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Analyse

EM-Qualifikation: Was der Nationalelf zum Spitzenteam fehlt

2:0 gegen Nordirland, Tabellenführung in der EM-Qualifikationsgruppe - statistisch gibt es bei der Nationalelf nichts zu beanstanden. Doch auch das Spiel in Nordirland hat gezeigt: Es knirscht mächtig im Gebälk. Was der DFB-Auswahl derzeit zum Spitzenteam fehlt.

Marco Reus ratlos während des Spiels Nordirland gegen Deutschland

Einer, der gegen Nordirland die Mängel der deutschen Elf verköprerte: Marco Reus (neben dem nordirischen Torhüter Peacock-Farrell) konnte sich nur selten zeigen und wurde seiner selbst gewählten Rolle als Führungsspieler nicht gerecht.

Getty Images

Viele ältere Semester unter den Fußballfans wähnten sich am Montagabend in andere Zeiten zurückversetzt. Wild entschlossene Nordiren machten einer fußballerisch eigentlich besseren deutschen Mannschaft dermaßen das Leben schwer, dass man um die DFB-Truppe fürchten musste. Doch auch diesmal behielten die Spieler im schwarz-weißen Outfit die Oberhand. Irgendwie verdient, aber doch mit der Gewissheit: Es hätte nun wirklich auch ganz anders ausgehen können.

Was inzwischen in Vergessenheit geraten ist: Ein mühsamer Sieg wie das 2:0 im Windsor Park von Belfast war während der meisten Zeit der durchaus glorreichen Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft Normalität. Dass die DFB-Auswahl wie in der Löw-Ära über mehr als ein Jahrzehnt hinweg souveränen Spitzenfußball bot, war und ist die Ausnahme. Auch deshalb betont der Nationalcoach derzeit so oft, dass die Mannschaft jetzt einen Lernprozess durchmache. Natürlich will der größte Fußballverband der Welt künftig wieder eine Auswahl stellen, die um Titel mitspielen kann. Ob und wann das gelingt, wird die Zukunft zeigen.

Im Moment aber fehlen der Truppe um Teamcaptain Manuel Neuer zu einem Spitzenteam (noch) die folgenden Fähigkeiten:

Eine stabile Defensive

Zu den größten Baustellen des Bundestrainers gehört die Defensive. Die Misere begann exakt nach Abschluss der makellosen WM-Qualifikation im Herbst 2017, wie die Ergebnisse seitdem beweisen. Aktuell haben die schwachen Auftritte gegen Oranje und Nordirland das Abwehrproblem erneut deutlich werden lassen, unabhängig davon, ob Löw mit Dreierkette oder Viererkette spielen lässt. Woran liegt das? Sicherlich zum einen an individuellen Fehlern wie von Jonathan Tah oder Matthias Ginter und an zahlreichen Ballverlusten in der Vorwärtsbewegung wie in Hamburg. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Löw findet offensichtlich keine Formation, die seine Spielidee so umsetzt, dass sie auch defensiv stabil ist - obwohl mit Toni Kroos und Joshua Kimmich zwei Spitzenkräfte im defensiven Mittelfeld zur Verfügung stehen und mit Ilkay Gündogan und Leon Goretzka zwei weitere Optionen von hoher Qualität. Auffällig ist, dass die Mannschaft überhaupt keine Balance findet, wenn sie selbst das Spiel macht. Sofort entstehen Löcher in der Defensive, die Mannschaftsteile fallen auseinander und die Abstimmung geht verloren (exemplarisch die 2. Hälfte gegen Holland). Vielleicht sollte Löw taktisch weniger experimentieren und den Spielern so Sicherheit geben. Beim 3:2- Sieg gegen Holland im Frühjahr agierte Kimmich zentral vor der Dreierkette, Kroos und Leon Goretzka spielten im Mittelfeld auf den Halbpositionen hinter zwei Angreifern. Möglicherweise ist das ein erfolgversprechendes Modell.

