hühnchen und Reis.

Was empfinden Sie, wenn Sie bei ihm sind? Heimat ist das ja nicht, oder?

Ich sehe in Puerto Rico den anderen Teil von mir leben. Meinen Vater, seine Mentalität. Meine Mutter stammt ja aus Ostpreußen. Die Leute dort sind nun mal zurückhaltender, vielleicht auch verbissener, weiß nicht. In Puerto Rico kommen alle zusammen, es wird gequatscht, bis sich die Erde dreht. Alle auf einmal. Dann stelle ich mir vor, dass ich vielleicht auch so ein lebhafter Mensch geworden wäre, wenn ich bei meinem Vater aufgewachsen wäre.

Hat er Ihnen als Kind gefehlt?

Bewusst nicht. Aber im Nachhinein denke ich schon, dass ich ihn vermisst habe. Mit ihm wäre es anders gewesen, wäre ich wahrscheinlich heute ein anderer Typ. Ich hatte trotzdem eine sehr schöne Kindheit.

Wie hat Ihre Mutter Sie denn erzogen?

Sie war selten da, musste ja immer arbeiten, damit wir über die Runden kamen. Dadurch war ich viel alleine. Ich bin aber gut damit klargekommen.

Fühlten Sie sich also damals schon wohl in der Rolle des Einzelgängers?

Ich hatte eh nicht viele Freunde, war introvertiert, verschlossen, so wie ich nun mal bin. Wenn ich abends zu Hause mit der Mutter zusammensaß, hat sie auch nicht viel geredet. Ist eben so bei Ostpreußen.

Der einsame Schweiger waren Sie als Profi und bis zu Ihrem Stuttgart-Engagement auch als Trainer. Fiel Ihnen darum die richtige Ansprache an Ihre Spieler so schwer?

Glaube schon. Ich war es nicht gewohnt, auf Leute zuzugehen. Ich bin erst jetzt bereit, mir andere Meinungen anzuhören. Diskutieren muss man ja lernen. Wahrscheinlich rede ich auch mehr als früher, obwohl es nicht meiner Überzeugung entspricht. Durch Reden mache ich keinen Spieler stärker. Aber es kommt besser an.

Sie glauben daran, dass einen nur harte Arbeit weiterbringt.

Klar, was denn sonst?

Waren Sie schon als Kind so, weil Sie unbedingt Fußballprofi werden wollten?

An eine Fußballkarriere habe ich gar nicht gedacht. Meine Herausforderung war der tägliche Heimweg vom Knabenhort der katholischen Schwestern, wo ich nachmittags beaufsichtigt wurde. Das war eine lange Strecke, und unterwegs stellte ich mir vor, ich würde für Deutschland rennen. Deutschland war mir wichtig als Motivation. Ich lief diesen Heimweg gegen italienische, amerikanische, französische Konkurrenten. Es waren meine ganz persönlichen Olympischen Spiele. Und in meinem Kopf hörte ich die Radioreportage. Auf der imaginären Zielgeraden ballte ich die Finger zu einer Faust, kniff die Augen zusammen und spurtete wie ein Wahnsinniger los. Fast immer habe ich gewonnen.

Ist das Ihre Botschaft? Dass sich die Spieler auch mal selbst motivieren müssen?

Richtig. Ich glaube, die Mannschaft denkt inzwischen ähnlich. Ich habe sie mit meinem Ehrgeiz angesteckt. Sie ist hungrig.

An Willensstärke hat es Ihnen nie gemangelt, jedenfalls wenn es um berufliches Vorankommen ging. Gelitten hat Ihr Privatleben. Ihre erste Ehe scheiterte am Fußball. Mittlerweile haben Sie eine zweite Familie gegründet. Was machen Sie jetzt anders?

Ich erlebe das Aufwachsen mit Leonard und Raffael bewusster als mit meinen Kindern aus erster Ehe. Noch wichtiger ist aber: Meine Freundin bringt das Verständnis mit, das eine Frau braucht, die mit einem Profitrainer zusammenleben möchte. Sie hat selbst lange Jahre in einer Spitzenposition gearbeitet. Sie war Marketingmanagerin bei Langnese und denkt so wie ich - sie will den maximalen Erfolg. Sie hat mir niemals ein schlechtes Gewissen gemacht, wenn ich wieder keine Zeit hatte für sie und die Familie.

Wirklich nie?

Nicht mal bei der Geburt unseres ersten Sohnes. Wir hatten den Termin extra nach dem Spielplan ausgerichtet. Das Kind sollte mit Kaiserschnitt zur Welt kommen. Der Arzt fragte: "Herr Magath, wann können Sie?" Wir einigten uns auf einen meiner freien Tage, aber die Wehen setzten vier Tage vorher ein. Ich fuhr im Auto die Nacht durch von Uerdingen nach Nürnberg. Kurz vor vier Uhr morgens hielt ich meinen Sohn in den Armen, gab Nicola einen Kuss und saß total angespannt neben ihr auf dem Bett. Sie hat zu mir gesagt: "Ist schon gut." Und ich bin wieder zurückgefahren, weil wir ja ein Spiel hatten.

