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Debatte um Integration: Deutungshoheit im Ausland? Wie Özil international unterstützt wird - und der DFB verliert

Der Fall Özil ist im Ausland mit großer Aufmerksamkeit verfolgt worden. Dort betrachtet man den 29-Jährigen vielfach als Opfer des DFB und eines immer größer werdenden Rassismus. Deutschlands Ansehen dürfte gelitten haben.

Mesut Özil nach der Niederlage gegen Südkorea

Mesut Özil nach der Niederlage gegen Südkorea

DPA

Eine Umfrage hat kürzlich ergeben, dass eine Mehrheit der Deutschen den Rücktritt von Mesut Özil aus der Nationalelf für richtig hält. Der Schritt des Nationalspielers schadet der Integration nicht und Teile der Medien haben keineswegs mit einem rassistischen Unterton über den Fall berichtet. Zusammengefasst: Dass eine sich immer offener zeigende Ausländerfeindlichkeit entscheidend zu Özils Rückzug beigetragen hat, wird in Deutschland mehrheitlich bestritten. Nur der DFB kommt in der Beurteilung nicht so gut weg. Der Verband und dessen Präsident Reinhard Grindel hätten Özil ein bisschen stärker unterstützen sollen. 

Das ist die deutsche Sichtweise. Im Ausland sieht man das oft ganz anders. Das gilt sowohl für Özils Klub Arsenal London und Teile der ausländischen Medien. Das dürfte aber noch viel mehr für die Millionen seiner Fans weltweit gelten. Sie alle, das haben Äußerungen in den vergangenen Tagen gezeigt, sehen Özil als unschuldiges Opfer.

Arsenal London unterstützt Mesut Özil

Arsenal unterstützte den Spielmacher seit vergangenem Sonntag in mehreren Statements demonstrativ. Am vergangenen Dienstag überschrieb der Klub einen Post auf seiner Facebookseite mit den Worten: "There's only one Mesut Özil" ("Es gibt nur einen Mesut Özil"). Die anerkennenden Worte sollen nicht nur mentale Aufbauhilfe für den Spieler sein, sondern man kann sie auch als Seitenhieb auf die DFB-Führung verstehen, von der solche Bekenntnisse nicht überliefert sind, um Özil vor rassistischen Attacken in den Kommentarspalten und im Stadion zu schützen.

Mesut Özil heiratet Model Amine Güsel

Kritik wegen des Erdogan-Fotos? Kein Wort dazu vom Klub. Dort hält man das gemeinsame Bild eines Spielers mit dem Präsidenten des Landes, aus dem seine Familie stammt, nicht für kritikwürdig - zumindest nicht öffentlich. Trainer Unai Emery betonte "Wir wollen, dass Mesut sich bei uns zu Hause (!) fühlt." Torwart Petr Cech sagte, die Vorgänge zwischen Özil "und der Nationalmannschaft seien "seine Privatsache und kein Thema für uns".

In der britischen Presse weist man auf eine Art deutscher Krankheit hin, die eine Rolle im Fall Özil gespielt habe. Die linksliberale Tageszeitung "The Guardian" urteilte: Deutschland und die Türkei ähnelten sich darin, dass in beiden Ländern Ideen von "Rasse" und "Blut" weiterhin die Nation definieren. In Österreich sieht der "Kurier" "übelsten Nationalismus" im Spiel, der am "Ende in Rassismus umschlug".

Vom Sommermärchen 2006 ist nichts geblieben

Die konservative Schweizer "Neue Zürcher Zeitung" urteilt ähnlich. Vom Sommermärchen 2006 und der "Lässigkeit" sei nichts geblieben. Das Bild der deutschen Nationalelf als "Musterbeispiel für gelungene Integration" sei zerbrochen. Die Zeitung führt ein Beispiel aus dem eigenen Land an, um zu verdeutlichen wie sehr sich Deutschland in das Thema Özil hereinsteigere. Es habe in der Schweiz zwar heftige Diskussionen gegeben, nachdem drei Schweizer Nationalspieler die Doppeladler-Geste machten, ein bekanntes Zeichen albanischer Nationalisten, aber die habe sich schnell wieder beruhigt. Niemand wollte die Spieler aus der Nationalelf verbannen, weil sie sich der Heimat ihrer Eltern verbunden fühlen. Auch in anderen Ländern würden Spieler wegen ihrer Herkunft diskriminiert, aber "die Art und Weise, wie die deutsche Öffentlichkeit ihre Athleten vereinnahmt und verurteilt, ist eine besondere".

Sogar bis nach Israel hat es der Fall Özil geschafft. Die linke Tageszeitung "Haaretz" wertete Özils Rücktritt als "Sieg für die Rassisten weltweit": "Die Gegenreaktion auf den türkischstämmigen Mittelfeldspieler zeigt, dass Kindern von Immigranten niemals erlaubt ist, ihre Wurzeln zu vergessen, besonders wenn sich die Dinge nicht so gut laufen". 

Noch gravierender als das Urteil einiger ausländischer Medien dürfte die Meinungsmacht der 71 Millionen Follower Özils auf Facebook, Instagram und Twitter sein. Debatte um Fake-Follower hin oder her: Er ist international der mit Abstand größte Star unter den deutschen Fußballern. Das dürfte der Grund dafür gewesen sein, dass Özil seine dreiteilige Erklärung auf Englisch abfasste. Viele Anhänger teilen Özils Erklärung und betrachten ihn als Opfer, das aus der Nationalelf gemobbt wurde. Man braucht nicht viel Fantasie, um sich den Schaden für das Ansehen Deutschlands und des deutschen Fußballs auszumalen.

Die Folgen des Imageschadens sind nicht abzusehen

Allein der dritte Teil von Özils Erklärung wurde auf Twitter 296.000 mal mit "Gefällt mir" markiert. Auf Instagram und Facebook gab es tausende Kommentare von dieser Art: "Hoffe, sie (die Deutschen, Anm. d. Red.) nehmen das Fifa-Motto 'Say no to racism' ernst". Oder: "Genau richtig, was Du sagst, wir bei Arsenal lieben Dich und kümmern uns nicht um Rassisten egal aus welchem Land. Arsenal ist mit Dir an Bord stärker." Sogar Biblob Parsai, ein Journalist aus dem fernen Nepal, der angibt bei der Annapurna Post zu arbeiten, meldete sich zu Wort: "'Ich bin Deutscher, wenn wir gewinnen, aber ein Immigrant, wenn wir verlieren' - Du hast das richtige getan".

Zu der Debatte um Özil gehört ebenfalls, dass sie eine Steilvorlage für das Erdogan-Regime und seine Anti-Deutschland-Propaganda liefert. Schon jetzt nutzt Erdogan die Unterstützung für Özil unter seinen türkischen und muslimischen Fans dafür aus. Spannend wird die Frage sein, ob die Affäre Deutschlands Bewerbung um die Austragung der Europameisteraschaft 2024 schadet. Pikanterweise heißt der Mitbewerber Türkei. Man darf davon ausgehen, dass das die Türkei die Rassismus-Debatte ungehemmt ausnutzen wird, um die deutsche Bewerbung zu diskreditieren. Dass DFB-Präsident Reinhard Grindel in seiner jüngsten Stellungnahme Fehler im Umgang mit Özil eingeräumt hat und die Integrationsarbeit des Verbandes in Zukunft noch mehr stärken will, dürfte den Schaden so schnell nicht reparieren.

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