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Neuanfang in größter Not: VfB Suttgart setzt auf Labbadia

Jens Keller ist beim VfB Stuttgart als Trainer Geschichte. Nun soll Bruno Labbadia die Schwaben vor dem ersten Bundesliga-Abstieg seit 1975 bewahren. Trainer und Verein bilden eine Art Schicksalsgemeinschaft, denn für beide ist es ein Neuanfang.

In einer der größten Krisen seiner Vereinsgeschichte setzt der VfB Stuttgart auf Bruno Labbadia. Der 44-jährige Trainer soll den tief verunsicherten Fußball-Bundesligisten vor dem Absturz in die Zweitklassigkeit bewahren und könnte damit auch seine eigene Karriere auf der Bank wieder auf Touren bringen. Nachdem der VfB seinen Kurzzeit-Vorgänger Jens Keller nach dem 1:2 bei Hannover 96 und nur 60 Tagen im Amt freigestellt hatte, wurde Labbadia am Sonntag präsentiert. "Wir sehen nur das Ziel, am letzten Spieltag in der Bundesliga zu bleiben", sagte der frühere Stürmer. "Es ist nicht fünf vor zwölf, sondern ein Stückchen darüber hinaus."

Der zweifache Nationalspieler, der seit seiner Beurlaubung beim Hamburger SV Ende April ohne Verein war, hat einen Vertrag über zweieinhalb Jahre bis 30. Juni 2013 unterschrieben. "Er gilt nur für die Bundesliga", erklärte der Darmstädter, der am Nachmittag das erste Training leiten sollte. Im Falle des Abstiegs - es wäre der erste seit 1975 - wäre das Abenteuer VfB für ihn also schnell vorbei.

Mit der Trennung von Keller vollzogen die auf einen Abstiegsplatz stehenden Schwaben schon den zweiten Trainerwechsel in dieser Saison und haben nun den vierten Coach in nur zwei Jahren. Am 13. Oktober hatte sich der Traditionsclub bereits vom letztjährigen Erfolgscoach Christian Gross getrennt und den bis dahin als Profitrainer unerfahrenen Jens Keller vom Assistenten zum Chef befördert.

Der achte Cheftrainer in sieben Jahren

Doch die Bilanz des 40-Jährigen war ernüchternd: Er führte den VfB in die K.o.-Runde der Europa League, in der Bundesliga holte er aber nur neun Punkte in neun Spielen. Bemerkenswert ist auch die Zwischenbilanz von VfB-Präsident Erwin Staudt: Labbadia ist in seiner knapp siebeneinhalbjährigen Amtszeit bereits der achte Cheftrainer.

Um die sportliche Totalkatstrophe zu verhindern, ausgerechnet dann abzusteigen, wenn 2011 der Umbau der Mercedes-Benz-Arena in ein reines Fußballstadion abgeschlossen wird, machte der Club einen Schnitt. Vom alten Trainerteam bleibt nur Torwarttrainer Eberhard Trautner, selbst der quasi zum VfB-Inventar gehörende Teambetreuer Jochen Rücker wurde aussortiert. Mit Labbadia kommt dessen Assistent Eddy Sözer.

So sprach Sportdirektor Fredi Bobic mehrfach vom "Neuanfang". Das trifft aber auch auf den Trainer zu: Der Verein und er bilden eine Art Schicksalsgemeinschaft. Geht Labbadias Mission schief, müsste Staudt wohl zurücktreten. Und für den Trainer, der als Spieler mit dem 1. FC Kaiserslautern und dem FC Bayern München zweimal deutscher Meister wurde, würde es wohl erst einmal keine Angebote mehr aus dem Fußball-Oberhaus geben.

Labbadia, der sture Disziplinfanatiker


Der bisher als Disziplinfanatiker und stur geltende Labbadia trieb zwar in der Saison 2008/2009 Bayer Leverkusen in der Vorrunde zum Erfolg, stürzte aber danach mit der Elf ab. Das Gleiche passierte ihm in der darauffolgenden Runde beim HSV. Nun muss er zeigen, dass er auch langfristig arbeiten kann. Das vergangene halbe Jahr scheint Labbadia genutzt zu haben, um sich darauf vorzubereiten. "Es gilt auch für mich, Neues aufzunehmen. Wo man Dinge, die nicht gut waren, ändern kann, muss man das tun", betonte der Hesse. Doch auch wenn Bobic von der "langfristigen Konzeption" Labbadias für den VfB spricht, hofft er in der akuten Krise vor allem auf eines: "Er hat gezeigt, dass er kurzfristig Erfolg haben kann", sagte der Sportdirektor.

Labbadia will nun möglichst schnell wieder einen Teamgeist in der von mehreren Trainern zusammengewürfelten Mannschaft etablieren. "Wir brauchen ein geschlossenes und kompaktes Auftreten der Mannschaft. Das steht über allem." Der Auftakt ist schwierig: vor der Winterpause tritt der VfB gleich zweimal in Bundesliga und DFB-Pokal auf den FC Bayern. Davor steht am Donnerstag nur das bedeutungslose letzte Gruppenspiel in der Europa League gegen Odense BK. "Wir müssen uns mental darauf einstellen, dass wir zum letzten Tag um die Klasse kämpfen", forderte Labbadia von seinen Spielern.

Vielleicht geht es ihm ja wie einst Felix Magath: Der hatte vor seinem Neustart beim VfB im Februar 2001 nie längere Zeit als Trainer durchgehalten. Doch er führte Stuttgart in die Champions League und wechselte 2004 zum FC Bayern. Der Rest ist bekannt.

DPA / DPA

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