Sie haben verdammtes Glück. Viele Frauen würden Sie zum Teufel jagen.

Sie ist selbstständig und wartet nicht auf mich wie meine erste Frau, die kaum Ablenkung hatte und nur mit den Kindern beschäftigt war. Deshalb komme ich mit Nicola besser klar, weil sie eigene Pläne hat.

Und was ist, wenn Ihre Partnerin tatsächlich mal an ihre eigene Karriere denkt?

Sie hatte vor kurzem das Angebot, wieder einzusteigen. Sie hat das noch mal verschoben, weil wir unser drittes Kind bekommen. Ich wäre schon bereit, meine Karriere für einige Zeit zu unterbrechen, damit sie wieder in ihren Job zurück kann. Nicola hat mir sehr geholfen, dann wäre es mal an mir, sie zu unterstützen.

Es gab eine Phase, da haben Sie auch mit Ihrer zweiten Familie feststellen müssen, dass Ihre Art, den Job auszuüben, Ihr Privatleben stark belastet: Ihr Sohn weigerte sich, mit Ihnen zu reden.

Das war, als ich Eintracht Frankfurt trainierte. Nicola kam am Wochenende mit Leonard aus Hamburg zu mir nach Frankfurt. Wochenende ist immer schön für Familien. Aber nicht für die von Trainern. Ich hatte wenig Zeit für Leonard. Er war enttäuscht und sauer. Ab Sonntag stellte er das Reden ein. Er war damals zwei Jahre alt. Unter der Woche wollte er am Telefon schon gar nicht mehr mit mir sprechen. Und spätestens da wurde mir klar, dass ich mich ändern muss. Generell ändern muss.

Und zwar?

Ich war es nicht gewohnt, Kompromisse einzugehen. Deshalb bin ich dauernd bei Spielern und Klubführung angeeckt und war nie lange an einem Ort. Aber eine Familie braucht ein festes Zuhause. Da kannst du nicht alle sechs Monate den Verein und die Stadt wechseln.

Ihre Familie hat Sie als Trainer milde werden lassen?

Ja, so kann man das sehen. Ich habe mich für sie gewandelt, bin jetzt auch bereit, Zugeständnisse zu machen.

Sie haben mal gesagt: "Wenn du mal da bist, wo du hin willst, kommt die Angst." Spüren Sie nun diese Angst?

Nee, warum?

Sie sind doch jetzt an der Spitze.

Was für eine Spitze? Ich gebe mich damit noch nicht zufrieden. Erst, wenn ich Meister bin oder die Champions League gewinne, wird mich diese Angst überkommen. Als Trainer kannst du nie denken: So, jetzt habe ich ganz schön was geschafft, jetzt bin ich unverwundbar. Das wäre der erste Schritt vorm Absturz. Ein Trainer muss immer ein gewisses Misstrauen haben. Es kann sich alles ganz schnell ändern. Dieses Gefühl treibt mich an. Aber ob das auch für mein Umfeld gilt? Ich weiß es nicht.

Warum zweifeln Sie am Erfolgsstreben der Schwaben?

Die Mannschaft hat mit den Auftritten in der Bundesliga und der Champions League eine Steilvorlage gegeben, aber die Region hat sie bisher noch nicht richtig verwertet.

Sie haben einen Vertrag bis 2005. Wie lange werden Sie sich das antun, mit einem Klub, der finanziell immer hinter den Großen hinterherhinkt?

Noch ist nichts verloren. Die Chance ist da, vieles aufzuholen. Aber ich bin mir nicht sicher, wie lange das noch der Fall ist.

Hängen Sie nicht an dem, was Sie hier geschaffen haben?

Doch, doch. Und ich bin den Spielern unendlich dankbar für das, was sie leisten. Sie haben dem VfB und mir zu einem neuen Image verholfen.

Das sind ja ganz neue Töne von Ihnen in Richtung Spieler. Sind auch Sie womöglich Fan dieser Mannschaft?

Man darf es als Trainer nicht sein. Fan sein bedeutet, sein Herz zu öffnen. Ich brauche aber Distanz, um Dinge nüchtern zu beurteilen. Wenn ich zu emotional werde, mache ich Fehler.

Lässt Sie das wirklich kalt, wenn Hleb und Kuranyi am Ball zaubern?

Ich lasse mich höchstens mal auf einem Konzert gehen.

Zum Beispiel?

Hier in Stuttgart, als Herbert Grönemeyer im Daimler-Stadion auftrat. Den schätze ich über alles. Aber auch er bringt mich nicht dazu, mitzugrölen oder zu tanzen.

Mitten unter 50 000 losgelösten Zuschauern stehen Sie nur selig lächelnd herum?

Na ja, vielleicht verliere ich für kurze Zeit die Kontrolle über mein linkes Knie.

Interview: Giuseppe di Grazia

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