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Nationalmannschaft vor Irland-Spiel: Löw jagt die Geister der Vergangenheit

Eigentlich sollte vor dem Irland-Spiel das Sportliche im Fokus stehen, aber Joachim Löw muss sich vor allem für Vergangenes rechtfertigen. Er macht das gut – und überrascht mit offenen Worten.

Von Klaus Bellstedt, Dublin

Joachim Löw blickt ein bisschen verwundert um sich. Der Presseraum im Aviva-Stadion an der Landsdowne Road in Dublin ist fast leer. Nur eine Handvoll deutscher Journalisten hat sich am Tag vor dem dritten WM-Qualifikationsspiel der Fußball-Nationalmannschaft in dem kleinen Saal eingefunden. Der Bundestrainer, hellblaues Hemd, dunkelblaues Sakko, Schal, hätte jetzt laut DFB-Zeitplan eigentlich die Gesprächsrunde eröffnen sollen. Aber sein Sprecher lässt ihn nicht. Was ist geschehen?

Nein, das öffentliche Interesse an den besten Fußballern Deutschlands hat nach den zuletzt etwas dürftigen Leistungen natürlich nicht abgenommen. Der Großteil der Journalisten aus der Heimat steckt einfach nur im Stau fest. Und weil sie gute Manieren beim DFB haben, müssen nun alle warten. Auch Löw. Der nimmt das mit Humor, holt sich aus dem Foyer noch schnell einen Espresso und hält einen kurzen Plausch mit Bekannten. Wer weiß, vielleicht wäre die kleinere Gesprächsrunde dem Bundestrainer sogar entgegengekommen. Weniger Journalistenfragen bedeuten im Moment für Löw nämlich auch: weniger Rechtfertigungen.

Die Stimmung rund um die Nationalmannschaft ist unruhig. Immer noch. Das Spiel gegen Irland, das jetzt eigentlich im Vordergrund stehen sollte, ist bei der Fragestunde nur am Rande ein Thema. Es geht um Vergangenes. Um Provokationen von Uli Hoeneß und Beschwerden von Bastian Schweinsteiger. Es geht, man mag es kaum glauben, auch dreieinhalb Monate nach der Niederlage gegen Italien noch immer um das Ausscheiden bei der Europameisterschaft. Wie sehr muss das Joachim Löw eigentlich nerven? Vor vier Wochen beim Spiel in Österreich merkte man dem Bundestrainer deutlich an, dass er eigentlich keine Lust mehr hat, auf die zurückgerichteten Fragen zu antworten. Die Reporter lernten in Wien den strengen und gar nicht mehr so charmanten Herrn Löw kennen. Das wurde auch nach dem 2:1-Glückssieg nicht besser. Einen Monat später in Dublin strahlt Löw wieder mehr Souveränität aus. Das kann ein gutes Zeichen sein – sollte irgendjemand ausnahmsweise daraus einen Rückschluss auf den sportlichen Zustand der Nationalmannschaft ziehen wollen.

"Es gab Reibereien“

Vielleicht liegt es ja daran: "Ich spüre, dass die Spieler einen besseren Rhythmus haben als noch vor ein paar Wochen“, sagt Löw. Das macht Sinn. Die Saison ist voll im Gang. Nicht nur Bayern und Dortmunder haben englische Wochen hinter und vor sich. Auch die Londoner Fraktion um Per Mertesacker und Lukas Podolski sowie Real Madrids Sami Khedira und Mesut Özil spielen fast alle drei bis vier Tage mit ihren Clubs um Punkte in Meisterschaft und Champions League. Angesprochen auf die Umstellungen in der Defensive aufgrund des Fehlens von Kapitän Philipp Lahm und Innenverteidiger Mats Hummels, findet Löw sogar seinen Humor wieder: "Sie können sicher sein, wir laufen auch gegen Irland mit einer Abwehr auf.“ Wenn der Bundestrainer dann noch sagt, dass er überzeugt davon sei, "dass alle besser sein werden als zuletzt“, dann klingt das überzeugend. Das Einzige, was an diesem Regentag in Dublin stört, ist, dass irgendeiner immer die Geister der Vergangenheit ruft. Dann muss Löw wieder Brände löschen, manches abkühlen – und Neues zugeben.

Da ist die Sache mit Bastian Schweinsteiger. Der Vizekapitän, der gegen Irland wieder zurück in der Startelf ist, hatte in einem Interview den fehlenden Mannschaftsgeist beim Turnier in Polen und der Ukraine bemängelt. Beim FC Bayern würden auch Tore auf der Ersatzbank gefeiert. "Das ist vielleicht ein kleiner Unterschied zur Nationalmannschaft bei der EM. Da sind nicht immer alle gesprungen.“ Das waren Schweinsteigers Worte. Löw hat mit seinem wichtigsten Spieler in den vergangenen Tagen eine halbe Stunde darüber gesprochen. Der Coach berichtet ausführlich und unaufgeregt von diesem Gespräch: "Bastian hatte dieses Gefühl und er hat mir auch noch andere Dinge mitgeteilt, die es zu verbessern gilt.“ Löw sagt, dass er dieses Gefühl nicht hatte. Und doch gibt der Bundestrainer zu, dass es "2012 mal Reibereien gab“, dass die Atmosphäre im Vergleich zur "überragend guten“ Grundstimmung 2010 dieses Mal "nur gut“ gewesen sei. "Wir sind manchmal sieben Wochen am Stück auf engem Raum zusammen.“ Das sei auch eine hohe "psychische Belastung“, so Löw. Wenn man so will, war das eine Rechtfertigung. Einfach nur sehr ehrlich, ließe sich dem aber auch entgegenhalten.

Löw kontert Hoeneß

Joachim Löw steht mit seiner Mannschaft am Freitag gegen Irland vor einem, vor allem auch was die Stimmung in Fußball-Deutschland betrifft, enorm wichtigen Spiel. Das merkt man ihm auch an. Wenn die Journalisten ihn denn mal lassen, schwärmt er in den höchsten Tönen von Lukas Podolski, lobt Toni Kroos und kündigt gegen die Iren einen Auftritt mit Herz und Leidenschaft an. "Eine Einheit steht morgen auf dem Platz. Die Führungsspieler seien jetzt gefordert, um die "Mannschaft wieder besser zu organisieren“. Löw hört sich so an, als würde er sein Team am liebsten selbst auf den Rasen des Aviva-Stadions in Dublin führen. Wenn es nach ihm ginge, so das Gefühl des Beobachters, könnte das Match am liebsten in diesem Moment angepfiffen werden. Aber noch ist ein bisschen Zeit - und die Pressekonferenz noch nicht vorüber.

Ein Fragesteller will zum Schluss noch wissen, was er, Löw, denn zur Kritik von Uli Hoeneß an Miro Klose ("schießt 80 Prozent seiner Tore gegen Liechtenstein und Co.“) zu sagen habe. War ja klar, dass das noch kommt. Löw hat jetzt genug vom Rechtfertigen. Der Bundestrainer umgreift das Mikrofon. Wird ernst. Und kontert. "Ich habe diese Aussagen von Uli Hoeneß nicht verstanden. Miroslav Klose hat für den deutschen Fußball immens viel getan, er hat viele wichtige Tore erzielt und insgesamt eine große Leistung in den vergangenen 12 Jahren gezeigt.“ Die Antwort sitzt. Für einen Moment ist es ganz still im Saal. Dann geht Joachim Löw von der Bühne. Der Mann hat noch einen Auftrag zu erledigen. Die Geister der Vergangenheit hat er fürs Erste vertrieben.

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