Einsatzbereitschaft und Durchsetzungsfähigkeit

Es war vielleicht die größte Enttäuschung des Abends im Windsor Park von Belfast. Joachim Löw hatte nach dem 2:4 gegen die Niederlande - auch öffentlich - vor allem eines gefordert: unbedingte Einsatzbereitschaft und die Bereitschaft, Zweikämpfe aufs Äußerste zu führen. Diese Grundtugenden hatten schon gegen die spielerisch starken Holländer gefehlt und sie würden gegen die kämpferischen Nordiren noch mehr gebraucht werden, prophezeite der Coach. Doch das Spiel begann und es fehlte genau diese Entschlossenheit und Durchsetzungsfähigkeit, die Löw eingefordert hatte. In der Anfangsphase dominierten die Nordiren die Partie derart, dass sie für die DFB-Truppe schon zu diesem frühen Zeitpunkt hätte verloren gehen können. Erst allmählich konnten sich Kroos und Co.befreien, verfielen allerdings nach den starken Minuten kurz nach der Halbzeit wieder in jene fahrige Spielweise, mit der das Match auch noch hätte aus der Hand gegeben werden können. Einsatzkraft, Zweikampfstärke, Selbstbewusstsein, Präsenz auf dem Platz - ohne das kommt keine Mannschaft aus. Für ein Team, das wieder in höhere Sphären vordringen will, sind sie die Basis aller Arbeit. 

Die Knipser-Mentalität

Kein Miro Klose nirgends. Seit der WM-Rekordtorschütze sich verabschiedet hat, ist kein Goalgetter in Sicht. Mehr noch: Die Gnabrys, Sanés und Werners wissen mit den Chancen, die sich die Löw-Truppe durchaus erspielt, viel zu oft nichts anzufangen, wollen jeden Ball ins Tor tragen oder vergeben überhastet. In der guten Drangphase nach der Halbzeitpause hätten die Schwarz-Weißen in Belfast auf 2:0, 3:0, vielleicht sogar noch höher davonziehen müssen. Doch beste Gelegenheiten wurden vergeben. Unnötig zu erwähnen, dass die Truppe mit den Treffern einen deutlich souveräneren Eindruck hinterlassen hätte. Und wie hätte das Holland-Spiel verlaufen können, hätte Reus seine Großchance zum 2:0 genutzt? Dass sich gegen die Nordiren ein Abwehrspieler ein Herz fasste und abzog, ist bezeichnend. Auf höchstem Niveau ist eine erstklassige Chancenauswertung unerlässlich. Daran werden Löw und die Stürmer verstärkt arbeiten müssen.

Führungsspieler, die sich zeigen

Die Führungsspieler-Debatte ist so alt wie die Nationalelf. Aber es ist nun mal eine alte Fußballweisheit, dass eine Mannschaft nicht ohne Spieler auskommt, die die Richtung vorgeben - vor allem, wenn es nicht so läuft wie es soll. Ohne die "Leader" Bastian Schweinsteiger und Phillip Lahm wäre wohl auch der WM-Triumph in Brasilien nicht gelungen. Gegen Nordirland zeigte sich einmal mehr, dass die aktuelle Löw-Truppe im Lernprozess auch in diesem Punkt (noch?) Defizite hat. Kroos führt gewohnt durch sein Spiel, weniger durch seine Mentalität. Kimmich übernimmt zwar spielerisch Verantwortung, spricht Klartext aber in erster Linie abseits des Platzes und Marco Reus, beim BVB inzwischen Kapitän und ständig betonend, dass er Verantwortung übernimmt, tauchte gegen Nordirland völlig ab. Führungsfiguren kann man sich nicht backen. Dennoch werden künftige Erfolge davon abhängen, ob sich Stars mit entsprechender Fähigkeit finden oder aktuelle Spieler sich dahin entwickeln.

Konstanz über 90 Minuten

Fünfzehn starke Minuten reichen nicht, um zu gewinnen. Es mag mehr über die wahre Stärke der Nordiren aussagen als der Spielverlauf, dass es am Montag trotzdem reichte. Und hätten die Deutschen ihre Chancen in der Drangphase genutzt, hätte die "Green and White Army" sicherlich auch nicht mehr ins Spiel zurückgefunden. Dass ein solches Strohfeuer gegen eine Spitzenmannschaft auf keinen Fall genügt, haben die Niederländer den Deutschen während des Spiels in Hamburg sehr deutlich gemacht. Europas Fußballer des Jahres, Virgil van Dijk, und seine Kollegen ließen sich nicht nur vom frühen Rückstand nicht beeindrucken, sondern das Oranje-Team war zudem in der Lage, nach dem Seitenwechsel eine große Schippe draufzulegen. Erstklassiger Anschauungsunterricht für die lernende Löw-Truppe, die nach ihrer Drangphase gegen die Nordiren rasch wieder abtauchte.

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